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Bahn-Datenskandal: Mitarbeiter der Konzernrevision belasten Mehdorn

Neue Gefahr für Hartmut Mehdorn: In einem Brief an den Finanzausschuss beschreiben Mitarbeiter die Konzernrevision der Deutschen Bahn als ineffizient und willkürlich. Der Bahn-Chef muss von den Missständen gewusst haben - ihm ist die Abteilung direkt unterstellt.

Berlin - Mehdorn wird in Zukunft größere Schwierigkeiten haben, sich mit Nichtwissen herauszureden. Nach Angaben von Mitarbeitern der Konzernrevision wurde der Bahn-Chef "wiederholt" über die Spitzelaufträge an die Firma Network Deutschland informiert.

Bahn-Chef Mehdorn: Ermittlungen in konkrete Verdachtsfälle gestoppt
DDP

Bahn-Chef Mehdorn: Ermittlungen in konkrete Verdachtsfälle gestoppt

Das geht aus einem Schreiben an Mitglieder des Verkehrsausschusses des Bundestags vom 5. Februar hervor, das der "Welt am Sonntag" vorliegt. Die Absender des Briefes liefern damit zum ersten Mal den Beleg dafür, was ohnehin schon seit langem als plausibel galt. Denn die Konzernrevision ist disziplinarisch Mehdorn direkt unterstellt.

Dabei richten sich die schwerwiegenden Vorwürfe nicht einmal direkt gegen Mehdorn. Die Mitarbeiter kritisieren laut "WamS" zum Beispiel, dass die Konzernrevision in mehreren sehr konkreten Verdachtsfällen weitere interne Ermittlungen gestoppt habe, weil hochrangige Mitarbeiter des Unternehmens im Visier waren. Auch seien "hohe Rechnungen" bezahlt worden, "obwohl ihnen in zahlreichen Fällen keine adäquate Gegenleistung gegenüberstand". Mehrfach sei von Aufträgen an die Detektei Network "wegen schlechter Qualität abgeraten" worden.

Durchleuchtung mit "ernüchternden" Ergebnissen

Ohnehin scheint der massive Eingriff in die Privatsphäre der Bahn-Angestellten in keinem Verhältnis zum Ergebnis zu stehen: Nach Einschätzung der Revisionsmitarbeiter hat die Rasterfahndung so gut wie nichts eingebracht. Bei den meisten der mehr als 600 Hinweise im Zuge der Korruptionsbekämpfung handele es sich bloß um Bagatelldelikte. "Die Vielzahl der Strafanzeigen, mit denen sich die Bahn rühmt, sind doch nur zustande gekommen, weil auch kleinste Verstöße angezeigt worden sind", heißt es in dem Schreiben. Die Bilanz der sogenannten Screenings sei dagegen "ernüchternd".

Die Schuld geben die Mitarbeiter ihrem direkten Vorgesetzten, Bahn-Konzernrevisionschef Josef Bähr. Dieser habe die "gesamte Revision in Misskredit" gebracht. "Warum hätschelt Herr Mehdorn unseren Chef, der ihm alles eingebrockt hat?", fragten die Mitarbeiter.

Die Bahn hatte in den vergangenen Jahren massenweise Mitarbeiter überprüft, um ihre Daten mit denen von Lieferanten abzuklären. Als Grund nennt der Konzern Korruptionsbekämpfung.

Inwieweit das jetzt bekanntgewordene Schreiben Mehdorn in zusätzliche Bedrängnis bringt, bleibt abzuwarten. Zwar wurde in den Stellungnahmen nach den Verhandlungen am Freitag klar, wie wenig Rückhalt der Bahn-Chef derzeit noch hat. Diejenigen, die über seine Ablösung zu entscheiden haben, äußern sich allerdings deutlich zurückhaltender. Selbst seine derzeit schärfsten Widersacher, die Aufsichtsratsvertreter der Gewerkschaften Transnet und GDBA formulierten ihre Rücktrittsforderungen vorsichtig. Personelle Konsequenzen könnten zwar erst beschlossen werden, wenn die Sachlage klar sei. Aber: "Im schlimmsten Fall würden wir den Rücktritt Mehdorns fordern", sagte Transnet-Chef Alexander Kirchner.

Union setzt auf Abwarten

Gleichzeitig einigte er sich mit Aufsichtsratschef Werner Müller darauf, den Fall noch einmal von unabhängigen Gutachtern untersuchen zu lassen, bevor über Konsequenzen gesprochen wird. Die Arbeitnehmervertreter bekommen dabei die Möglichkeit, zusätzlich unabhängige Experten zu benennen, die die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer noch einmal abklopfen. Mehdorn selbst versichert, er wolle bis Anfang nächster Woche die Bundesregierung in einem ausführlichen Bericht über den Kenntnisstand im Datenskandal informieren. "Was wir wissen, kommt auf den Tisch und wird selbstverständlich Parlament, Regierung und Aufsichtsrat vorgelegt", erklärte er. "Wir arbeiten mit Hochdruck an einer umfassenden Aufklärung."

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich bislang hinter Mehdorn gestellt, ohne ihm jedoch explizit das Vertrauen auszusprechen. Zuvor war über einen Rücktritt und über mögliche Nachfolger für den Posten des Bahn-Chefs spekuliert worden.

Gleichwohl dürfte es wohl erst nach der Bundestagwahl zu einem Machtwechsel an der Bahn-Spitze kommen. Denn im Kanzleramt setzt man darauf, dass dann die Union als Wahlsieger die Regie bei der Nachfolgeregelung übernehmen kann. Sollte Mehdorn dagegen vor der Wahl über die Affäre stürzen, dann hätte Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) ein entscheidendes Wort bei der Nachbesetzung mitzureden.

mik/AFP/ddp

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