Banken-Crashs "Goldbarren zu horten, wäre nicht klug"

Der Grund für die Bankenkrise ist zerstörtes Vertrauen, sagt Wirtschaftspsychologe Matthias Sutter im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Trotzdem verfallen die Deutschen nicht in Panik - was an ihrem "trägen Anlageverhalten" liege.


SPIEGEL ONLINE: Herr Sutter, die Bundesregierung hat sich zu einer Garantie für alle privaten Geldeinlagen genötigt gefühlt. Die EU will für alle relevanten Banken bürgen. Haben wir eine Banken- oder eine Vertrauenskrise?

Sutter: Der Grund für diese Krise ist zerstörtes Vertrauen. Im Einzelfall ist das nicht weiter schlimm, aber in dem jetzigen Ausmaß kann es zu einem Flächenbrand führen. Jeder fragt sich: "Die Banken sind unsicher, soll ich mein Geld abziehen?" Wenn das jeder machen würde, verschlimmert das die Lage fundamental. Deshalb ist es verständlich, dass die Politik versucht, ihre Bürger zu beruhigen.

Zur Person
Matthias Sutter ist Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an den Universitäten Innsbruck und Göteburg. Schwerpunkte des Volkswirtes und Sozialpsychologen sind neben experimenteller Wirtschaftsforschung auch Teamentscheidungen und Fragen der Spieltheorie. Dabei untersucht der 41-Jährige vor allem das ökonomische Entscheidungsverhalten von Individuen und Gruppen.
SPIEGEL ONLINE: Lässt sich Vertrauen denn so schnell zurückgewinnen?

Sutter: Das Komische ist: Wir wissen nicht wirklich, wie man Vertrauen wieder aufbauen kann. Wir wissen nur, wie man es zerstört. Und das, obwohl es so wichtig für eine Volkswirtschaft ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Sutter: Vertrauen macht Handlungen und Interaktionen nicht nur im Alltag, sondern auch im Geschäftsbereich effizienter. Wenn man zum Beispiel einen Vertrag per Handschlag abschließen kann, weil man dem anderen vertraut, erspart das eine ganze Menge Papierkram. Studien haben auch gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Vertrauen und Wirtschaftswachstum gibt. Je mehr die Menschen vertrauen, desto stärker wachsen die Volkswirtschaften.

SPIEGEL ONLINE: Das funktioniert momentan aber nicht. Handeln Anleger also panisch und irrational, wenn Sie ihre Gelder abziehen?

Sutter: Das Problem ist: Die Anleger handeln nicht irrational - auf jeden Fall nicht auf ihre Einzelsituation bezogen. Wenn die zu erwartenden Verluste eine bestimmte Grenze überschreiten, ist es nachvollziehbar, dass sie ihre Gelder abziehen. Die Crux an der Geschichte ist, dass die sinnvolle Einzelentscheidung großen Schaden für die Allgemeinheit bedeuten kann.

SPIEGEL ONLINE: Und aus dem Vertrauensverlust entsteht dann Panik?

Matthias Sutter: Ich verwende das Wort Panik nicht gerne. Denn es gibt keine klare Definition, ab welchem Volumen man von einer Massenflucht an den Finanzmärkten sprechen kann. Das ist Ermessensspielraum - und meist sind es die Medien, die dann irgendwann mit dem Wort ihre Geschichten betiteln.

SPIEGEL ONLINE: Bislang gibt es bei uns noch keine langen Schlangen vor den Banken. Woran liegt es, dass die Deutschen einen so kühlen Kopf bewahren?

Matthias Sutter: Sie haben immer noch großes Vertrauen in den deutschen Finanzmarkt und die Stabilität des Bankensystems. Und das ist auch gut so.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Deutschen da vielleicht zu blauäugig?

Sutter: Nein, überhaupt nicht. Aber Deutschland gilt - genau wie Österreich - als Land der Sparer. Das meiste Geld liegt ganz klassisch auf dem relativ sicheren Sparbuch. Wir wechseln die Anlageformen nicht dauernd - und diese Trägheit im Anlageverhalten kommt uns jetzt zu Gute.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also gar keinen Grund, in Panik zu verfallen?

Matthias Sutter: Nein - es wäre auch nicht klug, wenn jetzt alle zu Hause ihre Goldbarren horten. Denn ohne Geld funktioniert der Finanzmarkt und damit auch die Wirtschaft nicht.

Das Interview führte Susanne Amann

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