Bahn-Spähskandal Mehdorn tritt mit schwarzen Zahlen ab

Mehr Umsatz, mehr Gewinn: Mit positiven Unternehmenszahlen versuchte Hartmut Mehdorn bei der Jahresbilanz, die Bahn als Erfolgskonzern zu präsentieren. Erst im Nachklapp verkündete er die eigentliche Nachricht. Der Bahnchef tritt wegen der Spähaffäre zurück - und wähnt sich als Opfer von "Skandalisierungen".

Von


Berlin - Den letzten Triumph wollte sich Hartmut Mehdorn nicht nehmen lassen. Fast eineinhalb Stunden referierten der Bahnchef und sein Finanzvorstand Diethelm Sack bei der Bilanz-Pressekonferenz am Montag in Berlin die Erfolge des vergangenen Geschäftsjahres. Energiepreise, ein hoher Tarifabschluss und die wegbrechende Nachfrage im Güterverkehr in den letzten Monaten hätten das Geschäft erschwert, erklärte Mehdorn. Trotzdem sei das Ergebnis mehr als zufriedenstellend ausgefallen.

Bahnchef Mehdorn: Ende einer Ära
REUTERS

Bahnchef Mehdorn: Ende einer Ära

Die anschließende Fragerunde fiel allerdings deutlich kürzer aus, als bei solchen Ereignissen üblich. Mehrere Pressevertreter meldeten sich zu Wort, die Genaueres zu einigen Details erfahren wollten, etwa zur S-Bahn in Berlin. Mehdorn parierte, wies zurecht, stellte richtig.

Doch dann änderte sich der Tonfall: In einem "Statement zum Thema Korruptionsbekämpfung/Datenschutz" wies Mehdorn noch einmal den Medien und der Öffentlichkeit die Schuld an der Eskalation der Situation bei der Bahn zu. Er sprach von "unzulässiger Vorverurteilung" und "Skandalisierungen", die mit den Fakten nichts zu tun hätten.

Von der ihm eigenen Angriffslust war dabei nichts mehr zu spüren. Der Bahnchef wirkte plötzlich resigniert und unsicher. Auch wenn er sich nichts vorzuwerfen habe, schadeten die "zerstörerischen Debatten" dem Unternehmen, dem Standort Deutschland und dem ganzen Land, räumte er ein. "Es ist für mich sehr bedrückend, dass sich Eigentümer, Mitarbeiter und Management jetzt nicht mit aller Kraft auf die Lösung der anstehenden Probleme konzentrieren können", erklärte er mit belegter Stimme. Er werde deshalb dem Aufsichtsratsvorsitzenden die Auflösung seines Vertrages anbieten.

Da war sie raus, die Rücktrittserklärung.

Der Tonfall verfehlte seine Wirkung nicht. Im Saal herrschte plötzlich betretenes Schweigen, das auch dann noch anhielt, als Mehdorn anschließend eine sehr persönliche Bilanz seiner Arbeit zog. "Meine fast zehn Jahre bei der Bahn waren eine tolle Zeit. Manchmal ein wenig verrückt. Immer aufregend", sagte er mit zittriger, brüchiger Stimme, fast zu Tränen gerührt. "Wir Bahner haben in dieser Zeit gemeinsam unheimlich viel erreicht. Das hätte uns Ende 1999, als ich zur DB kam, wirklich niemand zugetraut. Darauf blicke ich mit Dankbarkeit und auch einem gewissen Stolz zurück."

Es war ein sehr leiser Moment in der Karriere eines Managers, der sonst eher für laute, auch mal ruppige Töne bekannt ist. Und für das Unternehmen war es ein Paukenschlag - obwohl sich das Ende der Ära Mehdorn schon am Freitag abgezeichnet hatte. Da hatten die Bahn-Sonderermittler Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG die Ergebnisse ihrer Ermittlungen zur Datenaffäre vorgelegt.

Aus Mehdorns Sicht war das zunächst ein Freispruch. Denn strafrechtlich relevante Vorgänge konnten die Prüfer bislang nicht entdecken, weder in der Datenaffäre noch beim Ausspähen von E-Mails. "Es handelt sich nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmenspolitik", warf Mehdorn seinen Kritikern vor.

Doch die Ausforschung des E-Mail-Verkehrs, die erst am Freitag in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, brachte das Fass zum Überlaufen. Ein weiterer Skandal, Datenmissbrauch und das "Foulspiel" gegen die Gewerkschaften, indem Rundrufe - wenngleich juristisch zulässig - ohne Rücksprache gelöscht wurden - das war dann doch zu viel.

Bei ihren Ermittlungen hatten die Prüfer Indizien dafür gefunden, dass die Bahn jahrelang die E-Mails von 70.000 bis 80.000 Mitarbeitern systematisch gefiltert hat - täglich bis zu 145.000. Am Wochenende musste der Konzern dann noch einräumen, dass er im Herbst 2007 E-Mails mit einem Streikaufruf der Lokführergewerkschaft GDL gestoppt hatte. Danach rückte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Mehdorn ab. Die Bahngewerkschaften GDBA, Transnet und GDL sowie die SPD und die Opposition hatten schon zuvor seine Ablösung verlangt.

Auch im Bahn-Management hatte Mehdorn Rückhalt verloren. Einer Solidaritätsadresse für ihren Boss schlossen sich lediglich noch zwei Drittel der 180 Führungskräfte an. Erstmals war aus dem Management vernehmliche Kritik zu hören: Mehdorn habe in seiner schwierigen Lage in der Datenaffäre die Solidarität der Manager erzwingen wollen.

Die Vorsitzenden der Gewerkschaften Transnet und GDBA, Alexander Kirchner und Klaus-Dieter Hommel, zollten Mehdorns Entscheidung Respekt. "Es ist die logische Konsequenz aus der Schnüffelaffäre und unserer entsprechenden Forderung vom vergangenen Freitag. Wir erwarten jetzt von der Politik ein klares Bekenntnis, welchen Weg die Bahn künftig gehen soll", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Gewinnsprung im Personenverkehr, Minus im Gütertransport

Für Mehdorns Nachfolger wird es jetzt darum gehen, den richtigen Weg durch die Wirtschaftskrise zu finden. Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht, denn abseits der Skandale hat Mehdorn sein Haus bestellt. Die Jahresbilanz jedenfalls spricht für ihn.

Der Gewinnsprung im Personenverkehr konnte den Einbruch im Güterverkehr mehr als ausgleichen, so dass am Ende noch ein Plus übrig blieb - auch wenn die Bahn die eigenen Planzahlen knapp verfehlte. Der Umsatz 2008 lag bei 33,5 Milliarden Euro, wie das Unternehmen mitteilte. Um Zukäufe bereinigt sind das 3,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 4,8 Prozent auf 2,48 Milliarden Euro.

"Das gute Ergebnis zeigt, dass wir gerüstet sind für die Krise", erklärte Mehdorn. "Uns bläst in diesen Tagen ein eisiger Wind ins Gesicht, von dem wir nicht wissen, ob er sich nicht zu einem Orkan auswächst." 2009 habe schwierig begonnen. "Die Auftragseinbrüche sind gravierend." Eine Prognose für das laufende Jahr wagte der Konzern daher nicht. In ihrem Geschäftsbericht warnte die Bahn aber vor möglichen jahrelangen Auswirkungen auf die Ertragslage.

Zu dem Gewinnplus 2008 trugen der Regionalverkehr und vor allem der Fernverkehr bei: IC und ICE bauten ihren Gewinn massiv aus. Damit konnte der Einbruch bei der Güterbahn sowie der internationalen Logistik von Schenker abgefangen werden. Hier schrumpfte der operative Gewinn um zehn beziehungsweise 14 Prozent. Das Unternehmen kündigte weiter an, man werde 2009 wohl mehr als zwei Milliarden Euro über den Kapitalmarkt refinanzieren. Der mit 16 Milliarden Euro verschuldete Staatskonzern spielt auf den internationalen Anleihemärkten eine wichtige Rolle.

Betriebsbedingte Kündigungen seien bisher aber nicht geplant, sagte Mehdorn. Ziel sei es, so durch die Krise zu kommen. Die weitere Entwicklung hänge aber von der Marktlage ab, die Bahn wolle Kosten senken. Eine Gewinnbeteiligung für die Mitarbeiter von einmalig 400 Euro für das Geschäftsjahr 2008 werde aber ausgezahlt, obwohl ein dafür festgelegter finanzieller Schwellenwert knapp verfehlt worden sei.

Ein Abschiedsgeschenk an die Mitarbeiter?

Auf jeden Fall eher ein leiser Moment.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.