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Bananenmulti Chiquita: Unter falscher Flagge?

Von Knut Henkel

Der US-Bananenkonzern Chiquita wirbt seit einigen Monaten mit dem Zertifikat einer Umweltorganisation. So will er hervorheben, dass seine Früchte fair und umweltverträglich angebaut würden. Gewerkschafter in Costa Rica haben aber einen ganz anderen Eindruck.

Aus den Boxen schallt laute Salsa-Musik. Die Frauen in den gelben Chiquita-Schürzen kleben konzentriert bunte Aufkleber auf die grünen Bananen, die auf dem Fließband an ihnen vorbeilaufen. Es ist später Nachmittag, der Feierabend noch weit - denn bisher hat erst ein Container mit den grünen Früchten die Verpackungsanlage der Plantage Guayacan in Costa Rica verlassen.

Ein zweiter muss noch folgen. Und das, obwohl die Arbeiter arge Mühe haben, genügend reife Früchte heranzuschaffen, wie Jennifer Dinsmore erklärt. Die US-Amerikanerin arbeitet als Umweltbeauftragte für Chiquita in Costa Rica und hat gerade erst mit dem Vorarbeiter gesprochen.

Dinsmore kommt regelmäßig zur Plantage in der Nähe der Provinzstadt Puerto Viejo de Sarapiqui. Zwei Stunden lang fährt sie dann von der Hauptstadt San José in das Herz der Bananenanbauregion des Landes. Oft zeigt die Amerikanerin Besuchern aus aller Welt die Plantage und das angrenzende Naturreservat Nogal. Guayacan gilt als eine Musterplantage, die man gerne vorführt.

"Nachhaltig" gehe es in den Anbaugebieten des Konzerns seit einigen Jahren zu, erklärt Dinsmore. So ist die 230 Hektar große Plantage von hohen Hecken und Knicks umgeben. Die wirken wie eine natürliche Barriere und sorgen dafür, dass Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel nicht in benachbarte Siedlungen geweht oder ausgeschwemmt werden.

Schwarze Listen für Aufmüpfige?

"Und die mit Pestiziden bestrichenen Plastiksäcke, in denen die Bananenstauden die letzten Wochen heranreifen, werden eingesammelt und recycelt", erklärt die in Costa Rica aufgewachsene Frau. Schon ihr Vater arbeitete für Chiquita.

Die bis zu 30 Kilo schweren Bananenbüschel zu ernten und zur Verpackungsstation zu schaffen, sei Knochenarbeit, sagt die Chiquita-Expertin – aber die werde gut bezahlt. Die Arbeiter würden zu fairen Bedingungen beschäftigt. "Umweltschutz, der sparsame Umgang mit Ressourcen und die Arbeitsstandards sind bei Chiquita seit Mitte der neunziger Jahre Teil der Firmenphilosophie."

Von einer solchen Läuterung habe er noch nichts bemerkt, sagt Ramón Barrantes: "Chiquita ist weder aus umweltpolitischer Sicht noch aus arbeitsrechtlicher Sicht vorbildlich", sagt der 47-Jährige, der dem Dachverband der Bananenarbeiter-Gewerkschaften (Cosiba CR) vorsitzt. Früher hat der knapp zwei Meter große Mann noch selbst auf den Plantagen des Chiquita-Konkurrenten Del Monte geschuftet. Heute setzt er sich für die Rechte der Arbeiter auf den Plantagen rund um Puerto Viejo de Sarapiqui ein. "Systematisch werden die diskriminiert", klagt der massige Mann.

Auf der Chiquita-Plantage Gacelas sei er persona non grata, sagt Barrantes. "Der Wachschutz lässt mich nicht passieren." Deshalb besucht er die Gewerkschaftsmitglieder zu Hause, in den vom Konzern gestellten Arbeiterunterkünften. Die einzige Chance, um den Kontakt zu halten - denn morgens um fünf beginnen die Bananenarbeiter ihre Arbeit.

Chiquita: Unsere Löhne liegen klar über dem Schnitt

Der Arbeitsdruck steige trotz stagnierender Löhne, sagen die aus Nicaragua stammenden Plantagenarbeiter Marcien Navarros und Teodoro Sánchez. "Die Vorarbeiter sagen, dass wir mehr arbeiten müssen, weil die Europäer die Einfuhrzölle angehoben haben. Und wer nicht spurt, kann gleich gehen", so Marcien.

Vorwürfe, die Georg Jaksch, bei Chiquita Europavertreter für Unternehmensverantwortung, zurückweist. Die Chiquita-Arbeiter gehören laut Jaksch zu den bestbezahlten Landwirtschafts-Arbeitern in Lateinamerika, obgleich sie nach Ertrag und nicht nach Stunde bezahlt werden. "Um die 390 US-Dollar bewegen sich die Nettolöhne der Arbeiter", sagt er. Teodoro und Marcien sagen hingegen, sie hätten 300 Dollar in der Lohntüte.

Marcien hält sein rotes Gewerkschaftsbuch in der Hand, das auf der Plantage Gacelas nicht gern gesehen wird. "Es gibt schwarze Listen, auf denen man landet, wenn man seine Rechte einfordert. Dann wird man unter einem Vorwand entlassen und findet in der Region nie wieder Arbeit", sagt er. Ein Vorwurf, der von Jaksch kategorisch zurückweist wird: "Die Freiheit der gewerkschaftlichen Organisation unserer Mitarbeiter ist für uns ein wichtiges Prinzip."

Fragwürdiges Label

Besonders präsent sind Gewerkschafter auf den Plantagen allerdings nicht. "Tarifverträge gibt es ohnehin kaum", sagt Ramón Barrantes. Ganze zwei der 29 Chiquita-Plantagen haben eine Gewerkschaftsvertretung - die anderen verfügen nur über ein "Comité permanente", was auch Chiquita-Mann Jaksch bestätigt. "Die permanenten Arbeiterkomitees werden zwar offiziell von den Arbeitern gewählt, sind aber so etwas wie eine Hausgewerkschaft unter der Regie des Unternehmens", kritisiert Sozialwissenschaftler Hernán Hermosilla vom Foro Emaús, einem Dachverband verschiedener Nichtregierungsorganisationen. Für Chiquita sind die Komitees hingegen schlicht "Teil der Gegebenheiten in Costa Rica", wie Jaksch sagt.

Von der geringen Präsenz der Gewerkschaften weiß auch Oliver Bach von der Rainforest Alliance – die amerikanische NGO hat ökologische Standards und einen Verhaltenskodex entwickelt, um die Ökosysteme zu schützen. Auf dieser Grundlage vergibt sie Zertifikate an Unternehmen aus der Kaffee- und Bananenbranche.

Mit Chiquita kooperiere die Allianz seit knapp 14 Jahren, sagt Bach - und in dieser Zeit sei der Konzern vom Saulus zum Paulus geworden. So werden seit 2000 alle Chiquita-Plantagen in Lateinamerika von der Rainforest Alliance zertifiziert. "Was noch fehlt ist die Zertifizierung der Farmen, die ihre Bananen an Chiquita liefern", sagt Bach. Der nach Costa Rica ausgewanderte Deutsche arbeitet mit Dinsmore gemeinsam daran, ein Aufforstungsprojekt zu realisieren. Er ist außerdem auf den Plantagen von Chiquita im Einsatz, kontrolliert Arbeits- und Umweltstandards.

Diese Standards werden inzwischen scheinbar so gut eingehalten, dass der Konzern und die Umweltgruppe Ende 2005 gemeinsam in die Offensive gingen. Damals stellten sie das neue Label für die Chiquita-Banane in Europa vor. Unter der traditionellen Miss Chiquita mit den Puffärmeln und der Schale mit den tropischen Früchten auf dem Kopf prangt nun der Frosch der Rainforest Alliance - und darunter steht "certified".

Aufräumen vor der Inspektion?

Wie kontrolliert und begutachtet wird - das ist aus Sicht der Gewerkschafter mehr als fragwürdig. Zwar hat die Alliance im Frühjahr aufgrund der Kritik ausländischer Journalisten zusätzliche Kontrollen der Sozialstandards auf den Plantagen eingeführt. Aber "jedes Mal, wenn die Inspektoren kommen, werden wir zum anderen Ende der Plantage geschickt, damit wir keinen Kontakt aufnehmen können", erklärt Marcien. Schon einen Monat vor den Kontrollen werde mit dem Aufräumen begonnen, sagt ein anderer Arbeiter. "Dann sind alle Pestizide unter Verschluss und alles ist vorbildlich vorbereitet." Jaksch widerspricht. Er hält die Kontrollen auf den Farmen für sinnvoll, auch wenn die Plantagen-Chefs sich darauf einstellen können.

Barrantes wirft Chiquita außerdem vor, einen Vertrag gebrochen zu haben, den man 2001 mit dem lateinamerikanischen Gewerkschaftsdachverband der Bananenarbeiter unterzeichnete. "Statt der damals vereinbarten fairen Arbeitsbedingungen und der Respektierung der Arbeiterorganisationen werden deren Mitglieder entlassen und die Möglichkeiten der gewerkschaftlichen Arbeit systematisch eingeschränkt". Dagegen haben die Gewerkschaften Klage vor dem Arbeitsminister eingereicht.

Für Chiquita sind diese Beschwerden haltlos. Zwar sei es zu Entlassungen aus disziplinarischen Gründen gekommen, ein Zusammenhang zur Verletzung von gewerkschaftlichen Rechten bestehe jedoch nicht. Die Arbeiter hätten sich schlicht an die Chiquita-Vorgaben und die Gesetze zu halten, so David McLaughlin, Chiquita-Mann in San José. Und Georg Jaksch verweist darauf, dass Probleme, die nicht vor Ort im Dialog mit den Gewerkschaften gelöst werden können, bei den regelmässigen Sitzungen der gemeinsamen Komitees, behandelt werden. "Die nächste Sitzung wird in Kürze stattfinden", so Jaksch.

Zur heilen Chiquita-Welt der Nachhaltigkeits-Etiketten wollen die Aussagen der Gewerkschafter gleichwohl nicht so recht passen. Und auch in Europa wird die Chiquita-Offensive kritisiert. Laut Rudi Pfeifer vom Fair-Trade Importeur Banafair reichen die bisherigen Verbesserungen auf den Plantagen nicht, die groß angelegte PR-Kampagne zu rechtfertigen. "Es wird mit Begriffen wie Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung hantiert", sagt er, "die lösen beim Verbraucher überaus positive Assoziationen aus, stimmen aber nicht immer mit der Realität überein."

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