Balkan Kosovo bangt um den Wirtschaftsfaktor Nato

Die politische Unabhängigkeit hat das Kosovo erreicht, doch die Wirtschaft hinkt hinterher. Viele Menschen leben vom Geschäft mit den im Land stationierten Nato-Truppen. Doch die will das Bündnis bald drastisch reduzieren - damit droht dem kleinen Staat ein konjunkturelles Fiasko.

Von Astrid Langer


Prizren - Am Anfang war Rejhan skeptisch: Als Kosovarin für die deutsche Bundeswehr arbeiten? Angestellte für die Kfor im Feldlager Prizren?

Heute, nach mehr als zehn Jahren, ist von den anfänglichen Zweifeln nichts mehr zu spüren. Heute kürzt Rejhan als Schneiderin Uniformen, flickt, macht enger. Einmal habe sie sogar einen Babystrampler aus Tarnfleck genäht, erzählt sie. Den hat der Kompaniechef dann einem frischgebackenen Vater geschenkt.

Man merkt: Die 30-Jährige ist stolz, als eine von rund 400 Kosovaren für die Kosovo Force (Kfor) zu arbeiten. "Alle wollen das", sagt sie. Der Grund dafür ist simpel: Die Anstellung hilft ihrer ganzen Familie, denn mit 368 Euro netto im Monat liegt das Gehalt deutlich über dem Durchschnittseinkommen von 200 Euro. Auch die Krankenversicherung und den Rentenbeitrag zahlen die Truppen für sie, eine Seltenheit. "Für mich bedeutet die Kfor viel", sagt sie auf Deutsch - denn auch den Sprachkurs spendierte die Nato-Mission.

Eine so gute Anstellung zu haben, ist eine Seltenheit im Kosovo. Von den 2,1 Millionen Kosovaren ist etwa jeder zweite arbeitslos. Fast jeder siebte lebt in extremer Armut, von 90 Cent am Tag. Ohne die finanzielle Unterstützung von Familienmitgliedern aus dem Ausland wäre es für die meisten Familien noch schwieriger. Besonders die junge Generation leidet unter Arbeitslosigkeit - und 70 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt.

14.000 Soldaten aus 33 Nationen

Umso dankbarer ist man für die wirtschaftliche Nachfrage, die die Anwesenheit der rund 14.000 Soldaten aus 33 Nationen schafft. Schätzungen zufolge macht sie rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Kein Wunder also, dass die Bevölkerung so freundlich über die Truppen redet. Endlich Arbeit, endlich etwas Geld.

Und tatsächlich sind die Stellen bei den ausländischen Truppen vielfältig: Es gibt Gärtner, Dolmetscher, Frisöre, Reinigungskräfte, Küchenhelfer, Bedienungen und Straßenbauer. Denn es gibt viel zu tun in den Camps.

Aber auch außerhalb der Kfor-Zäune beeinflusst die Anwesenheit der Truppen das Wirtschaftsleben: So werden in Prizren die Kfor-Fahrzeuge in der örtlichen "Big Brother"-Auto-Werkstatt gewaschen und teilweise auch repariert. Benzin wird ebenfalls vor Ort gekauft. Ein einheimischer Bäcker backt das Brot für die Soldaten - extra nach deutschem Rezept und Hygieneauflagen. Das Truppen-Magazin "Maz & More" wird wöchentlich vor Ort gedruckt, 15 Kosovaren sind damit beschäftigt.

Und auch die Schmutzwäsche der Task Force Süd wird in Prizren gewaschen. Zwar gehört die Wäscherei nicht der Kfor - doch die Truppen sind der einzige Kunde.

30 Mitarbeiter stehen in einem großen, sterilen Raum, umrahmt von Dutzenden Waschmaschinen, Trocknern und Wäschesäcken - fast nur Frauen. Es riecht nach Waschpulver. Konzentriert blicken die Frauen auf ihre Bügelbretter, die Haare streng zurückgebunden. Sie waschen, trocknen und bügeln grünen Tarnfleck und weiße Bettwäsche, 24 Stunden, sieben Tage pro Woche. "Kfor ist ein großer und sehr guter Arbeitgeber", sagt Agim Likaj, der eine Art Manager der Wäscherei ist. 350 bis 400 Euro netto verdienen die Angestellten hier monatlich. Zum Vergleich: Ein ausgebildeter Lehrer bekommt im Landesschnitt 150 Euro, ein Arzt 200 Euro - obwohl das Preisniveau ähnlich hoch ist wie in Deutschland.

Seit zehn Jahren läuft das so, seitdem die "Kosovo Force" der Vereinten Nationen in den ethnischen Bürgerkrieg zwischen Serben und Albanern eingeschritten ist. Seitdem sichert die Kfor nicht nur den Frieden. Sie ist auch einer der größten Arbeitgeber im Land geworden, der viele neue Arbeitsplätze schafft.

Kfor schafft Abhängigkeiten

Doch was dem Land hilft, schafft auch Abhängigkeiten: Die sich langsam entwickelnde Wirtschaft konzentriert sich sehr auf die rund 2700 Soldaten hier im Süden. Automatisch richten sich die Einheimischen danach, was die Kfor braucht - kein Wunder, wenn an einem Job bei den Truppen das Einkommen einer ganzen Familie hängt.

Im Kosovo lebe man von drei Dingen, sagt Major Kai Gudenoge, stellvertretender Pressechef in der Führung der multinationalen Streitkräfte Süd: "Den Überweisungen der Familie aus dem Ausland, der Kriminalität - und der Kfor."

Wovon soll das Land sonst auch leben? Fährt man durch die Straßen im Süden, sieht man schnell, dass hier vieles zu Geld gemacht wird - egal ob es sich um Internet-Zugänge, Tattoos oder Fitnessstudios handelt. Selbst uralte Nähmaschinen der Marke Singer, Radios und Elektronikteile, die in Deutschland längst auf dem Schrott gelandet wären, finden neue Abnehmer.

Das Kosovo
Die Region
Im Kosovo leben auf 10.887 Quadratkilometern - einer Fläche etwa halb so groß wie Hessen - knapp zwei Millionen Einwohner, 95 Prozent sind muslimische Kosovo-Albaner. Um nach dem Krieg von 1999 weitere gewalttätige Auseinandersetzungen mit den Serben zu verhindern, wurde die Region unter die Verwaltung der Vereinten Nationen gestellt. Diese Unmik-Mission soll durch die größte zivile Mission der Europäischen Union im Rahmen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) abgelöst werden.
Geschichte
Der Name Kosovo ist vom Wort "Amselfeld" (Kosovo Polje) abgeleitet, wo am 28. Juni 1389 die Osmanen unter Murad I. die Serben unter Zar Lazar vernichtend schlugen. Auf serbischer Seite kämpften auch Albaner, Bulgaren, Bosnier, Polen, Ungarn und Mongolen. Mit der Niederlage auf dem Amselfeld begann der Untergang des alten Großserbischen Reiches und der Aufstieg des Osmanischen Reiches, das danach den Balkan eroberte.
Die Kfor-Truppen
Nach dem Luftkrieg der Nato gegen Serbien 1999 startete die Allianz auf der Grundlage eines Uno-Mandats ihre Kosovo-Mission (Kfor) mit zunächst 43 000 Soldaten. Gegenwärtig sind in der völkerrechtlich zur Serbien gehörenden Provinz rund 14.000 ausländische Soldaten stationiert. Die Bundeswehr beteiligt sich hier mit momentan knapp 2500 Mann.
Die Resolution 1244
Grundlage des Kfor-Einsatzes ist die am 10. Juni 1999 vom Uno-Sicherheitsrat verabschiedete Resolution 1244. Darin werden Rahmenbedingungen für eine internationale Sicherheitspräsenz im Kosovo geregelt sowie der Auftrag formuliert, im Kosovo ein multi-ethnisches, friedliches, rechtsstaatliches und demokratisches Umfeld mit autonomer Selbstverwaltung aufzubauen. Eine zeitliche Begrenzung des Einsatzes internationaler ziviler und militärischer Helfer ist in der Resolution nicht enthalten.

Dazu kommt: Zwei Drittel der Kosovaren leben von der Landwirtschaft - doch die ist unproduktiv. Zwar wäre Weinanbau möglich, überall sieht man Reben und Weinfelder in der Landschaft. Allerdings bringt Weinanbau kein schnelles Geld. Man muss zwei, drei Jahre warten, bis die ersten Trauben und damit die Gewinne sprießen.

Dafür boomt die Bauwirtschaft - ein bisschen wenigstens: Hunderte Rohbauten schießen aus dem Boden, unfertig, nackt, rote Beton- und Backsteinskelette stehen in der Landschaft. Denn die Bauten werden nicht durch Kredite finanziert, sondern mittels Bargeld. Deshalb wird von einem Monat zum nächsten gebaut, immer nur das, wofür gerade Geld da ist - und von innen nach außen: zuerst die moderne Innenausstattung, dann der Stromanschluss oder die Zufahrt.

Was das Kosovo wirklich zu bieten hat, sind Arbeitskräfte. Sie sind billig, denn jeder sucht dringend einen Job. Doch um neue Arbeitsplätze zu schaffen, braucht es Investition und Unternehmen, die ins Land kommen.

Rückläufige Direktinvestitionen

Denen aber fehlt die funktionierende Infrastruktur. Bisher gibt es eine einzige Autobahn, die Eisenbahnlinien sind alt und kaum zu nutzen, ebenso wenig der öffentliche Nahverkehr. Dabei sind seit 1999 mehrere Milliarden Euro an Hilfsgeldern in die ehemalige serbische Provinz geflossen, pro Kopf hat das Kosovo mehr Mittel erhalten als die ärmsten Entwicklungsländer. Doch der Effekt ist überschaubar.

Es überrascht denn auch nicht, dass die ausländischen Direktinvestitionen für das Kosovo rückläufig sind. Nach Angaben der Zentralbank haben ausländische Geldgeber im vergangenen Jahr 355 Millionen Euro im Kosovo gelassen - 80 Millionen weniger als noch 2007. Auch das Wachstum des Zwergstaates hinkt hinterher, 3,8 Prozent waren es 2007. In den Nachbarländern lagen die Raten teilweise bei über sechs Prozent.

Die Unternehmen gehen lieber nach Bulgarien oder Rumänien, da ist die Infrastruktur besser. Und sie profitieren vom Anschluss an die Europäische Union. "Die Rahmenbedingungen für Investoren ändern sich ständig", sagt Oberst Matthias Bogusch, stellvertretender Leiter des deutschen Einsatzkontingents in Prizren.

Er meint: Korruption, Enteignungen, Wassermangel. Das größte Hindernis aber ist der Strom. Der fällt regelmäßig aus, einfach so, auch mal für mehrere Stunden, oder einen ganzen Tag. Schuld sind die veralteten Kraftwerke, auch hier wären die Hilfszahlungen gut angelegt gewesen. Besonders im Sommer und im Winter gibt es Stromausfälle, wenn die Klimaanlagen oder Heizungen im ganzen Land laufen.

Reduzierung der Truppen gefährdet Entwicklung

Dabei liegt der Schlüssel für die Zukunft in der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes. Denn alle anderen Probleme, ob ethnisch oder politisch und selbst die wuchernde Kriminalität, ließen sich letztlich durch eine florierende Wirtschaft lösen, sagt Kfor-Süd-Kommandeur General Thomas Starlinger. "Wenn eine ganze Gesellschaft keine wirtschaftliche Zukunft hat, ist sie empfänglicher für politische Spielereien."

Nachdem Europäische Union und Weltbank nun zehn Jahre lang zugesehen haben, wie die Hilfsgelder einfach verschwanden und der Fortschritt nur schleppend verlief, gibt es seit einigen Wochen erstmals einen Masterplan für das Kosovo. Dieser "Blueprint" ist unter der Federführung des österreichischen Kommandeurs Thomas Starlinger entstanden und soll die Arbeit der internationalen Organisationen koordinieren, die Hilfsgelder kontrollieren und eine Zukunft sicherstellen. Das Ziel ist dabei eindeutig: ein sich selbst erhaltendes Kosovo.

Denn die drastische Reduzierung der Kfor steht bald bevor: Mitte Juni haben die Verteidigungsminister der Nato-Länder beschlossen, die Truppenstärke bis zum Jahresende von derzeit knapp 14.000 auf rund 10.000 zu senken. In zwei Jahren sollen dann nur noch 2200 Kfor-Soldaten vor Ort sein - die Sicherheitslage erlaube dies, sagte Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer. Was dann aber mit der Wirtschaft des Landes passiert, wer die Arbeitsplätze bietet, wer Nachfrage schafft - darüber wird nicht diskutiert.

"Was sollen wir machen, wenn die Truppen gehen?", fragt die Näherin Rejhan. Sorgenvoll sieht die zierliche Frau mit den freundlichen Augen und den langen braunen Haaren dabei aus. Sie denkt an ihre siebenköpfige Familie, die von ihrem Gehalt lebt. "Ich weiß es nicht. Aber wenigstens kann ich dann Deutsch."



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