Banken Auferstehung der Bad Banker

Niedrigzinsen und Bilanzpolitur: Die Politik hat den Banken in der Krise das Leben so leicht wie nur möglich gemacht. Doch statt die Wirtschaft verstärkt mit Krediten zu versorgen, drehen die Finanzinstitute auch dank der Hilfen schon wieder am großen Rad - mit möglicherweise fatalen Folgen.

Von Nils-Viktor Sorge


Hamburg - Keine zehn Monate ist es her, da erregten Banker noch Mitleid: In den USA gewährten Kneipen gefeuerten Mitarbeitern des Pleiteinstituts Lehman Brothers Chart zeigen Rabatt aufs Bier, Karrieretrainer räumten Nachlässe bei der Bewerbung für einen neuen Job ein. In Deutschland sorgten sich Gewerkschaft und Öffentlichkeit um Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche. Vor allem aber litten Inhaber von Finanzaktien mit den Bankern; Anleger mussten zum Teil herbe Verluste hinnehmen.

Händler vor der New Yorker Börse: Vorbei mit dem Mitleid
REUTERS

Händler vor der New Yorker Börse: Vorbei mit dem Mitleid

Das Bild hat sich gewandelt. Inzwischen sprudeln die Gewinne bei vielen Geldhäusern wieder, Boni werden fließen - damit entdecken Banker teilweise die alten, verhängnisvollen Geschäftsmodelle. Ausgerechnet Politik und Währungshüter machen es möglich mit geänderten Bilanzgesetzen, niedrigen Zinsen und Bad Banks. Von der eigentlich geplanten strengeren Regulierung ist dagegen nicht viel zu sehen.

Geht also alles wieder von vorne los? Werden die Banken künftig erneut in der Lage sein, hohe Risiken einzugehen und diese in ihren Bilanzen zu verstecken? Investoren scheint diese Aussicht fatalerweise zu erfreuen.

Rückfall in alte Zeiten droht

Quasi elektrisiert nahmen sie in dieser Woche die Nachricht auf, dass Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) die Regeln für die Eigenkapitalbilanzierung lockern will. Kaum machte der Vorschlag die Runde, griffen Anleger zu. Commerzbank-Papiere Chart zeigen gewannen mehr als fünf Prozent, auch die Kurse von Deutscher Bank Chart zeigen und Postbank Chart zeigen hängten Dax Chart zeigen und MDax Chart zeigen ab.

Dabei sollte das Ziel der Regelung zu denken geben: Verlieren von einer Bank gehaltene Papiere an Wert, soll dies nicht mehr offiziell das Eigenkapital schmälern. Die Institute hätten mehr Spielraum für die Kreditvergabe - aber eben auch für riskantere Geschäfte.

Aus Sicht des Frankfurter Bankenprofessors Martin Faust eine Steilvorlage für einen "Rückfall" in alte Zeiten. "Niemand hindert die Banken daran, die neuen Freiheiten für verstärkte Wertpapiergeschäfte zu nutzen", warnt er. Die Politik versuche "die Krise mit Mitteln zu bekämpfen, die für deren Ausbruch verantwortlich sind", sagt auch Bankenanalyst Dieter Hein von Fairesearch.

Das kurzfristiges Denken und der Optimismus der Bankmanager macht sich jedenfalls wieder bemerkbar: Seit Jahresbeginn haben deutsche Finanzaktien im Schnitt um 60 Prozent zugelegt, während der Dax sich in etwa auf dem Niveau von Anfang Januar befindet.

So richtig startete die Rallye im März und beschleunigte sich, als einzelne Institute später bereits erneut Milliardengewinne verkündeten. Dass diese zum Großteil auf Bilanzierungserleichterungen beruhen, trübte die Stimmung kaum.

Anleger sollten den Märkten nicht trauen

Bei der Deutschen Bank rückt die gewünschte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent dank Milliardenerträgen im Investmentbanking wieder ins Visier von Vorstandschef Josef Ackermann. "Die 25 Prozent lassen sich erzielen, ohne dass große Risiken eingegangen werden müssen", sagte Ackermann - während Bankprofessoren mühsam versuchen, ihren Studenten das Gegenteil einzubleuen, als eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Finanzkrise.

Ackermann wird dagegen nicht müde, zu betonen, wie gravierend die Finanzkrise die Bankenszene verändert hat und rühmt sich einer Kernkapitalquote von gut zehn Prozent. Diese bezieht sich allerdings nur auf riskante Positionen. Bezogen auf die gesamte Bilanzsumme der Deutschen Bank in Höhe von 2,1 Billionen Euro macht das Eigenkapital (Tier 1) laut Fairesearch lediglich 1,5 Prozent aus. "Ein echter Risikopuffer ist das nicht", sagt Analyst Hein.

Grafik: der Stand des Dax
manager-magazin.de

Grafik: der Stand des Dax

Anleger sollten dem Frieden an den Märkten allerdings immer noch nicht trauen. "Bankaktien bleiben hochspekulativ", so Hein weiter. "Die nächste Welle der Finanzkrise rollt bereits heran." So drohen im Kreditgeschäft aufgrund der erwarteten Insolvenzwelle massive Abschreibungen. Hein erwartet, dass viele Institute diese Phase nur mit staatlicher Hilfe überstehen.

Hinzu kommt, dass die Geldkonzerne ihre Risiken dank mancher Bilanzerleichterung weiterhin nur ungenügend offenlegen. "Man hat den Banken sogar Wege und Mittel eröffnet, dass sie noch intransparenter geworden sind", sagt Hein.

In den USA und London berichten Banker bereits wieder euphorisch von üppigen Margen, die in den alten Geschäftsfeldern zu erzielen sind. Die beginnende Berichtssaison wird Beobachtern und Analysten zufolge wieder satte Gewinne der Ex-Investmentbanken mit sich bringen, die zum großen Teil in den alten, volatilen Geschäftsfeldern erzielt werden.

Weg mit den Altlasten

Bei der Kreditvergabe an Unternehmen halten sie sich zurück, was ihnen angesichts steigender Ausfallquoten allerdings nicht immer zu verdenken ist. Manche Ex-Investmentbank in den USA sieht es wohl als zu gewagt an, sich auf ein solches, für sie neues Geschäftsfeld vorzuwagen und macht lieber weiter wie bisher.

Größere Freiheiten sind willkommen, ein neuer kultureller Ansatz und die viel beschworene stärkere Regulierung sind es eher nicht - beides lässt auf sich warten. "Das Klima hat sich radikal geändert", sagt Hein. Aus niedrigen Zinsen, Bad Banks, Bilanzerleichterungen und Bürgschaften entsteht ein Umfeld, in dem vieles wieder möglich scheint, was zuletzt noch verpönt war. "Nun könnte es sich rächen, dass die Politik den Banken die Vorteile größtenteils ohne Zweckbindung gewährt", sagt Bankenexperte Faust.

Für die Geldhäuser heißt es: Hauptsache, weg mit den Altlasten. Eine Meldung, wonach die Banken etwas mehr für ihre in eine Bad Bank ausgelagerten toxischen Wertpapiere bekommen könnten, ließ die Commerzbank-Aktie vor gut einer Woche um fast 20 Prozent steigen. Darüber, wie nachhaltig und erfolgreich das Geschäft in Zukunft sein wird, lassen solche Marktzuckungen keine Schlüsse zu.

"Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass sich die Geschichte wiederholt", sagt Analyst Hein zum neuen Laisser-faire-Kurs der Politik und einer möglichen neuen Blasenbildung. "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen viel gelernt haben."



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Seite 1
jinky, 08.07.2009
1.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Sie hätten umsteuern müssen bzw. man hätte sie zu einem Umsteuern zwingen müssen.
Pinarello, 08.07.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Warum sollten diese Gangster umsteuern? Jetzt gibt es doch unbegrenzten Kredit vom Staat der auch noch gleich die Verluste übernimmt! Also dann, warten halt bis zur nächsten Krise, die natürlich weit weit schlimmer werden wird, aber warum sollten denn die Politiker ausgerechnet gegen die Leute was unternehmen, von denen sie bezahlt werden und von denen sie ihre Befehle empfangen, hat doch dieses Mal ausgezeichent geklappt, die Folgen dieses Finanzverbrechens dem arbeitenden Bürger und Steuerzahler in die Schuhe zuschieben, genau so stellt sich die Finanzelite doch die Weltherrschaft vor.
schensu 08.07.2009
3.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Pah, als ob da unsere Meinung zählte! Das Ganze ist ein Selbstläufer, abgehoben von bekannten Realitäten zum Nutzen Weniger und ggf. Schaden Vieler. Ich brauch die jedenfalls mal gar nich.
Schelm-77 08.07.2009
4. Die Banken kehren zum gewohnten Geschäft zurück...
Am effektivsten läßt sich die Geldgier der Banker stoppen indem man sie einfach weitermachen läßt. Der nächste Crash wird einen frischen Wind durch die meist hohlen Köpfe der Finanzgenies pusten. Einen neuen weltweiten Rettungsfonds wird es dann mit Sicherheit auch nicht mehr geben. Der normalen Anleger sollte sein Geld allerdings vorher in Sicherheit bringen und in Edelmetalle, Edelsteine oder Immonbilien investieren. Im Zweifelsfalls tut es übergangsweise auch der bewährte Sparstrumpf. Den Banken geht es in erster Linie um ihr eigenes Wohl, dementsprechend sollte auch jeder Bürger erst einmal an sich selbst denken und ein erhöhtes Mißtrauen in Sachen Finanzwirtschaft aufbauen.
THM, 08.07.2009
5.
Zitat von sysopWeltweit kehren die Banken zum gewohnten Geschäft zurück - als hätte es die Finanzkrise nie gegeben. Müssen Wall Street und Londoner City umsteuern oder ist ist die Chance der Branche vertan, der Gier Grenzen zu setzen?
Noch erstaunlicher als die Unfähigkeit dieser Branche ist deren dreiste Gier.
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