Wirtschaftsgeschichte Von fliegenden Stullen

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa die Rohrpostbeamtin.

Rohrpostbeamtinnen: sauberer Beruf für unabhängige Frauen
Irmela Schautz

Rohrpostbeamtinnen: sauberer Beruf für unabhängige Frauen


Rohrpostbeamtin: Überwachte den Rohrpostverkehr

Erkennungszeichen: saubere Kleidung

Aktive Zeit: 1863 mit der Einführung der Rohrpost, zuerst in England, bis zum Versand der letzten Rohrpost in Paris 1984 (firmeninterne Rohrpostanlagen sind noch heute in Betrieb)

"Time Magazin", 30. April 1984: "Adieu to the pneu - schlechte Kunde kam neulich aus Paris: Sie haben dort die carte pneumatique abgeschafft, üblicherweise bekannt geworden als 'pneu'; eine Einrichtung, die zurückreicht bis in die Tage des Kaiserreichs Napoleon III. Denjenigen, die nicht ihre Jugendzeit in Paris verlebt haben und daher nichts über den 'pneu' wissen können, sei gesagt, dass es sich dabei um einen auf graublauem Papier gedruckten Brief handelt, der durch ein 269-Meilen-Netz pneumatischer Röhren geschickt und durch einen Postboten auf einem Fahrrad zugestellt wurde. Der pneu war schneller als ein gewöhnlicher Brief (er brauchte nur 2 Stunden) und billiger als ein Telegramm (1,80 US-Dollar), das ideale Mittel also, um auf dem rive gauche, dem linken Flussufer der Seine, wo es nur wenige Hotelzimmer mit Telefonanschluss gab, Feste des Informationsaustauschs zu feiern. Durch den pneu erfuhr man, wer einen neuen Job gefunden hatte, wo eine Beziehungskrise durchgestanden war, eine Verabredung getroffen oder auch abgesagt wurde. 'Kann heute nicht zum Abendessen kommen. Wie wär's mit Mittwoch?' So was in der Art."

Knapp über hundert Jahre lang sausten Rohrpostbriefe durch den Untergrund von Paris, London, Berlin, New York und vielen anderen Metropolen der Welt. Die erste "Pneumatic Mail Dispatch Order" wurde 1863 in London durchs Rohr geschossen, die letzte ploppte 1984 in Paris aus dem Netz. Die Rohrpost als flächendeckendes Kommunikationsmedium etablierte sich in einer Welt, in der noch Kaiser und Könige Europa regierten, Jules Verne über einen Ausflug zum Mond schrieb und die industrielle Revolution nicht mehr wegzudenken war.

Maschinen produzierten Ware, und weil Maschinen nicht mit Herzschlag, sondern mit Walzen und Winden arbeiten, musste auch das Leben derer, die sie bedienten und deren Produkte verkauften, genauer getaktet sein. Es war die Zeit vor den Ampeln; die Straßen waren von Pferdefuhrwerken verstopft, Fahrräder waren noch keine Alternative. Nichtsdestotrotz mussten Nachrichten rascher übermittelt werden. Es gab zwar schon die Möglichkeit des Telegrafierens, doch auch Telegramme mussten von den Telegrafenämtern durch den dicken Verkehr zugestellt werden. So entstand die Idee, die verschiedenen Postämter unterirdisch mit Rohren zu verbinden, durch die man kleine, mit Nachrichten gefüllte Büchsen mittels Druckluft schleusen konnte.

1886, zum zehnjährigen Jubiläum der freigeschalteten Rohrpost, schrieb das Reichspostamt:

"In diesem Zeitraum hat sich das für den großstädtischen Verkehr inzwischen unentbehrlich gewordene Verkehrsmittel in kaum vorauszusehender Weise einer immer lebhafteren Benutzung seitens des Publikums zu erfreuen gehabt."

Jede Nachricht innerhalb von einer Stunde beim Empfänger

1938 waren es weit über sieben Millionen Karten, Telegramme, Briefe und kleine Pakete, die Berlins mehr als neunzig Rohrpostämter durchliefen. Angestrebtes Ziel war, dass jede Nachricht innerhalb von einer Stunde beim Empfänger landen sollte, und es funktionierte, wie wir aus dem Bericht des amerikanischen Diplomaten Arthur O'Shaughnessy von 1908 an das amerikanische Postministerium entnehmen können:

"Die längste Fahrt zwischen zwei einzelnen Ämtern geht über drei Kilometer; offiziell braucht man zum Überwinden dieser Distanz vier Minuten neunzehn Sekunden. … Eine der längsten Entfernungen, über die ein Brief der Rohrpost befördert werden kann, ist die Linie zwischen dem Haupttelegrafenamt und einem Amt in Charlottenburg, eine Distanz von neun Kilometern. Während dieser Fahrt muss der Brief an sechs Zwischenämtern die Fahrröhre wechseln. Die offizielle Fahrtzeit für diese Entfernung, die benötigten Wechselpausen nicht mit einbezogen, beträgt neun Minuten. … Mehrfach erhielt ich innerhalb von anderthalb Stunden eine Antwort."

"Komme morgen zum Kaffeetrinken vorbei"

Wie selbstverständlich die Rohrpost im Gebrauch war, lässt sich an den Lebenserinnerungen einer damals jungen Frau aus dem Lebensraum München erkennen:

"Jedes Mal, wenn ich morgens schon Streit mit Mama hatte und dann um 7 Uhr zum Bahnhof Fasanerie-Nord eilte, um den Zug nach München zu erwischen, sah ich die beiden Zurückgelassenen, Mama und Großmama, traurig und unglücklich vor mir. Das hielt ich nicht aus; kaum am Hauptbahnhof angelangt, stürzte ich in ein Süßwarengeschäft, kaufte dort eine Kleinigkeit und schickte das per Rohrpost nach Hause, was etwa zwei Stunden dauerte. Erst, wenn ich das erledigt hatte, konnte ich mich aufatmend meiner Arbeit in der Barerstraße widmen."

Von Kafka sind Rohrpostbriefwechsel aus Prag bekannt. Die Schnelligkeit des Mediums erlaubte andere Sprachmöglichkeiten. Briefe mussten nicht mehr lange ausformuliert werden, eine dahingekritzelte Botschaft, wie "Komme morgen zum Kaffeetrinken vorbei", reichte aus.

Die Alltäglichkeit dieser demokratisierenden Technologie war auch darauf zurückzuführen, dass Rohrpostbriefe nicht viel teurer waren als normale Zustellungen. Es wurde ein Aufpreis von lediglich fünfzehn Pfennig dazugerechnet.

Beitrag zur weiblichen Emanzipation

Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war die Arbeit in den Telegrafen und Rohrpostämtern eine strikt männliche Angelegenheit. Die einzige Ausnahme bildete die Vermittlung von Telefongesprächen, bei der seit 1890 auch weibliche Personen zwischen achtzehn und dreißig Jahren eingestellt werden durften. Es war nicht zu überhören, dass ein weiblich gehauchtes "Ich verbinde" so viel angenehmer war als dieselben Worte im männlich-preußischen Befehlston. Doch spätestens seit dem Ausbruch des Krieges wurden verstärkt Frauen an die Rohrpostschalter gestellt.

Später, in den vierziger Jahren, gehörten die Frauen im Kommunikationsbereich zu den schicksten Vertreterinnen ihres Geschlechts. Sie waren selbstbewusst und liebten ihre Verantwortung. Allgemein wird angenommen, dass der Einsatz von Frauen im Kommunikationsbereich zur weiblichen Emanzipation beigetragen hat. Es gab plötzlich einen Grund, Fremdsprachen zu erlernen: Nicht nur nette Kommunikation war das Ziel, sondern auch fachliche Kompetenz. Frauen waren nicht mehr darauf angewiesen zu heiraten, um zu überleben. Und es war ein sauberer Beruf, der nicht den Körper ruinierte.

Auch wenn Frauen bedeutend weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen, hieß es, genauso mit anzupacken. Die Beamtinnen mussten zunächst eine praktische und theoretische Prüfung ablegen. Dazu zählte natürlich die Kenntnis der Bestimmungen des Rohrpostdienstes, was, da es ein Amt war, ausartete in das Wissen um verschiedene Stempel und Aufkleber.

Zeugen für verschmutzte Post

Die Beamtinnen mussten im Störungsfall wissen, was zu tun war, und auch dieses wieder akribisch abstempeln: War ein Brief beschmutzt, wurde markiert, in welcher Leitung dies geschehen war. Es gab sogar ein händisch auszufüllendes Feld, in dem für einen solchen Fall Zeugen eingetragen wurden. Fehlgebühren mussten errechnet und bei falsch zugestellten Briefen die Empfänger ermittelt werden. Wichtig war auch die Kenntnis der Zugabfahrtspläne: Wann fuhr welche Bahn von welchem Bahnhof in welche Stadt ab? War es besser, einen "In-Berlin-mit-Rohrpost"-Brief, der nach München adressiert war, an den Zug nach Leipzig zu verschicken, oder sollte man warten, bis der Zug nach München ging?

Was in die Rohrpost gesteckt wurde, kam aber so gut wie stets unbeschadet raus, die Verlustrate war fast null. Aus diesem Grund wurde die Rohrpost oft zum Verschicken geheimer Dokumente oder von Geld verwendet. Gerade in Westberlin, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wurden die Postschecks mittels Rohrpost befördert. Aber auch andere Dinge, wie sich eine ehemalige Rohrpostbeamtin erinnert:

"Nicht nur Telegramme und Interna flogen mit 'Windgeschwindigkeit' durch die Röhren, auch mal eine kleine Aufmerksamkeit, für nette Kollegen am anderen Ende. Die vergessene Stulle, natürlich 'hülsengerecht' zerlegt, soll auch schon mal dabeigewesen sein, das durfte nur keiner wissen. Für eine wenig beliebte Kollegin schickte ein Scherzbold eine lebende Maus in der Hülse."

Rohrpostsysteme gibt es nur noch hausintern

Getaktet wurden nicht nur die Intervalle der Rohrpostzüge, sondern auch die Pausen. Ein männlicher Beamter berichtet:

"Die Pause war übrigens ein Kapitel für sich. 25 Minuten durfte sie dauern, nicht eine Sekunde länger. Wer seinen Arbeitsplatz verlassen wollte, der musste sich mit Namen und Zeit in dafür ausgelegte Bücher eintragen. Austretbücher hießen sie amtlich, der Volksmund nannte sie etwas anders! Da gab es kein Mogeln, denn die Belange der Gehenden und der Kommenden waren ja entgegengesetzter Natur."

Warum sich ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Städte mit Rohrpost nach und nach dafür entschieden, ihre Systeme zu kappen, hängt mit der Entwicklung der elektronischen Medien zusammen. Rohrpostsysteme gibt es nur noch hausintern, in Warenhäusern, Krankenhäusern oder Verlagen, wo noch Originaldokumente hin und her geschickt werden müssen. Als man 1965 in Wien den letzten Rohrpostbrief ins System fütterte, schmückten die Beamten ihre Apparate mit Reisig und rotweißen Fähnchen. In einem Interview verrät ein Ingenieur moderner Rohrpostanlagen:

"Wer einmal im Leben die Krümmung einer Rohrpoströhre angefasst hat, kommt davon nie mehr los."

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.

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