Banken-Fusionen Gigantische Summen, gigantische Fehler

Die Mega-Übernahme von ABN Amro ist typisch für die globale Bankenbranche - sie ist vom Fusionsfieber infiziert. Größe bedeutet Macht, lautet das Motto. Nur die deutschen Geldhäuser üben sich in Bescheidenheit - einige Experten halten das für ziemlich clever.


Hamburg - Big is beautiful - darüber scheint man sich in den Managementetagen der internationalen Großbanken einig zu sein. Die 70-Milliarden-Euro-Übernahme der niederländischen ABN Amro durch Barclays - der größte Deal der Bankengeschichte - ist drastischer Ausdruck einer grenzübergreifenden Gigantomanie. Waren grenzübergreifende Groß-Fusionen unter Banken früher eher die Ausnahme, sind sie längst zum neuen Trend geworden.

Barclays-Zentrale in London: Fusionen unter Experten umstritten
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Barclays-Zentrale in London: Fusionen unter Experten umstritten

Fusionen bringen Marktmacht und Synergien, so das Denken in den Vorstandsetagen. Durch die damit verbundene Diversifizierung sind die Riesenkonzerne außerdem nicht mehr so sehr den Schwankungen eines Einzelmarktes ausgesetzt. Barclays-Chef John Varley erklärte kürzlich, dass die Branche künftig von Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Euro aufwärts bestimmt werde. Einer Umfrage der Investmentbank Morgan Stanley Chart zeigenbei ihrer jährlichen Bankentagung im März zeigte: Zwei Drittel der Teilnehmer erwarten in den kommenden zwölf Monaten noch zwei große Fusionen im Wert von mindestens zehn Milliarden Dollar. Heißer Kandidat: die italienische Unicredit Chart zeigen. Die hat zwar die Hypovereinsbank noch nicht einmal ganz verdaut, ist aber hartnäckigen Gerüchten zufolge schon eifrig im Gespräch mit der französischen Société Générale Chart zeigen.

Die deutschen Banken allerdings halten sich bei dem Ringelreihen zurück. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gab sich bei der Morgan-Stanley-Konferenz Berichten zufolge betont gelassen - größere Übernahmen seien nicht geplant, die Bank wolle vor allem organisch beziehungsweise durch kleinere Zukäufe wachsen.

"Die deutschen Banken haben den Anschluss verloren", erklärt Dieter Hein von der Research-Gesellschaft Fairesearch deshalb. Selbst die für ihre Ergebnisse gefeierte Deutsche Bank Chart zeigen falle im internationalen Wettbewerb realistisch betrachtet zurück: Das größte deutsche Geldinstitut habe etwa 1985 gemessen an der Marktkapitalisierung noch zu den Top-Ten der Welt gehört und sei in Europa sogar die Nummer eins gewesen. Heute belege das Unternehmen in Europa gerade einmal Platz 15. Die viel bejubelte Rendite von 25,9 Prozent, die die Bank 2006 erreichte, lässt Hein als Gegenargument nicht zählen - "mit rund 20 Prozent Nach-Steuerrendite liegt die Bank international nur im Mittelfeld", erklärt Hein.

"Ich wüsste nicht, wer die deutschen haben wollte"

Ähnlich wie Hein argumentieren viele Experten. So mancher sieht die deutschen Banken nach dem Barclays/ABN-Deal wegen ihrer geringen Größe schon als potentielle Übernahme-Kandidaten. Vor allem die Commerzbank Chart zeigen - um die sich schon seit Jahren Übernahmegerüchte ranken - sei nun gefährdeter denn je. Das freilich sieht Hein ganz anders: Die deutsche Bankenlandschaft sei im Vergleich viel zu zersplittert - der Anteil einer Bank am interessanten Privatkundengeschäft sei zu gering, als dass sich ein Kauf lohnen würde. "Ich wüsste nicht, wer die Deutschen haben wollte. Sie sind einfach nicht profitabel genug."

Top-Ten Deals in Europas Finanzbranche

Volumen in Mrd. € Käufer Kaufobjekt Jahr des Gebots
67 Barclays (GB) ABN (NL) 2007
39,6 Royal Bank of Scotland (GB National Westminster (GB) 1999
29,5 Banca Intesa (IT) SanPaolo IMI (IT) 2006
22,5 Allianz (D) Dresdner Bank (D) 2001
20,7 Union Bank of Switzerland Schweizerischer Bankverein (CH)
20,4 Zurich Allied AG (CH) Allied Zurich PLC (GB) 2000
16 Credit Agricole (FR) Credit Lyonnais (FR) 2002
15,6 KBC Bank & Insurance (BL) Almanij NV (BL) 2004
15,2 Zurich Versicherungs GmbH (CH) BAT Industries PLC (GB) 1997
15,1 UniCredit (IT) HVB (D) 2005
13 Santander Central Hispano (ES) Abbey National (GB) 2004
Ganz anders beurteilt Oliver Flade, Analyst bei Allianz Global Research, die Lage. Die Deutsche Bank etwa sei als Investmentbank ausgesprochen erfolgreich und sehr gut aufgestellt, sagt er - und als Übernahmeziel wegen ihrer speziellen Ausrichtung unattraktiv, weil sie im Privatkundenbereich schwach aufgestellt ist. Die Commerzbank habe sich mit zufrieden stellenden Ergebnissen auf das Geschäft mit mittelständischen Firmen spezialisiert - und sei damit für die internationale Konkurrenz genauso wenig interessant. Und die Postbank Chart zeigen fahre jetzt schon Rekordergebnisse ein und nutze noch längst nicht alle Potentiale, die ihre Zwölf-Millionen Kundenbasis biete.

"Im Bankenbereich ist Integration schwierig"

Sowieso sieht Flade wie viele Experten die internationalen Größenwahn in der Branche kritisch. "Im Bankenbereich ist die Integration von Unternehmen aus verschiedenen Ländern besonders schwierig: Der Bereich ist stark gesetzlich reglementiert, die Gesetze sind in allen Ländern verschieden. Und der größte Wert von Banken - das Personal - geht bei Zusammenschlüssen oft verloren".

Bestes Beispiel für dieses Problem: Die Fall Hypovereinsbank-Unicredit. Wichtige HVB-Manager ergriffen im heftigen Streit mit den neuen italienischen Kollegen die Flucht, der Exodus ist bis heute nicht ganz vorbei. Und auch sonst ruckelte es gewaltig. Erst musste die Übernahmefrist verlängert werden, dann verhinderten die Behörden in Polen lange die Integration der dortigen Konzerntochter. Dass sich dieser Deal für die Unicredit trotzdem gelohnt habe, liege am attraktiven Osteuropageschäft, das die HVB mitbrachte.

Trotzdem sei bisher nicht nachgewiesen worden, dass Größe und Rendite grundsätzlich in Zusammenhang zueinander stehen, betont der Analyst. Im Gegenteil. So besagt etwa eine Studie der Citigroup Chart zeigen, dass Effizienz und Marktkapitalisierung einer Bank nicht in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Auch Risikominimierung ist demnach kein Argument, denn Finanzinstituten ab 20 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung seien kein bisschen anfälliger für Schwankungen in bestimmten Märkten als ihre großen Brüder.

Dass zu diesem Schluss ausgerechnet Analysten der Citigroup kamen, entbehrt nicht der Komik: Denn das durch Übernahmen groß gewordene Finanzinstitut gilt als mahnendes Beispiel für Behäbigkeit und explodierende Kosten. Erst kürzlich musste Banken-Chef Charles Prince ein rigides Sparprogramm ankündigen, das rund 15.000 Jobs kosten wird.



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