Fabrik-Katastrophe in Bangladesch Modefirmen lassen Opfer im Stich

Shila Begum, 26, war Näherin in Bangladesch. Vor einem Jahr stürzte ihre Fabrik ein, Trümmer zerquetschten ihren Arm, sie steht vor dem Nichts. Tausenden Kollegen geht es ähnlich. Die großen Textildiscounter drücken sich vor den versprochenen Zahlungen.

Steffi Eckelmann

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Shila Begum saß an ihrem Arbeitsplatz im sechsten Stock des Rana Plaza, als es passierte. Sie hatte sich in den vergangenen zwei Jahren hochgearbeitet zur Näherin, zwei Hilfsarbeiter waren ihr zugeteilt. Richtig wohl war ihr nicht an diesem 24. April 2013. Am Vortag waren Risse in dem Gebäude entdeckt worden, die Arbeiter wollten es nicht mehr betreten. Als die Chefs damit drohten, zwei Monatsgehälter zu streichen, gaben die Arbeiter ihren Widerstand auf.

Shila Begum ist 26 Jahre alt und reist zum Jahrestag der Katastrophe auf Einladung der "Kampagne für saubere Kleidung" durch Deutschland. Professionell tritt sie auf, wenn sie die Forderungen der Kampagne vertritt. Man merkt, dass sie ihre Geschichte schon häufig erzählt hat.

Doch trotz aller Routine: Wenn Begum über den Tag des Unglücks spricht, stockt ihr die Stimme. Morgens um 8.30 Uhr kommt sie zur Arbeit, alles scheint normal. Plötzlich gibt es einen lauten Knall, der Boden sackt weg, das Gebäude stürzt ein, Begum wird unter Schutt begraben, eine umgestürzte Maschine zerquetscht ihren Arm. Ihre Hilfsarbeiter liegen neben ihr - erschlagen.

Das achtstöckige Gebäude war für Büros gedacht, nicht für fünf Textilfabriken mit Tausenden Arbeitern und schweren Maschinen. Der Baugrund war sumpfig, das Material minderwertig, ohne Genehmigung hatte der Besitzer immer höher gebaut. Mehr als 1100 Menschen bezahlten die Gier mit ihrem Leben, mehr als 2400 wurden verletzt, so wie Shila Begum. Erst nach 14 Stunden wurde sie aus den Trümmern gerettet. Ihr rechter Arm ist geschient, ihre Arbeit wird die Näherin nie wieder machen können.

Für die Tausenden Betroffenen hat die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) einen Entschädigungsfonds aufgelegt, der von den Firmen gefüllt werden soll, die im Rana Plaza haben produzieren lassen. Den Verletzten und Hinterbliebenen soll aus dem Fonds ein Teil ihres früheren Lohns gezahlt werden. 40 Millionen Dollar werden dafür gebraucht - gut 0,1 Prozent des Jahresumsatzes der deutschen Textilbranche.

Modefirmen verweisen auf Zulieferfirmen

Trotz der vergleichsweise kleinen Summe haben von den deutschen oder in Deutschland tätigen Firmen, deren Produkte wenigstens zeitweise nachweislich im Rana Plaza produziert wurden, nur wenige gezahlt: C&A hat 500.000 Dollar an den Fonds überwiesen, ebenso - nach längerem Hin und Her - der Textildiscounter KiK, der weitere 500.000 Dollar spendete. Die Adler Modemärkte AG sieht sich "nicht in der Pflicht, in einen Fonds einzuzahlen", denn in Rana Plaza sei nur produziert worden, "weil ein Lieferant vertragsbrüchig gehandelt hat" und ohne Mitteilung Aufträge vergeben hat. Aus "humanitärem Verantwortungsgefühl" hat die Firma über "eigene vertrauenswürdige Kontakte im Land" Geld an die Betroffenen gesandt.

Ähnlich teilt der Discounter-Zulieferer Güldenpfennig auf Anfrage mit, dass er dem Entschädigungsfonds einen "beachtlichen Geldbetrag" zugesagt hat, obwohl das Unternehmen nur im Jahr 2010 einen "kleinen Testauftrag" bei einer Fabrik im Rana Plaza platziert habe.

Die meisten Firmen verweisen so darauf, dass sie keine direkten Lieferbeziehungen zu den Fabriken im Rana Plaza hatten. Wenn Zulieferer Aufträge dorthin gegeben hätten, dann sei das entgegen der Vereinbarungen gewesen.

"Legal abgesicherte Verantwortungslosigkeit"

NKD hat "zum Unfallzeitpunkt bei keinem der in Rana Plaza ansässigen Unternehmen produzieren lassen", zahlen müssten deshalb zunächst "diejenigen, die diese Tragödie verursacht haben". NKD hatte zuletzt 2012 über einen Lieferanten Ware aus der Unglücksfabrik bezogen. Ähnlich antworteten Benetton und Mango auf Anfragen. Tatsächlich ist die Lieferkette so lang, dass Kritiker von legal abgesicherter Verantwortungslosigkeit sprechen.

Wirkliche Verantwortung hat nach Meinung der Kampagne für saubere Kleidung nur der britische Textildiscounter Primark übernommen. Das Unternehmen hat frühzeitig nach dem Unglück bestätigt, in der Fabrik produziert zu haben, war schnell gesprächsbereit und überwies eine Million Dollar an den Fonds und weitere neun Millionen Dollar an Arbeiter jener Fabrik, die direkt für Primark produziert hatte.

Insgesamt hat die ILO bisher aber erst sieben Millionen Dollar zusammen. Deshalb ist Shila Begum jetzt in Deutschland und wirbt um Unterstützung. Wenn sie vor Firmensitzen im Namen der Opfer protestiert, dann ist sie selbstbewusst, wütend, kämpferisch. Wenn sie über ihr eigenes Leben seit der Katastrophe spricht, dann wird sie leise. Sie musste zu ihrer jüngeren Schwester ziehen, ihren zehnjährigen Sohn zur älteren Schwester schicken. Mit ihrem kaputten Arm kann sich Begum weder um den Haushalt kümmern noch ihren Sohn versorgen. Für eine Operation hat sie kein Geld.

Weniger als ein Prozent vom Ladenpreis eines T-Shirts kommt bei den Näherinnen in Bangladesch an. Über die Ungerechtigkeit beschwert sich Begum aber nicht, auch nicht auf Nachfrage. Sie möchte einfach nur wieder mit ihrem Sohn zusammenleben und ihm seinen Wunsch erfüllen, auf eine bessere Schule gehen zu können. Erst jetzt kommen ihr die Tränen.

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Seite 1
oberallgaeuer 11.04.2014
1. Esist doch klar, dass die Firmen sich vor einer Zahlung drücken,
denn man hat ja das Sub-Sub-Sub-Unternehmer-Prinzip. Damit kann die deutsche firma ihre Hände in Unschuld waschen, denn sie zahlt ja gute Preise und hat mit der Situation vor >Ort nichts zu tun. Jeder, der Klalmottenfür enige EURO kauft, weiss oder sollten wissen, dass dies nur möglich ist, wenn Hungerlöhne gezahlt werden.
globetrotter 11.04.2014
2. optional
Ein Einkauf bei Primark entspricht der Perversion des Konsumverhaltens in unserer Gesellschaft - Kleidung, die billiger ist als ein Abendessen und ein Ladenkonzept, dass ausschließlich auf Massenkonsum ausgelegt ist. H&M und Co sind nicht besser, aber nirgends wird es so zelebriert wie bei Primark.
kuac 11.04.2014
3. Warum
Warum tun die Modefirmen das? Wenn sie auch nur 1000-5000 Euro pro Opfer zahlen würden, das wäre eine große Hilfe für die armen Näherinnen. Die Modefirmen, die vielleicht sogar Milliarden Umsätze generieren, könnten das aus der Portokasse zahlen. 1000 junge Menschenleben sind erlöscht und wir freuen uns immer noch, wenn wir für 5 Euro ein T-Shirt kaufen können.
Indigo76 11.04.2014
4.
Zitat von sysopSteffi EckelmannShila Begum, 26, war Näherin in Bangladesch. Vor einem Jahr stürzte ihre Fabrik ein, Trümmer zerquetschten ihren Arm, sie steht vor dem Nichts. Tausenden Kollegen geht es ähnlich. Die großen Textildiscounter drücken sich vor den versprochenen Zahlungen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/bangladesch-mode-discounter-zahlen-kein-geld-an-einsturz-opfer-a-963973.html
40 Millionen - das bedeutet 50 Cent für jeden Deutschen. Es gibt in Deutschland nicht einen Menschen, der so arm wäre, dass er sich 50 Cent nicht leisten könnte. Kein Hartz-IV-Empfänger, kein Obdachloser, kein noch so armer Mensch kann das von sich behaupten. Und Deutschland ist nicht das einzige Land, das in Bangladesch produzieren lässt. Wenn man das auf ganz Europa ausdehnt, dann müsste jeder vermutlich nur 10 Cent spenden. Natürlich ist das eine Milchmädchenrechnung und logistisch gar nicht machbar. Ich wollte damit auch nur darauf hinweisen, wie lächerlich gering ein Betrag von 40 Millionen sind, wenn man ihn auf einen ganzen Kontinent ausdehnt. Aber das Leben und die Gesundheit tausender Bangladescher (laut Wikipedia heißen die wirklich so - musste auch nachsehen) ist es den meisten nicht wert, bein nächsten T-Shirt 10 Cent mehr zu zahlen. Ich wäre dafür, dass der Staat über die nächste Lohnsteuererklärung einfach von jedem Deutschen 10 Cent einzieht. Das wäre logistisch sehr leicht. Ein guter Programmierer kann das in zwei Stunden programmieren. In die einzelnen Systeme der Finanzämter runterladen und installieren passiert über Nacht und von selbst.
superfernsehen 11.04.2014
5. Bessere Arbeitsbedingungen
Arbeiter und Angestellte in Bangladesch sind aufgerufen, sich freundlicherweise selbst für bessere Arbeitsverhältnisse einzusetzen. Es geht nicht an, daß diese Leute von der jahrzehntelangen - oft schwierigen - Arbeit der europäischen Gewerkschaftsbewegungen profitieren. Wer bessere Arbeit will, muß dafür kämpfen.
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