Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausfuhren: Exportweltmeister-Titel teuer erkauft

Von Kai Lange

Deutschland dürfte auch in diesem Jahr Exportweltmeister werden. Im Zehnjahresvergleich haben deutsche Exporteure sogar Marktanteile hinzugewonnen und Länder wie USA oder Frankreich distanziert. Doch die Erfolge im Ausland sind teuer errungen - der Weltmeistertitel wird immer weniger wert.

Hamburg - Es gehört wieder zum guten Ton, Deutschlands Wirtschaftskraft zu loben. Sowohl die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) als auch der Internationale Währungsfonds (IWF) haben ihre Prognosen für Deutschland kräftig erhöht und gehen nun für 2006 von einem Wirtschaftswachstum von 2,2 beziehungsweise 2,0 Prozent aus. "In Deutschland brummt es", hieß es beim IWF, und die OECD hob besonders Deutschlands Exporterfolge hervor.

Export per Schiff: Erfolgsgarant für die deutsche Wirtschaft
DPA

Export per Schiff: Erfolgsgarant für die deutsche Wirtschaft

Angesichts einer sinkenden Neuverschuldung hat auch die EU-Kommission das Defizitverfahren gegen Deutschland vorläufig eingestellt: Die mit 80 Millionen Menschen größte Volkswirtschaft Europas hat sich vom "kranken Mann" zum Hoffnungsträger des alten Kontinents gewandelt.

Der Export, seit Jahren wichtigste Stütze der deutschen Wirtschaft, bleibt der Erfolgsgarant. Trotz starker Wachstumsraten Chinas habe Deutschland gute Chancen, den seit 2003 gehaltenen Titel "Exportweltmeister" zu verteidigen, sagt Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA). In diesem Jahr dürften die Ausfuhren nach Schätzungen des Verbandes um rund elf Prozent auf einen Wert von 873 Milliarden Euro steigen, während die Importe um 16 Prozent auf 725 Milliarden Euro zulegen dürften. Damit bliebe ein Außenhandelsüberschuss von knapp 150 Milliarden Euro.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigte diese Einschätzung: Mit einem Plus der Warenausfuhren von 13 Prozent im ersten Halbjahr auf 432 Milliarden Euro sei Deutschland auf gutem Weg, zum vierten Mal in Folge Exportweltmeister zu werden.

China und Russland legen kräftig zu

Das Exportwachstum schafft auch Arbeitsplätze: 8,4 Millionen Jobs in Deutschland hingen im Vorjahr nach Angaben des Statistischen Bundesamtes am Export, 40 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Die Konkurrenz holt allerdings auf. Chinas Exportvolumen wuchs im vergangenen Jahr um knapp 30 Prozent, während Russland seinen ausländischen Kunden sogar einen um 34 Prozent höheren Beitrag in Rechnung stellte: Die steigenden Energiepreise haben Russlands wichtigstes Exportgut stark verteuert und die Staatskassen prall gefüllt, doch hängt Russlands Handelsbilanz damit stark vom schwankenden Energiesektor ab.

Um sich gegen aufstrebende Exporteure wie China zu behaupten, muss Deutschland seine Position auf den ausländischen Absatzmärkten verbessern. Und hier hat sich die Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren gut geschlagen, rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vor.

Deutschland gewinnt Marktanteile

Die Exportperformance, die den Erfolg eines Landes auf ausländischen Absatzmärkten misst, ist für Deutschland seit 1995 gestiegen. Der von der OECD entwickelte Indikator der Exportperformance setzt die Entwicklung der Ausfuhren eines Landes in Beziehung zum Importwachstum der Handelspartner: Auf diese Weise zeigt die Exportperformance, ob der Export sich besser oder schlechter entwickelt als die allgemeine Nachfrage an den Absatzmärkten. Steigen die Exporte stärker als die Nachfrage, gewinnt das Land Marktanteile hinzu.

Exportmärkte im Vergleich: Osteuropa vorn, doch Deutschland lässt die USA und Japan klar hinter sich.
manager-magazin.de

Exportmärkte im Vergleich: Osteuropa vorn, doch Deutschland lässt die USA und Japan klar hinter sich.

Deutschland hat den Daten der OECD zufolge seine Exportperformance seit 1995 um immerhin fünf Prozent verbessert, während Länder wie die USA (minus 19 Prozent), Italien (minus 46 Prozent), Frankreich (minus 17 Prozent) oder Japan (minus 11 Prozent) Marktanteile verloren haben. An der Spitze der Exportperformance stehen neben den üblichen Verdächtigen Südkorea und Irland vor allem die EU-Neulinge aus Osteuropa: Ungarn, die Slowakei, Polen und Tschechien konnten ihre Performance um 30 bis 90 Prozent steigern. Spitzenreiter Ungarn, das seine Performance annähernd verdoppelt hat, steigerte nach Angaben des IW seit dem Jahr 2000 seine Warenexporte jedes Jahr um durchschnittlich 17 Prozent.

Für Deutschland ist eine Steigerung um fünf Prozent dennoch achtbar, zumal sie von einem höheren Ausgangsniveau ausgeht und Deutschland die westlichen Industrienationen damit klar hinter sich lässt (siehe Grafik).

Deutsche Basarökonomie

Die wichtigsten Gründe für Deutschlands gutes Abschneiden im Export: Seit 2001 stagnierten hier die Löhne, während sie in Ländern wie Italien oder den USA im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen sind. Die bescheidenen Tarifabschlüsse in Deutschland haben mit dafür gesorgt, dass die Lohnstückkosten fielen und die Produktivität stieg: Beobachter, die in der Vergangenheit über den teuren Standort Deutschland mäkelten, loben jetzt das deutsche "Lohnkostenwunder".

Zweitens haben viele deutsche Exportunternehmen Teile ihrer Produktion in günstigere ausländische Produktionsstandorte verlagert, vor allem in Osteuropa. Die im Ausland erstellten günstigen Vorleistungen erlauben es den Unternehmen, ihr Endprodukt zu vergleichsweise günstigen Preisen auf dem Weltmarkt anzubieten. Kritiker sprechen von einer "Basarökonomie", weil das Produkt "Made in Germany" im Extremfall nur noch in Deutschland zusammengeschraubt wurde.

Ohne eine solche Basarökonomie wäre Deutschlands Performance auf den Weltmärkten dennoch spürbar schwächer – deutsche Unternehmen machen sich die internationale Arbeitsteilung also zunutze, um gegen ihre Wettbewerber zu bestehen.

Drittens profitierte die deutsche Exportperformance von der Erholung des Euro, da die OECD das Exportvolumen in Dollar misst und sich Wechselkursveränderungen hier positiv auswirken.

"Sommermärchen" Fußball-Weltmeisterschaft

Wechselkurse, stagnierende Löhne, Basarökonomie: Die deutschen Exporterfolge sind beachtlich - aber teuer erkauft. Auch die OECD bemerkt in ihrem Deutschland-Bericht, dass die deutsche Wirtschaft ihren steigenden Weltmarktanteil zum Preis fallender Lohnstückkosten errungen habe. Das bedeutet: Deutschland exportiert zwar viel, von den Export-Erlösen kommt jedoch kaum etwas bei den Beschäftigten im Inland an.

Die Folge ist eine schwache Binnennachfrage. Der Konsum im Inland, eine entscheidende Größe für das Wirtschaftswachstum, hinkt der Exportentwicklung seit Jahren weit hinterher. Die deutsche Wirtschaft ist nach wie vor zu stark vom Export abhängig: Das "Sommermärchen" Fußball-Weltmeisterschaft kann die Binnenkonjunktur zwar kurzzeitig beleben - eine langfristige Stärkung der Kaufkraft jedoch nicht ersetzen.

Verstärkt wird dieser Effekt durch die Basarökonomie: Deutschland nennt sich zwar Exportweltmeister, ist zur Verteidigung des Titels aber immer mehr auf ausländische Mitspieler angewiesen. Dies ist nicht verwerflich und folgt den Gesetzen internationaler Arbeitsteilung, doch der Impuls für die Binnenkonjunktur bleibt damit aus.

Starke Lohnsteigerungen oder geringere Abgabenlast

Durch Nullrunden daheim und Verlagerung von Produktion ins Ausland kann Deutschland zwar weiter in der Export-Spitzenliga spielen. Die positiven Effekte, die eine solche Spitzenstellung auf das gesamte deutsche Wirtschaftswachstum hat, dürften aber mit der Zeit immer schwächer werden.

Die deutschen Konsumenten können sich vom Titel Exportweltmeister nichts kaufen, wohl aber von höheren Nettolöhnen. Das muss nach Einschätzung der OECD nicht zwangsläufig durch starke Lohnsteigerungen erreicht werden, vielmehr ist auch eine geringere Abgabenlast für Beschäftigte und Unternehmen eine Möglichkeit.

Die geplante Absenkung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung um zwei Prozentpunkte kann nur ein Anfang sein: Wird dieser Betrag von steigender Mehrwertsteuer und höheren Krankenkassenbeiträgen im kommenden Jahr wieder aufgezehrt, sind die Lobeshymnen über das deutsche Comeback schnell verklungen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: