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18. Februar 2007, 18:25 Uhr

Ausbeutung

Indiens halbherziger Kampf gegen die Kinderarbeit

Von Thomas Schmitt, Bangalore

In keinem anderen Staat gibt es so viele Kinderarbeiter wie in Indien. Boykotte, Sanktionen und Gesetze konnten das Problem bisher nicht ausmerzen – denn Religion und Kastensystem stützen das System der Ausbeutung.

Zwei Momentaufnahmen aus dem Bangalore von heute: In einem spärlich beleuchteten Raum hocken 40 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren auf dem Boden. Schulbänke gibt es nicht, Stühle fehlen, auch eine Schreibtafel an der Wand sucht man vergebens in diesem "Klassenzimmer". Die Kinder halten jeweils einen Bleistift und einen Notizblock in der Hand. Ihr Unterrichtsraum misst gerade mal 25 Quadratmeter.

Ein paar Häuserblocks weiter lärmen kleine Grüppchen von Schülern am Straßenrand. Sie warten auf den Bus, der sie zurück zu den Wohnhäusern ihrer Eltern fährt. Die Schüler tragen übergroße Ranzen und faltenfrei gebügelte Uniformen.

Die einen, die Wohlhabenden, kommen aus der Privatschule. An Computer-Arbeitsplätzen in vollklimatisierten Räumen haben sie soeben ihren Unterricht in Algebra absolviert. Die anderen in der angemieteten Baracke durchlaufen ein Rehabilitationsprogramm. Es sind ehemalige Kinderarbeiter.

Ob ein Kind eine exzellente Ausbildung bekommt oder ein ärmliches Zubrot zum Einkommen seiner Familie beisteuern muss - darüber entscheidet in Indien oft einfach die Herkunft. Einer Unicef-Studie zufolge gibt es auf dem Subkontinent mehr als 35 Millionen Kinderarbeiter, 15 Prozent davon jünger als 14 Jahre. Inoffizielle Schätzungen gehen von weit höheren Gesamtzahlen zwischen 60 bis sogar 125 Millionen aus.

Teppichindustrie als einer der Hauptübeltäter

Das Problem ist seit Jahren bekannt - nur bewegt sich wenig. "Soziale Ungerechtigkeit und gesellschaftlicher Ausschluss haben in Indien eine lange Tradition", sagt Lakshmidhar Mishra, ein Sozialwissenschaftler. Kritik kommt vornehmlich von außen: Die internationale Gemeinschaft rügt die Praxis der Kinderarbeit wieder und wieder, mehrfach wurden Boykotte und Sanktionen gegen indische Branchen beschlossen - insbesondere gegen die Teppichindustrie, einen der Hauptübeltäter.

Asien vorn: Kinderarbeit weltweit
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Asien vorn: Kinderarbeit weltweit

Viele indische Branchenvertreter lassen die Kritik an sich abperlen. Sie sprechen vom "kalkulierten Protektionismus" des Westens, unterstellen Heuchelei: In Wahrheit ginge es den entwickelten Industrienationen doch nur darum, die Preise hochzuhalten und sich vor Konkurrenten zu schützen.

Billig jedenfalls sind die Produkte, die von minderjährigen Arbeitern hergestellt werden. Ob es um die Feuerwerkshersteller im südöstlichen Tamil Nadu geht, um die Teppich-, Seiden- und Kupferwarenindustrie im nördlichen Uttar Pradesh oder die Edelsteinindustrie im Bombay – "alle bedienen sich der Kinderarbeit, um bessere Preise erzielen zu können", sagt der Sozialwissenschafter Mishra. Andere Industriezweige, die mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht werden, seien die Strickwarenindustrie, Streichholzfabriken, Zigarren-Manufakturen, Teeplantagen in Assam oder auch der Baumwoll- und Zuckerrohranbau.

"Psyche für den Rest des Lebens zerstört"

Das Gros der Kinderarbeiter schuftet jedoch im informellen Sektor, in der Landwirtschaft oder in Haushalten. Erntehelfer, Tellerwäscher, Reinigungskräfte in den Diensten der neuen Mittel- und Oberschicht: Das Heer der Minderjährigen bildet ein gigantisches Reservoir an Arbeitskraft – und befeuert Indiens Aufstieg zur neuen Supermacht der Wirtschaft. "Das ist erschreckend für ein Land, das für sich in Anspruch nimmt, zukünftig zu den führenden Industrienationen zählen zu wollen", schrieb kürzlich ein Kolumnist der Tageszeitung "The Hindu".

Bei denjenigen Kindern, die aus Geldnot "verkauft" und über Kontraktoren in die Städte verschleppt werden, sind verschiedenste Fälle von Misshandlungen dokumentiert. "Aber die Gefahren sind nicht ausschließlich körperlicher Natur", sagt Neera Burra, ein Kollege von Mishra. Oft seien die sozialen und emotionalen Folgen viel gravierender. "In nicht wenigen Fällen wird die Psyche eines Kindes für den Rest des Lebens zerstört."

"Die überwiegende Mehrzahl der Kinderarbeiter entstammen Dalit- und Muslim-Familien", sagt Shruti Raghuvansh, eine Sozialaktivistin. Auch der Politologe Indra Bhushan Singh weist darauf hin, dass "diese Gesellschaftsgruppen zur Ausbeutung quasi prädestiniert sind" – seit Generationen werde ihnen sozial und wirtschaftlich der Aufstieg verwehrt.

Nach Geschlecht: Kinderarbeit in Indien
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Nach Geschlecht: Kinderarbeit in Indien

So sind neben der Armut der Eltern auch andere Faktoren für Kinderarbeit verantwortlich – etwa die Religion oder die Kaste. Interessanterweise sind es die prosperierenden Unionsstaaten, die für mehr als 40 Prozent aller Kinderarbeiter verantwortlich zeichnen: Karnataka, Tamil Nadu, Maharasthra und Andrah Pradesh. Der über lange Zeit kommunistisch regierte und zu weiten Teilen christliche Unionsstaat Karala hingegen, habe "nur" 10.000 Kinderarbeiter, sagt Pater Philip Parakatt von der Don-Bosco-Gemeinschaft. Diese wiederum entstammten "zu 90 Prozent Migrantenfamilien, die zugezogen sind".

"Gesetze routinemäßig verwässert"

Man müsse den Kindern doch die Möglichkeit geben, die "traditionellen" Tätigkeiten ihrer Eltern zu erlernen, betonen fundamentalistische Kastenhindus gern. Verschwiegen wird dabei, dass den Kindern nur Fertigkeiten gemäß ihres schwachen sozialen Hintergrunds zuteil werden - was die Kastenhierarchie festigt und den Eliten beim Statuserhalt hilft.

Der Staat geht das Thema bestenfalls halbherzig an. "Außer einer Fülle von Gesetzen, die nur auf dem Papier Bestand haben, genießen diese Kinder so gut wie keinen Schutz", betont Burra. Die Regierung hat die Arbeit von Minderjährigen zwar jüngst reglementiert, aber nicht gänzlich verboten.

So wurde im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen, das die Beschäftigung von Kindern als Dienstmädchen oder -jungen im Haushalt und an Lebensmittelständen verbietet - wenn sie jünger als 14 sind. Kategorisch ausgeschlossen wird durch den Bonded Labour System (Abolition) Act aus dem Jahr 1976 aber nur die Versklavung. "Es fehlt der Wille zur Überwachung und Durchsetzung", sagt der Sozialwissenschaftler Neera Burra. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch habe schon vor Jahren kritisiert, dass die Gesetze "routinemäßig verwässert" würden.

Erst kürzlich haben Sozialaktivisten - in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsministerium - in Bangalore wieder sieben Kinderarbeiter auf einer Baustelle aufgegriffen, darunter drei Mädchen. Alle waren jünger als 14 Jahre und schleppten Sand und schwere Steine.

Träger des Bauprojektes war eine städtische Behörde.

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