Ausstand ab Montag Keine Gnade für Berlin - GDL will flächendeckend streiken

"Wir können Arbeitskämpfe länger durchhalten, als Deutschland sie vertragen kann": GDL-Chef Schell zeigt sich kampfeslustig und will ab Montag den Nah-, Fern- und Güterverkehr bestreiken lassen. In Berlin, wo schon die U-Bahn- und Busfahrer streiken, soll dann auch noch die S-Bahnen still stehen.


Frankfurt am Main – Einigung in weiter Ferne: GDL-Chef Manfred Schell droht der Bahn mit langen Streiks. Ab Montag 0 Uhr soll es losgehen: bundesweit, unbefristet, flächendeckend im Nah-, Fern- und Güterverkehr. Schell betonte, es liege am Bahn-Vorstand, Streiks zu verhindern. "Ich habe darauf keinen Einfluss mehr."

GDL-Chef Schell (am Dienstag in Frankfurt): "Das kann doch niemand mehr nachvollziehen"
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GDL-Chef Schell (am Dienstag in Frankfurt): "Das kann doch niemand mehr nachvollziehen"

Für Berlin will die GDL keine Ausnahme machen. Dort werden seit Tagen im Zuge eines anderen Tarifstreits die U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse des Verkehrsbetriebs BVG bestreikt. Derzeit fahren nur noch die S-Bahnen, die zur Bahn gehören. Mit dem Lokführerstreik würde dann der gesamte öffentliche Nahverkehr in Berlin ruhen.

Vize-GDL-Chef Claus Weselsky sagte dem rbb: "Bis zum jetzigen Zeitpunkt muss ich ganz klar sagen, wird bei den Streiks, die wir durchführen, keine Ausnahme zu machen sein. Wir werden flächendeckend bundesweit mit allen Geschäftsbereichen in den Arbeitskampf eintreten."

Last-Minute-Gespräche mit dem Verkehrsminister

Offenbar besteht aber immer noch die Chance, dass der GDL-Streik in letzter Minute abgewendet werden kann. Zu einem Gespräch von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee mit GDL-Chef Schell wollte Weselsky nichts sagen. "Sicherlich gibt es Gespräche mit verschiedenen Personen. Aber (...) über die Inhalte ist im Moment nichts zu verlauten."

Schell griff erneut Bahn-Chef Hartmut Mehdorn an. Ein Tarifvertrag, der Lohn und Arbeitszeit für die Lokführer regele, sei fertig: "Ich habe ihn längst unterschrieben - nur Bahn-Chef Mehdorn weigert sich. Und jetzt sollen sich 82 Millionen Bürger in Deutschland nach diesem einzelnen Menschen richten. Das kann doch niemand mehr nachvollziehen", sagte Schell.

Ende Januar hatten sich GDL und Bahn im Grundsatz geeinigt. Der formale Abschluss scheiterte vor einigen Tagen jedoch daran, dass sich beide Seiten nicht über den von der Bahn geforderten Grundlagentarifvertrag einigen konnten. Die GDL wirft dem Konzern vor, damit den eigenständigen Tarifvertrag ad absurdum zu führen.

DGB-Chef Michael Sommer warf der GDL in der "Passauer Neuen Presse" vor, "ihre egoistischen Organisationsinteressen auf Kosten anderer durchzusetzen". Dagegen stehe das gemeinsame Vorgehen von Ver.di, GEW, Gewerkschaft der Polizei und Beamtenbund im Öffentlichen Dienst. Dies sei der erfolgreiche Gegenentwurf zur GDL. "Herr Schell und seine Mitstreiter sollten sich einreihen in die Solidarität mit den übrigen Bahngewerkschaften", forderte Sommer.

Der ehemalige Vermittler im Bahn-Tarifkonflikt, Heiner Geißler (CDU), hat den Bahn-Vorstand für die drohenden neuen Streiks verantwortlich gemacht. Er sei verwundert, dass die Bahn nicht bereit sei, den ausgehandelten Tarifvertrag zu realisieren, sondern Bedingungen nachschiebe, kritisierte Geißler im ARD-"Morgenmagazin". Den zusätzlichen Grundlagenvertrag könne die Lokführergewerkschaft GDL nicht akzeptieren, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Über Gerichte Streiks zu verhindern, sei keine Lösung. Falls es zum befürchteten Arbeitskampf komme, trage der Bahn-Vorstand dafür "die volle Verantwortung".

itz/Reuters/ddp/dpa/AP



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