Bahn-Konflikt Mehdorn in der Streik-Falle

Bahnchef Mehdorn gegen Gewerkschafter Schell - das ist mehr als ein Tarifkonflikt. Es geht um die Ehre und das Projekt des Konzernherrn: den Börsengang. Stur wie Thatcher fechten sie den Streik-Streit aus. Das könnte sehr lange dauern.

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Hamburg - Hartmut Mehdorn und Manfred Schell haben nicht viel gemeinsam. Der eine ist Konzernchef der Deutschen Bahn, der andere ist Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL. Insofern sind die beiden natürliche Gegenspieler, fast wie Hund und Katz.

Bahn-Zentrale in Berlin: Für Investoren unattraktiv
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Bahn-Zentrale in Berlin: Für Investoren unattraktiv

In einem Punkt allerdings sind sich Mehdorn und Schell sehr ähnlich: Beide sind ausgemachte Sturköpfe. Nachgeben widerspricht ihrem Naturell, jedes Entgegenkommen werten sie als Niederlage. "Wir sind nicht erpressbar", sagte Mehdorn diese Woche im Gespräch mit dem SPIEGEL.

"Die Auseinandersetzung hat eine persönliche Komponente", sagt ein Branchenexperte, der beide Streithähne gut kennt. Für Bahnkunden, die auf ein schnelles Ende des bevorstehenden Lokführerstreiks hoffen, ist das keine erfreuliche Aussicht.

Dabei hat der Konflikt - abgesehen von persönlichen Animositäten - noch eine andere Dimension. Die macht das Ganze allerdings nicht besser. Denn hinter den Kulissen geht es nicht nur um Gehaltserhöhungen und Arbeitszeiten. Für Mehdorn steht etwas ganz anderes auf dem Spiel: Es geht um seinen Traum vom Börsengang der Bahn.

"Mehdorn ist deswegen so stur, weil er um seine Börsenpräsentation fürchtet", sagt Winfried Hermann, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen. "Bei einem hohen Tarifabschluss würde die Bilanz im nächsten Jahr deutlich schlechter aussehen."

Ähnliches ist bei Unternehmensberatungen zu hören, die sich nach potentiellen Interessenten für die Bahn umschauen. "Ein Streik ist nie gut für ein Unternehmen", sagt ein Consultant. Auch die Gewerkschaft Transnet, die in Konkurrenz zur GDL steht, sieht die Privatisierung in Gefahr.

"Das könnte die Bahn für Investoren unattraktiv machen"

Ohnehin ist der Gewinn der Bahn gemessen am Umsatz eher bescheiden. "Sollten nun zusätzliche Lohnkosten von 200 oder 300 Millionen Euro hinzukommen", sagt Hermann, "dann macht das dem Unternehmen ernsthaft zu schaffen." Zumindest dann, wenn man den Konzern privaten Investoren anpreisen möchte.

Und bei den Zahlungen an die Lokführer würde es nicht bleiben: Denn wenn Mehdorn der GDL mehr Geld zubilligt, dann werden das auch die Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA fordern. Vor einem Monat hatten sie sich mit dem Konzern auf 4,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt geeinigt. Im Tarifvertrag heißt es aber ausdrücklich, dass bei einem höheren GDL-Abschluss nachverhandelt werden kann. "Das könnte die Bahn für Investoren unattraktiv machen", sagt Hermann.

Doch egal wie Mehdorn sich entscheidet: Er steckt in der Zwickmühle. Kommt er den Lokführern entgegen, hat er finanzielle Sorgen. Zieht er seine harte Linie durch, bekommt die Bahn ein Image-Problem: Nach einem wochenlangen Streik nützt Mehdorn auch ein moderater Abschluss nichts mehr.

Deutschland ist bei Investoren unter anderem deshalb so beliebt, weil es weltweit das Land mit den wenigsten Streiks ist. Selbst in der Schweiz legen die Beschäftigten häufiger die Arbeit nieder. Wenn es der GDL nun jedoch gelingt, die Bahn über eine längere Zeit in Atem zu halten, dann macht das keinen guten Eindruck. Schließlich würde jeder annehmen, dass die Lokführer ihre Macht auch in Zukunft gern mal ausspielen. "Die Einsicht, dass eine kleine Gruppe den ganzen Betrieb lahmlegen kann, ist für Investoren äußerst abschreckend", sagt Hermann.

In dieser aussichtslosen Lage hat die Bahn kaum Verhandlungsspielraum. In Branchenkreisen werden deshalb schon Schreckensszenarien an die Wand gemalt: Will Mehdorn vielleicht, dass sich die GDL kaputt streikt?

Vorbild Maggie Thatcher?

Vorbild könnte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher sein. Sie hatte einen Bergarbeiterstreik in den achtziger Jahren einfach ausgesessen. Null Entgegenkommen. Die Forderungen der Beschäftigten einfach ignorieren. Nicht hinhören, wenn sich Dritte beschweren. Die eiserne Lady zog das ein ganzes Jahr lang durch. Danach gaben die Bergarbeiter auf.

Eine mögliche Lösung für die Bahn? "Mehdorn hat wohl die Vorstellung, die GDL klein zu machen", sagt Grünen-Experte Hermann. "Aber er wird sich verrennen."

Die Gewerkschaft selbst sagt, sie verfüge über eine volle Streikkasse. Weil es bei der Bahn in vergangener Zeit keine größeren Arbeitskämpfe gab, könnte das durchaus stimmen. Insofern sind die Lokführer in der besseren Position. "Ein langer Streik schadet eher der Bahn als der Gewerkschaft", sagt Hermann.

Doch wie soll es dann weitergehen?

Vermutlich wird sich bald die Politik einschalten. Je lauter die Kunden protestieren, desto eher. Das Ziel: Mehdorn zurückpfeifen. Immerhin hat der Bund als einziger Aktionär der Bahn durchaus Einflussmöglichkeiten. Und auch die Wirtschaft wird Druck machen. Wegen verspäteter Züge fürchtet sie Millionenschäden.

Und dann heißt es verhandeln - auch wenn das den beiden Protagonisten Mehdorn und Schell schwerfallen dürfte.

"Es müssen ja nicht wirklich 30 Prozent mehr Gehalt sein", sagt Hermann. Ein möglicher Kompromiss könnte sein, die Erhöhung nicht sofort durchzusetzen, sondern leistungsorientiert - oder erst mit steigendem Alter der Beschäftigten. Anstelle von pauschalen Gehaltssteigerungen könnte sich der Experte auch Entschädigungszahlungen für flexible Arbeitszeiten vorstellen.

"Es gibt eine Menge Varianten", sagt Hermann. "Aber dafür muss man sich an einen Tisch setzen."

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