Wirtschaftsgeschichte: Eine runde Sache

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa den Märbelpicker.

Thüringer Märbelpicker: 50.000 Stück in 40 Stunden Zur Großansicht
Irmela Schautz

Thüringer Märbelpicker: 50.000 Stück in 40 Stunden

Märbelpicker: Person, die Kalkstein für Murmeln klopfte

Aktive Zeit: in Thüringen/Coburger Land von der Errichtung der ersten Märbelmühle 1769 bis nach Ende des Ersten Weltkriegs

In der Mozartkugel steckt weit mehr, als man beim ersten Biss vermutet. Zwar stellt sich beim Genuss dieser Praline die Frage nach den Inhaltsstoffen (Marzipan?), doch viel mehr interessiert: Warum eigentlich in Kugelform?

Die Form verweist auf ein anderes Exportgut der Salzburger und Berchtesgadener Gegend, nämlich die Marmormurmeln, für die der Landstrich vor der Mitte des 18. Jahrhunderts berühmt war. Die Salzburger Märbel (=Murmeln) galten als besonders schön und wurden von Händlern europaweit als Spielzeug angeboten. Wahrscheinlich hatte auch der junge Amadeus auf seinen Reisen immer ein Säckchen zum Klickern dabei.

Die Salzburger hüteten ihr Geheimnis wohl, wie sie es fertigbrachten, solch perfekt runden Murmeln herzustellen. Doch als 1732 über dreißigtausend Salzburger Protestanten, darunter auch Märbelhersteller, wegen ihrer Religion vertrieben wurden und viele davon gen Norden, ins - zumindest in Glaubensfragen - tolerante Preußen zogen, nahmen sie das Geheimnis mit. Unterwegs kamen sie auch in Thüringen vorbei, wo sie gastfreundlich aufgenommen wurden. Die Thüringer kannten die Salzburger Murmeln, und man wird sich unterhalten haben über Produktionstechniken und Möglichkeiten des Aufbaus einer lokalen Industrie. Nachweislich geblieben ist keiner der Flüchtlinge; doch werden sich erste Ideen damals in den Köpfen der Thüringer eingenistet haben.

Es dauerte dreißig Jahre, bis einem Thüringer Kaufmann die erste Konzession zum Bau einer Märbelmühle erteilt wurde, und viele weitere Jahre, bis sich das neue Geschäftsmodell, die Herstellung von Murmeln, etabliert hatte. Zu ihren Bestzeiten, etwa im Jahr 1880, exportierten die Thüringer Märbelmühlen 135 Millionen Murmeln in die ganze Welt. Die billigen Steinmurmeln waren da schon lange den Kinderhänden entwachsen und wurden für die Verteidigung im Seekrieg eingesetzt: Als sogenannte Kartätschen, als Geschoss, zerfetzten sie die Takelage von Schiffen, bis die Einführung von segelfreien Dampfschiffen diesem Tun ein Ende setzte.

Die Thüringer Murmel wurde zum Weltexportschlager

Doch Absatzmärkte fanden sich rund um den Erdball. In Thüringen trafen Bestellungen aus Valparaiso, aus Afrika und aus Indien ein:

"Mermel, Schusser oder Schnelkäulchen sind marmorne Kügelchen, womit gespielt wird, welche aber in Ost- und Westindien sehr viele Liebhaber haben müssen, da die Holl- und Engländer jährlich viele Millionen brauchen."

Es waren allerdings keine Liebhaber, die sich die Murmeln bestellten. Die Märbel wurden zwar über London und Rotterdam nach Indien und Indonesien verschifft, aber wie und ob sie dort zum Einsatz kamen, ist fraglich. Ihr Verdienst lag einzig in der Tatsache, dass die Handelsschiffe der East- und Westindian Company auf ihrer Fahrt nach Osten weniger schwer beladen waren als auf der Rückfahrt. Es galt, Platz zu haben, um Gewürze und Stoffe einzukaufen. Um dieses Defizit - hin leer, zurück voll - auszugleichen, belastete man den Kiel der Schiffe mit den One-way-Murmeln. Diese waren bequem in Säcke gepackt, hatten ein relativ hohes Eigengewicht und nahmen nur wenig Raum ein. Ob die legendären Tauschgeschäfte mit den "edlen Wilden", Murmeln gegen Elfenbein oder Sklaven, auch damit zusammenhängen, bleibt Vermutung, würde aber erklären, wie man überhaupt auf die Idee kam, so viele Murmeln mitzunehmen.

Bis 10.000 Würfel am Tag schaffte der geübte Märbelpicker

Doch bis die Thüringer Murmel zu einem solchen Weltexportschlager werden konnte, mussten dringend einige Fragen geklärt werden. Welcher Rohstoff eignete sich, und welches Verfahren sollte man anwenden?

Was die erste Frage betraf: Marmor, wie in Salzburg oder Berchtesgaden, gab es keinen. Es gab aber Muschelkalkstein, und nach vielen Versuchen wusste man auch, aus welchen Gesteinsschichten er sich am besten eignete: Denn war er zu hart, beschädigte er die Mühle; war er zu weich, gab es zu viel Ausschuss.

Zum Abbau des Gesteins setzte man Tagelöhner ein. Diese mussten, wenn nötig, auch Stollen graben, um an den Stein zu gelangen. Und das konnte lebensgefährlich werden.

"Mehr Glück hatte da der Michel aus Hämmern im vorigen Jahr. Dieser stak den ganzen Tag mit dem Unterkörper unter einer Märbelplatte. Zehn Stunden arbeiteten die Steinhacker an seiner Rettung. Endlich brachten sie den Verunglückten lebend, doch gedrückt und gequetscht heraus und schafften ihn in einem Backtrog in sein Haus."

Die ganze Familie half mit, den Stein aus dem Stollen zu schaffen und in kleinen Holzhütten zu lagern. Auf gepachteten Wiesen standen solche "Indianerdörfer", wie die Ansammlung dieser Lager im Volksmund genannt wurde. Der frisch geschlagene Stein musste sorgfältig abgedeckt werden; wurde er zu kalt oder zu trocken, zerbröckelte er schnell. Im nächsten Schritt mussten aus dem Stein kleine gleichmäßige Würfel geklopft werden, die dann, um das Zählen zu vereinfachen, in eine Kiste von vorbestimmter Größe gepackt wurden. Ein geübter Märbelpicker schaffte neuntausend bis zehntausend Würfel an einem Tag, wobei der "Altmeister der Zunft Emil Bätz aus Truckenthal erzählte, wie er bei einem Wettstreit in Frankreich in 40 Stunden 50.000 Märbel geklopft habe und trotzdem nur Zweiter wurde".

Das Färben der Kugeln war das größte Geheimnis

Wenn der Märbelpicker seine Kästchen mit Steinwürfeln zum Märbelmüller trug, wurde er dort für seine Arbeit belohnt: Außer seinem Gehalt erhielt er - so erfährt man in den Heimatblättern - eine Mahlzeit, die entweder aus Forelle blau oder einem eingepökelten Fleisch, meist Hund, und mehreren Schlucken "Franzmann mit Birne"-Likör bestand. Während der Märbelpicker so abgespeist wurde und nur wenig verdiente, konnte der Märbelmüller mit größeren Margen rechnen. Dabei galt es einige Hindernisse zu überwinden. Zuerst musste die Konzession für einen Märbelmahlgang beantragt werden. Um an eine Konzession zu gelangen, war -alles erlaubt: Von einem Müller wird berichtet, dass er beim Hofball sogar mit der Herzogin tanzte und ihr so sein Anliegen vortrug. Später, als die Märbelindustrie unzählige Familien ernährte, wurde es einfacher: Um die letzte Jahrhundertwende zählte man in Südthüringen einhundertdrei Märbelmühlen entlang der Bäche und Flüsse.

Was in der Mühle geschah, war, wie in jeder Mühle, geheimnisvoll, wobei das vielleicht auch daran lag, dass der Müller in der Hochsaison Tag und Nacht mahlte und keine Zeit hatte, sich in den Wirtshäusern herumzutreiben. Auch von den Märbelmüllern wird berichtet, dass sie immer nur so lange schliefen, wie ein Mahlgang dauerte, und dass sie am Geräusch der knirschenden Steine hören konnten, ob sie schon rund geworden waren. An die siebenhundert Kalksteinwürfel wurden hierzu auf den gusseisernen Mahlstein, der mit Rillen versehen war, gelegt. Dann wurde von oben der Mühlstock aus hartem Buchenholz heruntergelassen, und das Mühlrad begann sich zu drehen. Ein Mahlgang dauerte zirka dreißig bis fünfundvierzig Minuten, dabei schlugen sich die Würfel gegenseitig rund.

Heute wird davon nur mehr "gemurmelt"

Das größte Geheimnis eines jeden Märbelmüllers aber war das Färben der Kugeln. Dieses Wissen wurde im Laufe der Zeit immer wertvoller, denn ab Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten die ersten Glaskugeln auf, die bei den Kindern beliebt waren. So mussten also die Steinmurmeln ebenfalls möglichst bunt und leuchtend aussehen. Man konnte entweder bereits die Würfel einfärben, indem man sie in gefärbte Flüssigkeit legte, oder aber man streute die Farbe in einem zweiten Mühlgang auf die Murmeln und ließ durch die Reibung die Farbe in die Murmeln brennen. Im nächsten Schritt wurde mit einer Schwefellösung die Farbe intensiviert. Da der Müller dabei aber viel giftigen Farbstaub einatmete, ging man später dazu über, in rotierenden Fässern zu färben, was wunderbar funktionierte. Heute ist dieses Wissen zugänglich, weil sich eine Handvoll Heimatmuseen im Südthüringischen und Coburger Land diesem Thema gewidmet haben.

Das Geschäft mit den Märbeln war kein stetes, und es war vor allen Dingen ein Pfenniggeschäft. In Kriegszeiten wurden viele Murmeln gekauft, in Friedenszeiten nur wenige. Es gab fette Müller, die später fast verhungerten, und es gab Tagelöhner, die so wenig verdienten, dass sie aufhörten, Würfel zu spalten und abzuliefern. Dennoch: In den guten Zeiten hatte sich schnell herumgesprochen, dass man aus Kalkstein Gewinn schlagen konnte. Man begann auch in anderen Gegenden, in denen Muschelkalkstein gefunden wurde, wie im Elsass, Märbelmühlen zu bauen und Thüringer Märbelpicker anzuheuern. Allerdings blieben die Thüringer Mühlen bis zum Ende dieses Industriezweigs die bekanntesten und produktivsten. Heute wird davon nur mehr gemurmelt.

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1. Salzburger und Berechtesgadener Protestanten und die Murmelherstellung
joachimr 08.07.2012
Gibt es irgendwo in der zeitgenössischen Literatur eine Stelle, die auf die mögliche Verbreitung der Murmelherstellung durch die Salzburger und Berchtesgadener Emigranten von 1731 ff. hindeutet? Bisher ist das doch wohl nur eine - wenn auch nett umschriebene - Mutmaßung, oder? Für neue Forschungsergebnisse interessiert man sich auch hier: http://SalzburgerEmigranten.de/
2. Salzburger und Berechtesgadener Protestanten und die Murmelherstellung
joachimr 21.07.2012
Keine Antwort ist auch eine Antwort. Vielen Dank für die Bestätigung meiner Annahme.
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