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Autokrise: Volkswagen entlässt alle 16.500 Leiharbeiter

In der Krise ist sich jeder selbst der nächste: VW-Chef Martin Winterkorn spricht sich im SPIEGEL gegen Hilfe für Opel aus. "Der Staat darf nicht zur Rettungsgesellschaft für Firmen werden, denen möglicherweise der Bankrott droht." VW streicht als Folge der Krise alle verbliebenen Leiharbeiter-Jobs.

Hamburg - Die Debatte über mögliche Staatshilfen für Opel läuft auf Hochtouren, doch so deutliche Worte wie VW-Chef Martin Winterkorn hat kaum einer gefunden. Im SPIEGEL spricht sich der Manager klar gegen staatliche Unterstützung für den Konkurrenten aus.

VW-Chef Winterkorn: Eine Opel-Pleite "wäre natürlich zu bedauern"
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VW-Chef Winterkorn: Eine Opel-Pleite "wäre natürlich zu bedauern"

Auf die Frage, ob der Staat Opel retten solle, sagte Winterkorn: "Der Staat sollte sich raushalten." Wenn er punktuell einem Unternehmen mit Bürgschaften beispringe, sei das legitim. Aber das sollte nur für eine Übergangszeit gelten. "Der Staat darf nicht zur Rettungsgesellschaft für Firmen werden, denen möglicherweise der Bankrott droht."

Ob Opel tatsächlich der Konkurs drohe, könne er nicht beurteilen, sagte der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen-Konzerns Chart zeigen. "Das wäre natürlich zu bedauern." Er wisse nur, dass die Ablösung vom US-Mutterkonzern General Motors Chart zeigennicht so einfach sei "bei der engen Vernetzung, die über Jahre gewachsen ist".

Fest steht: Für die Arbeitnehmer wird die Sanierung bei Opel schmerzhaft. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass beim Mutterkonzern General Motors (GM) in Europa insgesamt 11.000 Jobs in Gefahr sind. Dies entspreche etwa 20 Prozent aller Arbeitsplätze. Neben Opel gehören zu GM Europa auch die britische Schwestermarke Vauxhall und Saab in Schweden.

Eine Quelle nennt die Zeitung nicht. In den 11.000 Stellen seien aber die 4000 bedrohten Jobs beim insolventen Hersteller Saab bereits enthalten. Insgesamt beschäftigt GM in Europa 55.000 Menschen, davon arbeiten 25.000 bei Opel in Deutschland.

Am Freitag hatte GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster bereits harte Einschnitte angekündigt. Details nannte er allerdings nicht. Forster betonte lediglich, dass Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen nach Möglichkeit vermieden werden sollen. Er räumte allerdings ein, dass es harte Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern geben werde.

Stellenabbau auch bei Volkswagen

Auch der VW-Konzern reagiert auf die allgemeine Absatzkrise mit einem massiven Stellenabbau. Alle 16.500 Leiharbeiter-Stellen, die es in dem Unternehmen Ende 2008 noch gab, werden in diesem Jahr gestrichen. "Das ist für die Betroffenen nicht schön", sagte Winterkorn dem SPIEGEL, "aber daran führt kein Weg vorbei." Die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft seien zurzeit gesichert. "Für dieses Jahr sehe ich da keine Probleme", sagte der VW-Chef, "erst wenn es dann nicht mehr weitergeht, müsste man über andere Dinge nachdenken."

Der VW-Chef glaubt außerdem nicht, dass die von der Bundesregierung für die Abwrackprämie vorgesehenen 1,5 Milliarden Euro reichen werden. "Das Programm sollte auf jeden Fall verlängert werden", sagte Winterkorn. Zumal der Staat mit jedem zusätzlich verkauften Auto über die Mehrwertsteuer wieder so viel Geld einnehme, "wie er zuvor als Prämie ausgegeben hat".

Auch auf politischer Ebene sorgt die Frage, ob der Staat Opel unterstützen soll, für Streit. Deutliche Skepsis äußerte EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Anders als bei Banken würde die Pleite eines Industrie-Unternehmens keine Kettenreaktion auslösen, sagte er der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". "In diesem Sinne ist Opel nicht systemrelevant, Porsche ist es nicht und auch nicht Daimler. Das wäre nicht einmal bei Volkswagen der Fall." Es gebe immer Wettbewerber, die in die Lücke springen könnten. Für eventuelle Beihilfen seien die EU-Mitgliedsstaaten zuständig, erklärte Verheugen. Sie sollten mit dieser Möglichkeit aber verantwortungsvoll umgehen.

GM-Markenübersicht
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General Motors ist in Deutschland vor allem durch Opel bekannt. Doch zu dem Konzern gehören weitere bekannte Namen. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Marken vor.

Scharf attackierte der Industriekommissar den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Dessen Forderung nach einem EU-Rettungsplan für die Autoindustrie wies Verheugen zurück. "Wenn Präsident Sarkozy sagen könnte, wo im Gemeinschaftshaushalt Mittel zur Verfügung stehen, die wir in die Automobilindustrie pumpen könnten, wäre ich außerordentlich dankbar. Wir haben keinen einzigen Euro für diesen Zweck."

Sarkozy hatte mit protektionistischer Rhetorik in den vergangenen Wochen für Streit in der EU gesorgt. Die EU-Staats- und Regierungschefs treffen sich am Sonntag in Brüssel zu einem Sondergipfel, um sich im Kampf gegen die Wirtschaftskrise besser abzustimmen.

Generell erwartet Verheugen drastische Änderungen durch die Krise. "Die industrielle Landschaft Europas wird nach der Krise anders aussehen als vorher", prophezeite er. Der Strukturwandel beschleunige sich. "Wir werden erleben müssen, dass nicht alle Unternehmen überleben, nicht alle Arbeitsplätze erhalten bleiben können." In der Krise liege aber auch eine Chance insbesondere für jene Unternehmen, die sich der dritten industriellen Revolution, dem Übergang in eine kohlendioxidarme Industrie stellten.

Sarrazin: "Das wäre ein Fass ohne Boden"

Der scheidende Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) sprach sich ebenfalls gegen eine Beteiligung des Staates zur Rettung von Opel aus. "Das wäre ein Fass ohne Boden für den Steuerzahler", sagte Sarrazin dem SPIEGEL.

Sollte der Autohersteller insolvent werden, wäre das zwar "unglaublich hart" für die einzelnen Standorte, es sei jedoch "Unsinn", wenn Politiker in Nordrhein-Westfalen oder Hessen so tun, als ginge ohne Opel "die Welt unter". "Die Werke schließen, die Zulieferer werden dann eben für andere Autokonzerne arbeiten", sagte Sarrazin, der im Mai in den Vorstand der Bundesbank wechseln soll.

Auch beim Autozulieferer Schaeffler, der sich mit der Übernahme des Reifenherstellers Continental finanziell übernommen hat, rät Sarrazin zur Vorsicht. Die Folgen einer Insolvenz von Schaeffler wären doch nur, dass die Eigentümerin "ihr Vermögen weitgehend verlieren würde". Das aber sei "in der Marktwirtschaft das unternehmerische Risiko". Die Firma sei überlebensfähig auch in einer Insolvenz. "Dann segelt das Schiff weiter, nur ohne die Familie Schaeffler", sagte Sarrazin.

Dessen ungeachtet verdichten sich die Hinweise, wonach die Bundesregierung Opel massiv unterstützen möchte. Laut "Leipziger Volkszeitung" ist sie offenbar bereit, die Herauslösung des Autobauers Opel aus dem angeschlagenen Mutterkonzern GM mit bis zu fünf Milliarden Euro zu unterstützen. Von den Mitteln für Bürgschaften, Kredite oder notfalls auch zeitweilige Staatsanteile sollten die vier Bundesländer mit Opel-Produktionsstätten ein Fünftel übernehmen, berichtet das Blatt unter Berufung auf Regierungsinsider in Berlin. Die vier Bundesländer sind Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Voraussetzung für die Hilfen sei ein seriöser Überlebensplan für eine europäische Lösung.

Daimler spricht offenbar über den Opel-Standort Eisenach

Das am Freitag von Opel vorgelegte Kurzkonzept werde jedoch nicht als ausreichend für die Gewährung von Hilfen angesehen, schreibt die Zeitung weiter. Ein Regierungsmitglied sprach gegenüber dem Blatt "von einem Witz, mit dem General Motors hintenherum an staatliches Geld will". Auch der angemeldete Finanzierungsbedarf von 3,3 Milliarden Euro sei wenig zukunftsfest. Bei einer erfolgreichen Sanierung rechne man mit dem Verlust von bis zu 8000 Arbeitsplätzen.

Teil einer Lösung könnte ein möglicher Verkauf des Opel-Werks in Eisenach an den Konkurrenten Daimler sein. Laut "Leipziger Volkszeitung" wird ein solches Szenario wahrscheinlicher. Regierungsinsider bestätigten der Zeitung erste erfolgreich verlaufende Kontakte samt einer Besichtigung des Werkes durch Daimler-Manager. Dies berichtet auch die "Thüringer Allgemeine". Laut "Leipziger Volkszeitung" wird überlegt, Eisenach in Begleitung mit einer staatlich verbürgten Abnahmegarantie für eine gewisse Zeit unter der Regie von Daimler führen zu lassen. Daimler hatte bisher erklärt, an der Übernahme von Opel-Teilen kein Interesse zu haben.

Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird an diesem Samstag mit den Ministerpräsidenten der Länder in einer Telefon-Schaltkonferenz über die Opel-Rettung beraten. Das berichtet die "Rheinische Post" unter Berufung auf Berliner Regierungskreise. Die Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU, Nordrhein-Westfalen), Kurt Beck (SPD, Rheinland-Pfalz), Roland Koch (CDU, Hessen) sowie die stellvertretende Regierungschefin von Thüringen, Birgit Diezel (CDU), wollen dem Blatt zufolge vor allem über die von Opel gewünschten Hilfen sprechen. Es gelte als sicher, dass die Regierungen die Hilfe leisten, heißt es in der Zeitung. Dabei sollen die Lasten im Verhältnis 50 Prozent Bund und 50 Prozent Länder aufgeteilt werden.

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