Ausspähaffäre Telekom bespitzelte auch Ver.di-Chef Bsirske

Neue Enthüllungen bei der Telekom: Ver.di-Chef Bsirske wurde nach Angaben der Gewerkschaft bespitzelt. Nach SPIEGEL-Informationen hat der Konzern zudem den früheren Personalvorstand Heinz Klinkhammer überwachen lassen.


Berlin - Der Telekom-Skandal um die Bespitzelung von Aufsichtsräten, Journalisten, Betriebsräten und Mitarbeitern nimmt immer groteskere Formen an: Inzwischen gebe es gesicherte Informationen, dass auch Verbindungsdaten von Ver.di-Chef Frank Bsirske und Vorstandsmitglied Rolf Büttner ausspioniert worden seien, sagte Ver.di-Vorstand Lothar Schröder am Donnerstag. Insgesamt seien zwölf Betriebsräte in dem Konzern und zehn ihrer Mitarbeiter in den Stäben ausspioniert worden.

Ver.di-Chef Bsirske: Von der Telekom bespitzelt
AP

Ver.di-Chef Bsirske: Von der Telekom bespitzelt

Warum der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft ins Visier der Telekom-Überwachung geriet, ist zurzeit noch unklar. Anders als DGB-Chef Michael Sommer oder Ver.di-Bundesvorstand Lothar Schröder, die im Telekom-Aufsichtsrat saßen und sitzen und ebenfalls bespitzelt wurden, hatte Bsirske nie eine Funktion bei der Telekom.

Die Telekom wollte sich zu einer möglichen Überwachung Frank Bsirskes nicht äußern. Ein Sprecher erklärte, zu den Hintergründen könne man nichts sagen, weil das Unternehmen noch keine genauen Kenntnisse vom Ausmaß der Affäre habe.

Weiter hieß es, die Staatsanwaltschaft habe die Telekom lediglich über die Namen der betroffenen Personen informiert. Jetzt habe man die Möglichkeit, sich zu entschuldigen, sagte der Sprecher.

Nach Angaben der Bonner Staatsanwaltschaft, wurden in den Jahren 2005 und 2006 nach bisherigen Erkenntnissen 55 Personen Opfer von Bespitzelungsaktionen der Telekom. Neben Aufsichts- und Betriebsräten überwachte der Konzern demnach auch sieben Journalisten.

Zudem teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass ein Mitglied des Vorstands unter den Zielpersonen war. Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich um den früheren Personalchef Heinz Klinkhammer. Klinkhammer war in seiner Zeit als Personalvorstand von 1996 bis 2006 auch für die Konzernsicherheit verantwortlich. Zuletzt hatte er den ehemaligen Konzernchef Kai-Uwe Ricke in der Abhöraffäre massiv angegriffen und für den Skandal mitverantwortlich gemacht. Klinkhammer bestätigte, dass die Staatsanwaltschaft ihn informiert habe. Demnach hat die Telekom die Verbindungsdaten seines Mobiltelefons ausspioniert.

Erst am Dienstag hatte die Telekom eingeräumt, dass bei der Geheimaktion im Jahre 2006 nicht nur - wie bislang bekannt - Aufsichtsräte und Journalisten ausgespäht worden waren, sondern auch ganz normale Betriebsräte und weitere Mitarbeiter des Konzerns. Das gebe "den ungeheuerlichen Vorgängen eine zusätzliche Dimension der Anstößigkeit", bemerkte der neu ernannte Telekom-Datenschutzvorstand Manfred Balz, nachdem er die Affäre zuvor bereits als "fast schon monströsen Angriff auf die Pressefreiheit" charakterisiert hatte.

Die Telekom hatte bereits Mitte Mai Strafanzeige erstattet und alle verfügbaren Verbindungsdaten der Staatsanwaltschaft übergeben.

Datenschutz-Vorstand Balz hatte bei seinem Amtsantritt Ende Oktober zudem personelle Konsequenzen angekündigt. Fünf Mitarbeiter wurden zunächst beurlaubt. Vergangene Woche trat T-Mobile-Deutschland-Chef Philipp Humm als Sprecher der Geschäftsführung der Telekom-Tochter zurück.

suc/dpa-AFX



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