Von Marc Pitzke, New York
New York - Gute Auktionäre sind auch gute Geschichtenerzähler. Etwa David Norman, der Vizepräsident des Auktionshauses Sotheby's. Norman wandert durch die Sotheby's-Galerie auf der Upper East Side und gestikuliert dabei, als gebe er "Hamlet". Seine Brauen wippen, seine Worte schwelgen in Superlativen. "Das allerfrischeste Werk", sagt er gerade, gefolgt von einem Adjektivsalvo: "Saftig, glühend, exquisit." Letzteres ist sein Lieblingswort.
Norman, der Co-Vorsitzende der Abteilung Impressionismus und Moderne Kunst beim ältesten Auktionshaus der Welt, ist ein Meister darin, potentiellen Bietern die Millionen locker zu machen. Das "allerfrischste Werk", von dem er redet, ist Paul Cézannes "Nature morte au melon vert", ein über 100-jähriges Stillleben, das auf der morgigen Frühjahrsauktion mindestens 18 Millionen Dollar bringen soll. Das wäre ein Rekord für ein Cézanne-Aquarell.
Noch harrt es im zehnten Stock der Sotheby's-Zentrale, von einem einzigen Halogen-Punktstrahler erhellt. Es misst nur knapp 32 mal 48 Zentimeter, doch Norman beschreibt es mit monumentalem Bombast. "Die Farben sind praktisch unverblasst", juchzt er und auf die Reißzweck-Löcher deutend: "Er griff es in mehreren Kampagnen an. Es ist ein Produkt unglaublicher, fast qualvoller Bemühungen."
Der wahre Stolz dieser Sotheby's-Saison aber hängt zwei Säle weiter allein an nackter Wand. Vier Farbstreifen - gelb, schwarz, weiß, rosa: Mark Rothkos "White Center", ein Ölbild des abstrakten Expressionisten, soll nächste Woche für mindestens 40 Millionen Dollar unter den Hammer kommen. Er würde sich nicht wundern, wenn es die 100-Millionen-Marke bricht, sagt der gebürtige Wiener Tobias Meyer, der Topexperte für zeitgenössische Kunst hier. Meyer steht vor der 2 mal 1,40 Meter großen Leinwand wie ein Priester vor einem Altar. "Mal sehen, was der Markt hergibt."
"Restauriert wie ein alter Meister"
Der Markt gibt dieser Tage viel her, vor allem für Sotheby's. Fast sieben Jahre, nachdem ihm ein Preisabsprachen-Skandal fast das Genick brach, ist das Auktionshaus wieder ganz oben. Für die Top-Versteigerungen des Frühjahrs und Sommers, die morgen in New York beginnen, hat es seinen Kunden Preisgarantien von 300 Millionen Dollar gegeben. Insgesamt bietet es Kunst für mindestens 702 Millionen Dollar an - 33 Millionen Dollar mehr als Rivale Christie's.
Die Sotheby's-Auktionsergebnisse der ersten vier Monate 2007 liegen jetzt schon 41 Prozent über den Vergleichswerten von 2006. Die Rekorde, die voriges Jahr purzelten, dürften dieses Jahr also erneut gebrochen werden.
Gleiches gilt für den Börsenkurs. Seit 2003 hat die Sotheby's-Aktie über 400 Prozent zugelegt; allein seit vergangenem Sommer hat sie sich mehr als verdoppelt. Am Freitag notierte Sotheby's bei knapp 50 Dollar - das Dreifache dessen, was die Aktie nach dem Skandal wert war. Bei der heute fälligen Quartalsbilanz erwarten Analysten ein Umsatzplus von 186 Prozent zum Vorjahr. Die Shareholder dankten es CEO Bill Ruprecht, indem sie ihm fast neun Millionen Dollar Salär und Bonus zusprachen.
Sotheby's habe sich "restauriert wie ein alter Meister", kalauerte das "Wall Street Journal". Das verdankt es nicht nur Ruprecht, der 2000 das Ruder von Alfred Taubman übernahm - Taubman kam wegen Preisabsprachen mit dem Konkurrenten Christie's für zehn Monate in Haft - und seither unermüdlich um die Welt jettet, Kunden pflegend. Es verdankt das auch einem Kunstboom, der von einer florierenden Wall Street zusätzlich angefacht wird, sowie seiner immer aggressiveren Auktionspolitik.
"Weltweite Akkumulation von Reichtum"
So konnte Sotheby's seinem Midtown-Gegner Christie's mit exorbitanten Preisgarantien Kunden und Ware abspenstig machen - und im US-Markt für feine Kunst, den sich die beiden fast alleine im Duopol aufteilen, zählt jedes Auktionsobjekt. Christie's ist nicht an der Börse notiert und im Privatbesitz, hat jedoch nach eigenen Angaben zwangsläufig nun mit ähnlich hohen Mindestpreisen nachziehen müssen.
Sotheby's verdient sein Geld hauptsächlich mit den Gebühren, die es auf die explodierenden Auktionsergebnisse noch draufschlägt: 20 Prozent für die ersten 500.000 Dollar, 12 Prozent für alles darüber. Seine Kosten dagegen hat Sotheby's relativ stabil halten können. Die Folge: hübsche Profitsteigerungen.
Noch trägt der Kunstmarkt die Margen. "Auch wenn wir uns dauernd um Abkühlungsszenarios sorgen", sagte Analyst George Sutton von Craig-Hallum Capital dem Wirtschaftsdienst Bloomberg, "müssen wir in Betracht ziehen, wie mächtig dieser Trend in weltweiter Akkumulation von Reichtum ist." So tauchten auf den jüngsten Sotheby's-Auktionen auffallend viele neue Multimillionäre aus Russland und China auf. Doch Sammlerkunst ist bekanntlich eine notorisch zyklische Szene. Selbst Ruprecht weiß: "Diese Wachstumskurve können wir nicht ewig beibehaben."
"Wie eine Symphonie"
In der Sotheby's-Galerie an der York Avenue ist von Abkühlung jedenfalls nichts zu spüren. Ein paar distinguierte Kunden - potentielle Bieter - wandern diskret durch die Hallen, um die hier ausgestellten 61 Auktionsstücke für diese und nächste Woche schon mal vorab zu begutachten. Darunter 15 Picassos - etwa das Mini-Porträt "Tête d'arlequin", geschätzt auf mindestens 18 Millionen Dollar. Außerdem: Francis Bacons "Study from Innocent X" (30 Millionen Dollar), Jackson Pollocks "Number 16" (25 Millionen Dollar), Tom Wesselmanns Pop-Art-Blickfang "Smoker #17" (3,5 Millionen Dollar) sowie ein Joan Míro für 10 Millionen und ein Marc Chagall für 12 Millionen Dollar.
David Norman verlangsamt seinen Schritt ehrfürchtig vor einem Ölgemälde von Lyonel Feininger. "Jesuiten III" heißt es und zeigt vier Gestalten in einem Park. Norman schwärmt über die "exquisiten Farben", das "wundervolle Wechselspiel von Heilig und Profan". "Es ist", murmelt er, "wie eine Symphonie." Hört man ihm zu, möchte man es fast selbst mitnehmen. Die Gelegenheit ergibt sich auf der morgigen Auktion. Mindestgebot: neun Millionen Dollar.
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