Autozulieferer Schaeffler-Familie legt NS-Vergangenheit offen

Der Autozulieferer Schaeffler war tiefer in das System des Dritten Reiches verstrickt als bekannt. Dies geht aus der Untersuchung eines Historikers hervor, den die Eigentümerfamilie selbst beauftragt hat. Demnach beschäftigte das Unternehmen auch Zwangsarbeiter.


Berlin/Herzogenaurach - Neben der Debatte um mögliche Staatshilfen ist nun auch eine Diskussion um die NS-Vergangenheit des Unternehmens ausgebrochen.

Maria-Elisabeth Schaeffler: "Falsche Unterstellungen im Internet"
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Maria-Elisabeth Schaeffler: "Falsche Unterstellungen im Internet"

Schaeffler ist nicht nur aus der - vormals jüdischen - Davistan AG hervorgegangen. Vielmehr war das fränkische Unternehmen auch tiefer in das System des "Dritten Reiches" verstrickt gewesen als bislang angenommen. Die Firma hat sich im Zweiten Weltkrieg stark in der Rüstungsproduktion engagiert und beschäftigte dabei auch Zwangsarbeiter. Der von der Schaeffler-Familie beauftragte Historiker Gregor Schöllgen veröffentlichte im Politik-Magazin "Cicero" entsprechende Forschungsergebnisse.

Ein Schaeffler-Sprecher bestätigte die Erkenntnisse auf Anfrage. Den Auftrag für die Untersuchungen hatte die heutige Gesellschafterin Maria-Elisabeth Schaeffler bereits vor einigen Jahren gegeben. Das Unternehmen hat die Veröffentlichung der historischen Forschungsergebnisse nun selbst forciert. "Dies geschah vor dem Hintergrund falscher Unterstellungen im Internet. Professor Schöllgen hat dazu sein etwa zwei Jahre altes Gutachten aktualisiert und die wesentlichen Ergebnisse zur Klarstellung veröffentlicht", sagte ein Firmensprecher

Unter anderem werden erstmals die Zusammenhänge der Verhaftung des 1981 gestorbenen Wilhelm Schaefflers - Schwager von Maria-Elisabeth Schaeffler - durch die Amerikaner im Jahr 1946 und seine Auslieferung an Polen offengelegt. Demnach warf die Anklage Schaeffler vor, in Polen "zugunsten des Deutschen Reiches" und "im Auftrag der deutschen Regierung" an der "Liquidierung des dem polnischen Staat und den polnischen Bürgern gehörenden Besitzes" beteiligt gewesen zu sein.

Das Urteil des zuständigen Bezirksgerichts vom April 1949 habe den Vorwurf auf "jüdisches Eigentum" ausgeweitet. Wilhelm Schaeffler musste daraufhin für gut vier Jahre ins Gefängnis in Bialystok und Warschau. Er wurde allerdings bereits am 23. Juli 1951 wieder freigelassen.

Erst die Witwe ließ die Archive öffnen

Bislang hatte die Firma über ihre dunkle Vorgeschichte in Polen geschwiegen. Die offizielle Unternehmenshistorie der Schaeffler Gruppe beginnt erst im Jahre 1946 mit der Gründung des Unternehmens INA durch die Brüder Wilhelm und Georg Schaeffler.

"Die Brüder Schaeffler sahen keine Veranlassung, ihre frühen Jahre ohne Not kritischen Blicken auszusetzen", sagte Schöllgen zu "Cicero". Erst die Witwe Georg Schaefflers, Maria-Elisabeth Schaeffler, habe die Archive öffnen lassen und eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit ermöglicht.

Derzeit bemüht sich Maria-Elisabeth Schaeffler zusammen mit ihrem Sohn Georg um Staatshilfe für das Unternehmen. Das Familienunternehmen hatte sich mit der Übernahme des deutlich größeren Autozulieferers Continental verhoben.

wal/ddp/AFP



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