Ausgeruhte Dänen Morgenmuffel starten Schlaf-Revolution

In Dänemark bahnt sich eine Revolution an: Tausende Langschläfer rebellieren gegen den Zwang zum Frühaufstehen. Bald startet die erste Spätmorgen-Schulklasse, sogar Sonder-Arbeitsverträge gibt es schon - deutsche Morgenmuffel sind neidisch.

Von


Hamburg – "Lasst die Tyrannei der A-Zeit enden", heißt es auf der Webseite der B-Gesellschaft. "Warum stehen wir immer noch mit dem ersten Hahnenschrei auf und wenn die erste Kuh das Muhen beginnt, wenn nur noch fünf Prozent der Menschen in der Landwirtschaft und der Fischerei arbeiten?", fragt Vereinsgründerin Camilla Kring ihre Mitbürger.

Ausschlafen - bis in den Vormittag hinein: Eine Lobby für die B-Menschen
DDP

Ausschlafen - bis in den Vormittag hinein: Eine Lobby für die B-Menschen

Die 29-jährige Dänin hat den Kampf gegen die Herrschaft der Frühaufsteher zu ihrer Mission gemacht. Sie arbeitet als "Work-Life-Balance-Beraterin" und gründete im Januar mit 66 anderen Langschläfern die B-Gesellschaft - eine Art Lobbygruppe für B-Menschen. Will sagen: für notorische Langschläfer.

Der Erfolg ist beachtlich. Mehr als 3000 der gerade mal fünf Millionen Dänen haben sich dem Club schon angeschlossen. Große Zeitungen setzen sich in Leitartikeln mit dem B-Phänomen auseinander. Familienministerin Carina Christensen erklärte ihre Sympathie: "Wir leben alle besser, wenn unser Dasein nicht dauernd von einem Wecker fremdbestimmt wird." Auch ein Sponsor für den Verein hat sich gefunden: ein Hersteller von Ohrstöpseln.

Langschläferin Kring: Weg vom Rhythmus der Kuh

Langschläferin Kring: Weg vom Rhythmus der Kuh

Nach intensiven Beratungen mit den Experten der Gruppe startet nach den Sommerferien sogar eine Oberstufen-Schule in Kopenhagen die erste B-Klasse des Landes - Unterrichtsbeginn 12.30 Uhr. "Wir haben erst an diesem Montag die Ankündigung ans schwarze Brett gehängt", sagt Lehrer Ole Vadmand. "Seitdem werden wir überschüttet mit Anfragen."

Kein Wunder. Vor allem für Teenager ist frühes Aufstehen aus rein biologischen Gründen das nackte Grauen, das steht wissenschaftlich inzwischen außer Frage. Was in Dänemark die A- und B-Typen sind, bezeichnen Forscher hierzulande als "Eulen" und "Lerchen". Vor allem Schüler im Alter von 16 bis 18 neigten zum Eulen-Dasein, sagt der Regensburger Psychiatrie-Professor Jürgen Zulley. "Das, was denen in der ersten Stunde erzählt wird, kann man praktisch vergessen."

Hälfte der Bevölkerung im Dauer-Jetlag?

Wie unterschiedlich die inneren Uhren bei Erwachsenen noch ticken, ist freilich umstritten. Zulley glaubt, dass mindestens 90 Prozent der Menschen nach der anstrengenden Pubertät zu Schlaf-Normalos werden - die locker um neun Uhr morgens frisch sein können. Sein Kollege Till Roenneberg kam nach der Befragung von 500 Testpersonen dagegen zu dem Ergebnis: Die Hälfte lebt in einer Art Dauer-Jetlag - den nicht wenige tagtäglich mit deutlich erhöhtem Zigaretten- oder Alkoholkonsum bekämpfen.

Die B-Gesellschaft ihrerseits hat sich Schützenhilfe von dänischen Wissenschaftlern geholt, denen zufolge etwa 15 bis 25 Prozent der Menschen genetische Langschläfer sind. Dass der Verein mit seinem Anliegen von Arbeitgebern todernst genommen wird, hat aber neben dem wissenschaftlichen Anstrich noch einen Grund: Die Arbeitslosenquote in Dänemark liegt bei 3,9 Prozent, überall fehlen Fachkräfte. Da sind Chefs wohl eher mal bereit, ungewöhnliche Wünsche von Mitarbeitern zu diskutieren.

So kann der Verein schon den "ersten B-Vertrag in Dänemark" bejubeln: Eine Sportwissenschaftlerin setzte im Bewerbungsgespräch durch, dass sie im Gegensatz zum Rest der Kollegen nicht um 8.30 Uhr, sondern erst um 10 Uhr auf der Matte stehen muss.

Bei ihrer neuen Chefin führte das Anliegen nur zu einem kurzen Schmunzeln. "Wie kommen solchen Wünschen öfter nach. Ein Mitarbeiter von uns kann sogar jedes Jahr von Januar bis März eine Art Sabbatical machen, weil er leidenschaftlich gern Ski fährt", sagt sie.

Standing Ovations für frühes Erscheinen

Zustände, von denen Günter Woog nur träumen kann. Er müht sich mit seinem 130-Mann-Verein delta t in Deutschland schon seit 14 Jahren ab, Morgenmuffeln Gehör zu verschaffen. Die Deutschen sind offensichtlich noch nicht reif für die neue Zeitphilosophie. Der soziale Druck sei gewaltig, sagt Woog. "Eine Frau, die bei uns Mitglied war, nutzte ihre Gleitzeit bis zur letzten Minute aus. Die wurde richtig gemobbt von den Kollegen. Wenn sie einmal früher kam, bekam sie Standing Ovations."

Der 52-Jährige ist selbständiger Grafiker. Seinen einzigen und letzten Versuch eines geregelten Angestelltendaseins startete er in den Achtzigern in der Trick-Abteilung eines Fernsehsenders. Ein Drama. "Eigentlich war es wurscht, wann die Arbeit gemacht wurde, so lange sie zu einer bestimmten Deadline fertig war." Trotzdem galt: Arbeitsbeginn neun Uhr. "Ich habe um jede Minute Schlaf gekämpft. Zeitschaltuhr an der Kaffeemaschine, ein süßes Stück im Auto, irgendwann habe ich mich bei der Fahrt sogar rasiert." Trotzdem fiel das Frühstück in der Kantine immer öfter mit dem Mittagessen der Kollegen zusammen. Nach 14 Monaten war das Experiment beendet. "Mein Chef glaubte, mein Verhalten zersetze die Moral der Abteilung", sagt Woog.

Anders als die dänische B-Gruppe startete delta t seinerzeit als Spaßverein einiger Akademiker. Inzwischen nimmt Woog die Sache trotz der humoristischen Homepage eigentlich bitterernst und kann sich ob der Ignoranz vieler Bundesbürger richtig in Rage reden. "Es gehen Beziehungen wegen unterschiedlicher Schlafgewohnheiten auseinander, Leute verlieren ihren Job, weil sie morgens nichts leisten können", schimpft er.

In einer Gesellschaft, in der unzählige Arbeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit erledigt werden können, gehörten selbstbestimmte Arbeitszeiten zum "Recht auf freie Lebensgestaltung." Versuche, Langschläfern den Zeitplan der Frühaufsteher aufzuzwingen, findet Woog jedenfalls "regelrecht kriminell".



Forum - Spätere Arbeitszeiten für Langschläfer - Luxus oder machbar?
insgesamt 290 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
leo-minor 02.04.2007
1.
Ich habe noch nie verstanden, warum es in den Büros von Deutschland so sehr drauf geachtet wird, wann man morgens anfängt. Jeder hat doch seinen eigenen Biorythmus. Und wenn man dann die Möglichkeit hat sich dem zu richten, steigert es die Leistung erheblich.
ElizIza 02.04.2007
2.
Zitat von leo-minorIch habe noch nie verstanden, warum es in den Büros von Deutschland so sehr drauf geachtet wird, wann man morgens anfängt. Jeder hat doch seinen eigenen Biorythmus. Und wenn man dann die Möglichkeit hat sich dem zu richten, steigert es die Leistung erheblich.
Stimme Ihnen völlig zu. Im übrigen ist der Begriff "Langschläfer" unglücklich. Die Leute schlafen nicht länger im Sinne von "mehr Stunden" sondern zu anderen Zeiten.
leo-minor 02.04.2007
3.
Ich fange mein Tag im Büro immer so gegen 9 an. Jedenfall stand mal ein älterer Herr am Werkstor und schaute auf die und schüttelte dann seinen Kopf während er mich anschaute. Nach dem Motto, "Was, so lange geschlafen und erst jetzt zur Arbeit." Ich möchte nicht ausrechnen, wie hoch der damalige wirtschaftliche Schaden war, als alle gezwungen wurden, sehr früh am Tag im Büro zu sein. Einfach nur vor dem Rechner sitzen und vor sich hin zu dösen, weil das persönliche Leistungsniveau weit von Gut und Böse war.
inci 02.04.2007
4.
Zitat von sysopSchlafforschern zufolge ist frühes Aufstehen für Langschläfer auf Dauer ungesund. Sind spezielle Arbeitszeiten für Spätaufsteher umsetzbar?
fehlt eigentlich nur noch eine studie, die aus dieser tatsache impulse für den arbeitsmarkt propagiert. titel der studie: "ausnutzung von arbeitsplatzreserven durch effeziente berücksichtigung des persönliches schlafverhaltens von arbeitnehmern in unternehmen". berger und mckinsey können mit sicherheit auch den nachweis erbringen, daß durch einen gezielten einsatz von frühaufstehern, langschläfern und nachteulen, auch im nicht produzierenden gewerbe ein 3-schicht-system realisiert werden kann. das bringt dann auch endlich die unter kritik stehende BA aus der schußlinie, da die jobcenter dann die hartz4-ler rund um die uhr vermitteln können. und in kombination der dann von frau von der leyen dann geforderten 24-stunden-kitas entgeht auch keine frau mehr einem arbeitsplatz und ihrer persönlichen karrierechance............;-))
jinky, 02.04.2007
5.
Zitat von sysopSchlafforschern zufolge ist frühes Aufstehen für Langschläfer auf Dauer ungesund. Sind spezielle Arbeitszeiten für Spätaufsteher umsetzbar?
Mein Mann ist a. Spät- und b. Langschläfer. Auf letzteres kann wohl keine Rücksicht genommen werden - wenn ein Tarifvertrag 8 h/Tag vorsieht, sieht er das vor, und mein Mann muß die Stunden, die er mehr schlafen will als andere, eben an der Freizeit einsparen oder sich mit einer Halbtagsstelle begnügen. Kein Problem - oder jedenfalls SEIN Problem. Aber mit dem Spätschlafen verhält es sich so: er hat im öffentlichen Dienst gearbeitet; da gab es Gleitzeit, d. h. er mußte irgendwann zwischen 6:30 und 9 am Arbeitsplatz aufschlagen. Seine Anregung, man möge ihn doch erst um 10 oder gar 11 kommen lassen (bei gleicher Gesamtarbeitszeit natürlich), wurde mit schwersten Vorwürfen ("Faulheit! Unerhört!") quittiert. Dabei fanden Besprechungen regulär sowieso grundsätzlich am frühen Nachmittag statt, bei vielen anderen Dingen wie Papierkram war es egal, wann er sie erledigte, sofern sie termingerecht erledigt wurden - und bei den Beratungen für die Bürger, Telefondienst oder dergl., wäre es sicherlich dem Publikum sehr entgegengekommen, wenn auch mal etwas länger abends jemand telefonisch erreichbar gewesen wäre. Die anderen Kollegen nämlich zogen es vor, schon um 6:30 aufzutauchen (da ruft garantiert kein Bürger an) und dafür um 15:30 Uhr abzuhauen - also genau dann, wenn Otto Normalverbraucher seinerseits allmählich von der Arbeit heimkommt und sich z. B. um seinen Müllgebührenbescheid kümmern woll, aber niemanden mehr an die Strippe kriegt. Aber klar, früh aufzustehen ist per se ehrenhaft, auch wenn das dazu führt, daß man seine Arbeitszeit mit Zeitungslektüre und Kaffeekochen zubringt (manche Kollegen gaben offen zu, das deshalb so zu handhaben, um den Streßzeiten ab ca. 16 Uhr, wenn ununterbrochen das Telefon klingelt, aus dem Weg zu gehen), wohingegen länger zu schlafen, aber dafür dann da zu sein, wenn andere einen brauchen, als Ausweis deplorabler Arbeitsmoral gilt. Da kann man nur noch den Kopf schütteln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.