Autoindustrie VW will 28,8-Stunden-Woche kippen

Im Ringen um die Sanierung von Volkswagen will der Konzern die Privilegien der Arbeitnehmer beschneiden. Geht es nach dem Willen des VW-Managements, dann sollen die Mitarbeiter wieder 35 Stunden pro Woche arbeiten - ohne Lohnausgleich.


Hannover - "Wir haben die Rückkehr zur 35-Stunden-Woche vorgesehen", sagte VW-Personalvorstand Horst Neumann am Montag in Hannover nach Sondierungsgesprächen mit der IG Metall. "Der Weg dorthin muss noch weiter ausgearbeitet werden", fügte er hinzu. Bisher gilt für die nach VW-Haustarif bezahlten Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche mit 28,8-Stunden.

VW-Werk in Wolfsburg: IG Metall lehnt Mehrarbeit ab 
DDP

VW-Werk in Wolfsburg: IG Metall lehnt Mehrarbeit ab 

Neumann bekräftigte zudem die Haltung des Vorstandes, dass der Konzern seinen Personalbestand deutlich reduzieren müsse. Es werde "sehr schwer", die 100.000 Arbeitsplätze in den sechs westdeutschen Werken zu halten, sagte er. Volkswagen hat dort bis zu 20.000 Jobs in Frage gestellt. Betriebsbedingte Kündigungen schließt der im November 2004 geschlossene Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung bis Ende 2011 aus.

Der niedersächsische IG-Metall-Chef Hartmut Meine sagte, derzeit gebe es keine Tarifverhandlungen mit VW. Beide Seiten erklärten sich zu einem zweiten Sondierungsgespräch bereit. Das soll Meine zufolge vor der Sommerpause stattfinden.

Zuvor hatte die Volkswagen AG der IG Metall zum ersten Mal die Einzelheiten des geplanten Sanierungskonzepts präsentiert. Arbeitszeitfragen würden dabei "eine große Rolle spielen", kündigte VW-Personalvorstand Horst Neumann am Montag unmittelbar vor Beginn der Gespräche an. Details nannte er nicht, sagte aber "wir werden die Einzelheiten des Restrukturierungsplans auf den Tisch legen." Bei VW gilt seit Anfang der 90er Jahre die 28,8 Stunden-Woche. Die Arbeitskosten des Automobilherstellers liegen 20% höher als bei der Konkurrenz.

IG Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine warnte das Unternehmen davor, die Belegschaft unter Druck zu setzen. "Druck erzeugt Gegendruck", sagte er. "Die IG Metall werde sich bei VW zu wehren wissen", fügte er hinzu.

Neumann kündigte an, er wolle der Gewerkschaft die Wettbewerbslage von VW schildern. Dabei werde es um Produktionskosten, Arbeitskosten und die Auslastung der Werke gehen. Neumann und Meine erklärten, dass es sich um ein Sondierungsgespräch handele. VW hatte um das Gespräch gebeten. Laut Neumann soll geklärt werden, ob es zu regulären Tarifverhandlungen kommen wird.

VW verlangt seit Monaten massive Kostensenkungen in den sechs westdeutschen Werken. Dazu soll auch Personal abgebaut werden. Bei dem Konzern stehen bis zu 20.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Vor zwei Wochen hatte VW Abfindungsprämien bis zu 250.000 Euro pro Mitarbeiter angeboten. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei VW bis 2011 ausgeschlossen.

VW will nach Medienberichten einen gestaffelten Plan zur Verlängerung der Arbeitszeit vorstellen. Nach Informationen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" will der Vorstand "vermutlich" erstmals offiziell seine Vorstellungen zum Abschied von der 28,8-Stunden-Woche verkünden. Der Vorstand wolle schrittweise und ohne Lohnausgleich zurück zur 35-Stunden-Woche, schrieb das Blatt. Neumann äußerte sich vor dem Gespräch nicht zu der Frage.

Nach dem Gespräch will die Gewerkschaft nach eigenen Angaben darüber entscheiden, ob die zum Jahreswechsel anstehenden Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag vorgezogen werden können. Meine machte allerdings schon früher klar, dass auch Fehler des Managements bei der Suche nach dem Grund für die Krise bei VW zur Sprache kommen müssten.

tim/dpa/AP/Reuters


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.