Automatischer Aktienhandel Deep Fritz für die Börse?

Für Börsenhändler könnte das die schlimmste Meldung des Jahres sein: Die Wirtschaftsagentur Reuters geht mit einem Programm an den Start, das eigenständig Nachrichten analysiert und daraufhin mit Wertpapieren handelt.

Von Tim Höfinghoff


Hamburg - Auf dem Parkett vieler Börsen herrscht schon längst gähnende Leere. Der größte Teil des Handels mit Aktien, Rohstoffen und anderen Wertpapieren findet per Computer statt. Doch es könnte bald noch stiller werden - möglicherweise sind in Zukunft nur noch ein paar Administratoren nötig, die die Rechner überwachen, die ganz still und leise ihre Arbeit erledigen und mit anderen Computern Handel treiben.

Börsenhändler in New York: Schon 60 Prozent der Umsätze erledigen Computer
AFP

Börsenhändler in New York: Schon 60 Prozent der Umsätze erledigen Computer

So stellt sich offenbar die Nachrichtenagentur Reuters die Zukunft im Börsengeschäft vor. Das Unternehmen bietet nun Handelssysteme, die Finanznachrichten lesen, eigenständig auswerten und daraus Entscheidungen für den Börsenhandel ableiten. Kaufen, Halten oder Verkaufen von Wertpapieren - statt des Menschen agiert wie beim legendären Schachcomputer Deep Fritz ein kluger Rechner.

Computer sollen nicht nur Unternehmensergebnisse verarbeiten, sondern auch journalistische Nachrichten analysieren, heißt es bei Reuters. In den kommenden drei bis fünf Jahren werde die Automatisierung immer wichtiger für das Börsengeschäft. Dies sei ein Wachstumsmarkt.

Neu an solch einem System wäre, dass erstmals auch Nachrichtentexte als Grundlage für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen dienen. Schon heute analysieren Computer Kursdaten und das Handelsvolumen anhand von mathematischen Algorithmen. Dass sich ein elektronisches Hirn durch Finanzartikel wühlt und diese interpretiert - das wird das Börsengeschäft weiter radikal verändern.

Finanznachrichten in 0,3 Sekunden

Der Trend ist vorgezeichnet - der sogenannte Programmhandel im Börsengeschäft wird immer wichtiger. Der Vorteil: Computer arbeiten rund um die Uhr, brauchen keine Pause. Sie sind schnell, effizient und kostengünstig. In den USA werden schon 60 Prozent der Börsenumsätze vom Rechner abgewickelt. Der Computerkonzern IBM prophezeit sogar, dass 90 Prozent aller Wertpapierhändler bis zum Jahr 2015 ohne Job sein werden, weil Rechner ihre Aufgaben übernehmen.

Die Nachrichtenagentur Thomson Financial begann kürzlich damit, Computer selbständig Finanzmeldungen generieren zu lassen. Aus den Berichten der Unternehmen picken Rechner die wichtigen Bilanzzahlen heraus und formulieren Nachrichtentexte - das dauert bisweilen nur 0,3 Sekunden. Finanzjournalisten fürchten seitdem zunehmend um ihre Jobs. Solche Zeiten können schließlich auch die schnellsten Schreiberlinge nicht überbieten. Thomson Financial argumentiert hingegen, dass Reporter sich nun mehr um Hintergrundthemen kümmern können, statt Bilanznachrichten zusammenzutippen.

"Maschinen sind schlechter als der Mensch"

Reuters preist sein neues System mit dem Argument an, dass auch Nachrichten maschinenlesbar sind. Motto: Warum noch Menschen komplizierte Finanznachrichten lesen lassen, wenn der Rechner viel schneller die Wörter und den Zahlenwust analysiert und blitzschnell handelt. Zudem will Reuters sein Nachrichtenarchiv mit dem Handelssystem verknüpfen, so dass auch bereits veröffentlichte Texte mit in die Analyse einfließen können. In der Datenbank schlummern Millionen Texte und Kursinformationen von 250 Handelsplätzen, die ständig aktualisiert werden. Die Idee: Der Computer beurteilt blitzschnell, wie in der Vergangenheit die Börsen auf bestimmte Ereignisse und Schlüsselwörter in Nachrichtentexten reagiert haben.

Die neuen Möglichkeiten stoßen bei Branchenkennern auf wenig Gegenliebe: "Diese Idee klingt spannend, aber ich bin skeptisch, ob eine Maschine das so gut interpretieren kann", sagt Oliver Szabries, Geschäftsführer der Brokerfirma Deutsche Börsenmakler. "Maschinen sind in der Regel schlechter als der Mensch." Auch das Gefühl und die Markterfahrung seien wichtig, um an der Börse die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Nach Szabries' Einschätzung könnten solche Programme aber für Banken und Hedgefonds interessant sein, da sie ihren Handel längst in großem Stil über automatisierte Computerprogramme abwickeln. Doch eines ist klar: Der Job von vielen Börsenhändlern ist alles andere als zukunftssicher. Schließlich soll die Einschätzung von Menschen im Börsengeschäft bald immer weniger eine Rolle spielen.

Die Visionen der Reuters-Programmierer reichen aber noch viel weiter. Sie wollen es schaffen, dass die Rechner entscheidende ökonomische und politische Ereignisse vorhersagen, wenn es plötzlich eine Vielzahl von Finanzberichten zu einem Thema gibt.



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