Banken-Krise Ackermann ruft Regierungen zur Hilfe - Finanzmärkte fiebern Fed-Entscheidung entgegen

Kapitulation vor der Krise: Deutsche-Bank-Chef Ackermann glaubt nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes. Er fordert Regierungen und Zentralbanken zu gemeinsamem Handeln auf. Die Börsen warten auf die Entscheidung der US-Notenbank - die den Leitzins erneut drastisch senken könnte.


Washington/Frankfurt am Main - Es ist ein bitteres Eingeständnis: Angesichts der internationalen Turbulenzen glaubt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Finanzmärkte. Die Versorgung mit Liquidität reiche als Maßnahme nicht aus, sagte Ackermann. Die Regierungen müssten Einfluss nehmen auf die Märkte. Er rief deshalb zu einer gemeinsamen Aktion von Regierungen, Zentralbanken und Banken auf, um das Vertrauen in die globalen Finanzmärkte wiederherzustellen.

Die Börse in Tokio: Märkte warten auf die Entscheidung der US-Notenbank.
REUTERS

Die Börse in Tokio: Märkte warten auf die Entscheidung der US-Notenbank.

Auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank Chart zeigen, Norbert Walter, sieht kein schnelles Ende der Finanzkrise. "Vor Ende 2009 werden die Turbulenzen nicht zu Ende sein", sagte er den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". "Wir brauchen die Neuordnung und eine Neubesinnung auch bei den Regulatoren der Finanzmärkte", fügte Walter hinzu. Die Hoffnung auf ein Ende der Finanzkrise sei "verfrüht" gewesen. "Die Ereignisse in den USA und ihre Auswirkungen auf das Vertrauen der Anleger sind zu gewichtig", erklärte er.

Angesichts der Turbulenzen berät die amerikanische Notenbank (Fed) heute über eine weitere Zinssenkung. Es wird für möglich gehalten, dass die Fed ihren Leitzins von zurzeit 3,0 auf 2,0 Prozent senken könnte. Dies wäre der niedrigste Stand seit Ende 2004. "Die Fed ist in höchster Alarmstimmung", sagte der Chefvolkswirt des Finanzportals economy.com, Mark Zandi. Dies erlebe man höchstens einmal in einem Vierteljahrhundert. "Dies ist eine sehr ungewöhnliche Zeit."

"Kredithebel gewaltig zurückfahren"

Der Chefvolkswirt des Allianz/Dresdner-Bank-Konzerns, Michael Heise, rechnet damit, dass die anhaltende Krise zu einer tiefgreifenden Neustrukturierung im Finanzsystem führen wird. "Wir müssen damit rechnen, dass eine nachhaltige Bereinigung und Konsolidierung im Finanzsystem stattfindet", sagte Heise der "Berliner Zeitung" mit Verweis auf den Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns. "Die Kredithebel, die im Finanzsystem in den letzten Jahren entstanden sind, werden gewaltig zurückgefahren."

Gestern Abend hatten sich US-Notenbankpräsident Ben Bernanke, Finanzminister Henry Paulson und der New Yorker Börsenchef Christopher Cox mit US-Präsident George W. Bush getroffen, um über die Finanzkrise zu beraten. Die USA hätten die Situation im Griff, sagte Bush anschließend im Weißen Haus - obwohl nach dem Notverkauf der Investmentbank Bear Stearns an JPMorgan Chase die Sorge vor weiteren Bankenzusammenbrüchen wächst.

Bush lobte vor allem die Maßnahmen der US-Notenbank zur Stabilisierung der Finanzmärkte. Die Fed hatte bei einer Krisensitzung am Sonntagabend ein Maßnahmenpaket zur Beruhigung der Finanzmärkte beschlossen. Die Börsen reagierten nervös auf die Aktion: In Asien und Europa kam es zu panikartigen Abschlägen. Euro, Gold und Rohöl erreichten erneut Rekordstände. Die Fed wird heute erneut über eine Zinssenkung beraten.

Kritik an Bushs Wirtschaftspolitik

In den USA wächst allerdings die Kritik an der Wirtschaftspolitik von Präsident Bush. "Die jüngsten Maßnahmen der Notenbank verschieben offenbar große Risiken zu den Steuerzahlern", sagte der Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Harry Reid. Die beiden Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Barack Obama warfen Bush außerdem vor, nicht genug zu tun, um die Bedingungen für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung zu verbessern.

Die asiatischen Aktienmärkte reagierten nach den Kurseinbrüchen des Vortags verhalten und präsentierten sich uneinheitlich. Besonders durch die jüngsten Bankenturbulenzen gebeutelte Finanzwerte gaben der Börse in Tokio Auftrieb. Andere Handelsplätze kämpften dagegen nach wie vor mit Verlusten. Händler erklärten das Plus in Japan auch mit Hoffnungen, die Fed werde bei ihrer heutigen Sitzung kräftig den Geldhahn aufdrehen. In Asien wurde mit einer Leitzinssenkung von bis zu 100 Basispunkten auf dann zwei Prozent gerechnet.

In Tokio schloss der 225 Werte umfassende Nikkei-Index um 1,5 Prozent fester bei 11.964 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index beendete den Handel 1,22 Prozent im Plus bei 1163 Zählern. Auch die Aktienmärkte in Südkorea und Taiwan wiesen Gewinne aus. An den Börsen von Hongkong und Singapur gaben die Hauptindizes dagegen nach, in Shanghai kam es gar zu regelrechten Panikverkäufen.

sam/dpa/AP/ddp/dpa-AFX/Reuters

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.