Von Stefan Schultz
Hamburg - In der Bundesagentur für Arbeit (BA) brodelt es: Mehrere Angestellte der Behörde haben gegenüber SPIEGEL ONLINE moniert, dass sie sich von der BA in ihrer Arbeit regelrecht behindert fühlen. Viel zu oft müssten sie statistische Daten erheben. Die "Zahlenklauberei" raube ihnen letztlich so viel Zeit, dass sie ihre eigentliche Aufgabe - das Vermitteln von Jobs - zum Teil vernachlässigen müssten, schimpfen die Beamten.

Logo der Bundesagentur: Übertriebene Kontrollen?
Für öffentlichen Aufruhr hatte bereits ein Brandbrief des Personalrats gesorgt, der Mitte Juni an mehrere Medien, darunter auch SPIEGEL ONLINE, lanciert worden war. Das Protestschreiben, datiert auf den 5. Juni, trägt den Titel "Ist die BA noch steuerungsfähig? - wenn ja, wie lang?" - war von Eberhard Einsiedler, dem Vorsitzenden des Hauptpersonalrats, unterzeichnet.
Einsiedler rügt darin mit markigen Worten die Controlling-Praktiken der Bundesagentur. Der Hauptpersonalrat habe schon "seit einiger Zeit" den Eindruck, als wäre "nicht die Arbeit am und mit dem Kunden" das Kerngeschäft der BA, "sondern Controlling, Qualitätsmanagement und Steuerung" - und das offenbar "zum Selbstzweck".
Dies zeige sich vor allem daran, dass "sinnlose Daten und Fakten" von der Regionaldirektion bei den Arbeitsagenturen eingefordert werden, die die Teamleiter zu "sinn- und hilflosen Zahlenproduzenten" degradieren. Einsiedler fordert: "Pfeifen Sie ihre Zahlenknechte zurück."
Angriff gegen das System Weise
Es ist eine Attacke, die sich gegen das System von Frank-Jürgen Weise richtet. Einsiedlers Schreiben ist an den BA-Chef adressiert. Aus gutem Grund: Es war Weise, der seit seiner Benennung 2004 das umfangreiche Controllingsystem bei der Behörde eingeführt hat, das die Mitarbeiter verpflichtet, Daten zu erheben und genaue Zielvorgaben einzuhalten.
Einsiedler wollte zu seinem Brief nicht Stellung nehmen. Seine Schilderungen decken sich aber mit Vorwürfen, die BA-Angestellte gegen die Behörde erheben. "Meine Zeit geht für statistische Erhebungen drauf", sagt eine Arbeitsvermittlerin SPIEGEL ONLINE. "Die Jobvermittlung leidet darunter."
Ein zweiter BA-Angestellter moniert, dass die Daten, die erhoben werden müssen, zum Teil "sehr spezifisch und kleinteilig" sind und dass sich ihm nicht erschließe, wozu die Werte eigentlich benötigt werden. So müssten manche BA-Angestellte beispielsweise die von ihnen vermittelten Arbeitssuchenden nicht nur nach Alter und Beruf sortieren, sie müssten zudem für jeden einzeln angeben, ob er zurzeit noch einen Job habe, ob er von der Agentur beraten werde - und ob er möglicherweise Alkoholprobleme habe.
Eine andere Mitarbeiterin aus der Führungsebene einer Arbeitsagentur gab an, dass Vermittler jeden Sommer, wenn neue Schulabgänger auf den Jobmarkt gespült würden, zusätzlich unter Stress gerieten. Nach einer internen BA-Weisung darf die Zahl der arbeitsuchenden Schulabgänger aus dem Vorjahr nicht die Zahl der arbeitsuchenden Schulabgänger aus dem aktuellen Jahr übersteigen.
Befehls-Wirrwarr durch verschachtelte Konzernstruktur
"Manche Vermittler müssen daher im Sommer Woche für Woche schriftliche Berichte einreichen, in denen sie erläutern, mit welchen Maßnahmen sie versucht haben, die Altbewerber am Jobmarkt zu vermitteln", sagt die Mitarbeiterin. Dieser "Berichtewahn" fresse wertvolle Zeit, die den Vermittlern dann letztlich fehle, um tatsächlich Jobs für Bewerber zu finden.
Der Statistikwahn scheint sich dadurch zu verschlimmern, dass verschiedene Führungskräfte im verschachtelten BA-Bau ihr eigenes Süppchen kochen. Normalerweise sei es Aufgabe der Controlling-Abteilung, statistische Erhebungen anzuordnen. Diese werden dann an die Steuerungsabteilung der BA weitergereicht, von wo aus sie als Weisung an die zehn der BA untergeordneten Regionaldirektionen herausgegeben werden. Diese zehn Regionaldirektionen geben die Befehle dann an die insgesamt 178 Arbeitsagenturen weiter.
Immer wieder kommt es nach Aussagen von Insidern vor, dass die Steuerungsabteilung selbst zusätzliche Weisungen herausgibt. Auch die Chefs der Regionaldirektionen und die Chefs der Arbeitsagenturen befehlen teilweise zusätzliche statistische Erhebungen, um, wie Einsiedler es ausdrückt "für alle Eventualitäten gegenüber der Zentrale gerüstet zu sein".
Krisentreffen Ende Juli
Die Bundesagentur ist sich der Kontrollprobleme bewusst. "Wir nehmen die Kritik ernst", teilt ein Sprecher mit. Generell verteidigt er das System des Controllings - es sei nicht zuletzt den genauen statistischen Auswertungen zu verdanken, dass sich der Jobmarkt auch in der Krise als recht robust erweise. Generell aber räumt er Mängel ein - und sagt, man sei bestrebt, übermäßige Kontrollen künftig zu vermeiden.
Tatsächlich wird die Causa Controlling inzwischen auf höchster Ebene debattiert. Ende Juli treffen sich der BA-Vorstand, die Geschäftsführung, der Hauptpersonalrat und die Leiter der zehn Regionaldirektionen, um zu besprechen, wie sich übermäßige Kontrollen künftig eindämmen lassen.
Dem Sprecher der Agentur zufolge gibt es schon erste konkrete Vorschläge, wie man die Arbeitsvermittler entlasten kann. Sie sollen in den nächsten Monaten in die Tat umgesetzt werden.
Die Arbeitsvermittler sehen dieses Versprechen skeptisch. Einer, der seinen Job in der Arbeitsagentur schon vor mehreren Monaten an den Nagel gehängt hat, merkt an, dass BA-Mitarbeiter das Problem übermäßiger Kontrollen schon seit Jahren kritisieren. Auch mit dem Vorstand sei es schon besprochen worden.
Danach sei alles nur noch schlimmer geworden.
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