Wirtschaftsgeschichte: Die Billig-Gemälde der Geizigen 

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa der Silhouettenschneider.

Silhouetteure bei der Arbeit: "Süßes Stutzerpeitschchen" Zur Großansicht
Irmela Schautz

Silhouetteure bei der Arbeit: "Süßes Stutzerpeitschchen"

Silhouettenschneider: Schnitt/malte Schattenbilder

Erkennungszeichen: Schere in der Hand, durchdringender Blick

Aktive Zeit: zirka 1770 bis 1790

"Man lässt jetzt seinen Schatten besehen, wie ehemals sein Wasser", schrieb 1778 Georg Christoph Lichtenberg über die Raserei mit der Schere, die Narretei, Papierschnitzeley und Flachkunst, die seit wenigen Jahren die Fürstenhäuser und Gebildeten Europas beschäftigte: der Scherenschnitt, die Portraitsilhouette, die angefertigt, gedeutet und getauscht wurde.

Ganz plötzlich war dieses Phänomen erwacht, und es gab zwischen Weimar und Darmstadt keinen erlauchten Kopf, der ihn nicht ins Licht gehalten hätte. Sturm und Drang, Freundschaftsempfinden, wahre Emotionen: Der Scherenschnitt lieferte die perfekte Projektionsfläche dafür. Die kleinen Bildchen ließen sich einfach anfertigen, beliebig sammeln und waren doch leer genug, um darin alles zu sehen, was man darin erkennen wollte. Ein Züricher Pfarrer, Johann Caspar Lavater, verfasste das begleitende Kultbuch "Physiognomische Fragmente von Silhouette und Schattenriss" und entfachte damit einen Wahn, der sich darin äußerte, dass ein jeder eines jeden Schattenbild zu erklären versuchte, ausgenommen Lichtenberg. Vielleicht lässt sich das heute mit der Partyfrage nach dem Horoskop vergleichen.

Lavater begann damit, verschiedene Gesichtstypen aufzuzeigen. Am besten schnitt Goethe ab, über dessen Profilphysiognomie er schrieb:

"Wie viel Kühnheit, Festigkeit, Leichtigkeit im Ganzen! Wie schmilzt da Jüngling und Mann in eins! Wie sanft, ohn' alle Härte, Steifheit, Gespanntheit, Lockerheit; wie unangestrengt und harmonisch wälzt sich der Umriß des Profils vom obersten Stirnpunkte herab bis wo sich der Hals in die Kleidung verliert! Wie ist drin der Verstand immer warm von Empfindung - Lichthell die Empfindung vom Verstande."

Goethe selbst sammelte Schattenbilder von Persönlichkeiten, die er traf. Einen wie Goethe befragte man gerne, was er von diesem oder jenen Profil halte, und so schrieb ein Arzt aus Hannover an seine Frau:

"In Straßburg habe ich unter hundert anderen Schattenrissen den Ihren dem Herrn Goethe gezeigt. Hier sind die Worte, die er mit eigener Hand unter das Bild geschrieben hat: Es wäre ein herrliches Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt. Sie sieht die Welt, wie sie ist, und doch durch das Medium der Liebe."

Von Silhouettiermaschine und Silhouettierroboter

Während der etwa zwanzig Jahre, die diese Mode währte, war es das naturgetreue, wissenschaftliche Bild der Natur, das es zu erzeugen galt. Dafür wurden eigene Maschinen entwickelt, wie etwa die Silhouettiermaschine. Die abzuschattende Person setzte sich vor eine Lampe, deren Licht den Porträtschatten auf eine Glasscheibe warf. Dahinter stand ein Mensch und zeichnete diesen ab. Um die Silhouette zu verkleinern, wurde ein Storchenschnabel eingesetzt, mit dem jede einzelne Gesichtspartie übertragen und minimiert werden konnte. Zur Vervielfältigung konnte man diese Bildchen entweder doppelt falten und ausschneiden, oder aber man fertigte einen Kupferstich an. Königin Louise schrieb auf einem Schreibtisch, in den Silhouetten als Intarsienarbeit eingelegt waren. Friedrich Wilhelm II. von Preußen trank auf der Pfaueninsel aus einem Service mit Silhouettendekor.

Die Silhouette geht zurück auf den französischen Generalkontrolleur der Finanzen, den Baron de Silhouette, der 1759 den maroden Staat vor dem Ruin bewahren sollte. Er trieb die Sparsamkeit auf die Spitze und soll selbst in einem Schloss gelebt haben, in dem nur Silhouetten und keine gemalten Porträts an den Wänden hingen - sie kosteten lediglich einen Bruchteil und waren, wie er fand, genauso präsentabel. Als die Pariser in dieser Zeit begannen, ihre Kleider ohne Taschen zum Geldaufbewahren zu tragen, wurde diese Mode "à la Silhouette" getauft.

Der kleine Mann in seinem kleinen Glück

Ab zirka 1780 tauchten die ersten Berufssilhouetteure auf, die nach eigenem Augenmaß und mit einer gehörigen Portion Können die Schattenbilder erstellten, welche bald beliebter waren als die steifen, jedoch exakten maschinengenerierten. Zu diesem Zeitpunkt war die Kunst des Silhouettierens beim normalen Volk angekommen und trieb dort seine buchstäblichen Blüten: War es zunächst die Minimalistik des reinen Schattens, die faszinierte und so viel Spielraum für Interpretation ließ, so kehrte sich dieses Merkmal nun ins Gegenteil, und man versuchte, die nur schemenhaft zu erkennende Kleidung hervorzuheben. Spitzenhäubchen auf Frauenköpfen wurden in diffiziler Feinstarbeit herausgeschnitten, Goldornamentik wurde untergejubelt, ja, man verquickte gar echte Haare mit den Schatten. Gerade aus der Biedermeierzeit sind Familienportraits überliefert, die jeglichen Geschmack vermissen ließen. Doch spätestens dann durften sie in keinem Haushalt fehlen, die Familienporträts en Silhouette, fein gerahmt, hinters Sofa auf die Tapete gehängt. Die Bildchen wurden aber auch in Alben, Schmuckstücken, Schmuckdöschen, Stammbäumen oder auf Lichtschirmen gesammelt.

Man begann nun auch, mehrere Personen gleichzeitig darzustellen, Frauen beim Stricken und Häkeln, Kinder beim Spielen, Männer beim Pfeiferauchen. Es sind diese Schattenbilder, die die Gemütlichkeit des Biedermeier widerspiegeln - der kleine Mann in seinem kleinen Glück.

Es galt der Nimbus des weit Herumgekommenen

Anders als die ersten Fotografen, die ab etwa 1860 auftauchten und die Personen ablichteten, arbeiteten die Silhouetteure meist ohne Atelier - genügte ihnen doch eine Schere und ein Pult. Oft waren es wandernde Künstler, die mit einer Anzeige in der Zeitung auf sich aufmerksam machten. Dabei galt der Nimbus des weit Herumgekommenen. Wie dieser Mann, der 1798 zwischen Paris und Sankt Petersburg nur "kurz" Zwischenstation in Lübeck machte:

"Ein kürzlich aus Paris gekommener Künstler, der im Winter bleiben will und mit dem ersten Schiff nach Petersburg geht, empfiehlt sich für Pettschaft [Siegel], Adressen; graviert, verfertigt auf eine ganz neue Art Silhouetten auf Glas, in Ringen, Medaillons und Dosen. Logiert in 'Stadt Wismar'."

Andere Silhouetteure nannten sich "Hofsilhouetteur", wenn es ihnen in ihrer Laufbahn gelang, nur ein einziges fürstliches Porträt zu erstellen. Beliebt waren die Silhouetteure auch bei den Studentenverbindungen. Es waren kleine Besonderheiten, die der geübte Silhouetteur nicht missachten durfte und bei denen er auch mal mit Farbe nachhalf: die Verbindungsmützen der Studenten mal rot, mal grün, mal blau gefärbt. Es gibt Fotos von den Räumen, in denen die Studenten tagten, wo jedes Stück Wand mit einer Silhouette beklebt ist.

Heute nur noch auf Volksfesten

Bis zur Erfindung der Polaroids zogen noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts Silhouetteure durch die Vergnügungsviertel, Bierlokale, Kneipen, um flüchtigen Bekanntschaften eine Erinnerung an gemeinsame Stunden zu erhalten. Nur etwa zehn Minuten dauert das Erstellen eines Scherenschnitts, und unterhaltsam ist es auch, dem Künstler dabei zuzusehen. Heute gibt es den Silhouetteur nur noch auf Volksfesten oder betont edlen Weihnachtsmärkten à la "wie in alten Zeiten", auf denen der Künstler sich im Stil des Biedermeier kleidet und Teil der Gesamtperformance ist.

Doch noch einmal zurück zu Georg Christoph Lichtenberg, dem das Deuten der Schatten so zuwider war. Als einem der besten Physiker Deutschlands war ihm das nebulöse Interpretieren zu infantil, vielleicht spielte aber auch seine Verkrüppelung eine Rolle - weder sein Antlitz noch sein Profil waren schön, und niemand wird in ihm die edlen Kurven wie bei Goethe gesehen haben. Lichtenberg forderte den braven Pfarrer Lavater zum Kampf heraus, als der 1777 das "Fragment von Schwänzen" verfasste und darin in Lavaters Sprache die Physiognomie von, ja, richtig gelesen, Schwänzen beschrieb - was sich auf Perückenzöpfe beziehen, aber auch ganz anders deuten ließ:

"Schwanz Nr. 8: Hier überall mehr Besonnenheit als Kraft. Ängstlich gerade, nichts Hohes, Aufbrausendes, weder Newton noch Rüttgerodt, süßes Stutzerpeitschchen, nicht zur Zucht, sondern zur Zierde, und zartes Marzipanherz ohne Feuerpuls. Ein Liedchen sein höchster Flug, ein Küsschen sein ganzer Wunsch."


Dieser Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Biedermeier
Kuppelbauer 13.08.2012
Schöner und interessanter Artikel. Etwas stört aber: Die Biedermeierzeit war viel später als die besporochene Periode, nämlich vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevolution 1848!
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