Finanzmärkte Die gefährlichste Wette der Wall Street kehrt zurück

Sie gehörten zu den gefährlichen Spekulationsinstrumenten, die zur globalen Finanzkrise führten: die so genannten Collateralized Debt Obligations. Jetzt lassen Banken das Geschäft mit den umstrittenen Papieren wieder aufleben.

US-Bank J.P. Morgan Chase: Will das CDO-Geschäft wiederbeleben
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US-Bank J.P. Morgan Chase: Will das CDO-Geschäft wiederbeleben

Von Katy Burne, Wall Street Journal Deutschland


Die Wall Street hat wieder Lust auf ein Risikoinvestment, das maßgeblich zur massiven Finanzkrise vor fünf Jahren beigetragen hat: den synthetischen CDO. Angesichts der mauen Zinsen, die mit anderen Finanzprodukten zu erwirtschaften sind, suchen renditehungrige Investoren nun nach Risiken. J.P. Morgan Chase und Morgan Stanley wollen in London das Geschäft mit den sogenannten synthetischen Collateralized Debt Obligations wieder aufleben lassen.

CDOs eröffnen den Anlegern die Chance, auf die Kreditwürdigkeit einer Reihe von Unternehmen zu wetten. Bei einfachen CDOs bündeln die ausgebenden Banken Unternehmensanleihen und verkaufen anschließend Scheiben von diesem Kuchen weiter. Hinter synthetischen CDOs stehen anstelle der Anleihen selbst nur versicherungsähnliche Derivate auf diese Anleihen.

Wie ihre Vorgänger aus Vorkrisenzeiten bestehen auch die neuen CDOs aus verschiedenen Teilen mit unterschiedlichen Risiko- und Rendite-Klassen. Anleger, die sich die höchste Rendite sichern wollen, müssen auch die riskanteste Scheibe erwerben. Damit sorgen derartige Finanzprodukte zwar für eine Aufteilung der Risiken; doch kann sich ein finanzieller Schaden mit synthetischen CDOs auch vervielfachen, wenn Unternehmen, die mit ihren Schulden für die Wertpapiere einstehen, ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen.

Während der Finanzkrise haben CDOs, die auf faulen Hypothekenanleihen aufgebaut waren, für Verluste gesorgt, die das Finanzsystem weltweit erschütterten. Die katastrophalen Folgen dieser Finanzkonstruktionen standen anschließend am Pranger von Politik und Investoren selbst, der Markt für solche komplexen Finanzinstrumente brach zusammen und war seither praktisch tot. Bis jetzt.

Noch ist im Details nicht klar, woran bei J.P. Morgan und Morgan Stanley gearbeitet wird. Unklar ist etwa das Volumen der CDOs und welche Investmentfirmen Interesse an einem Kauf der Produkte haben. Beide Banken lehnten eine Stellungnahme zu dem Vorhaben ab.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.

Mit den Vorgängen vertraute Personen berichten aber, dass eine kleine Anzahl institutioneller Anleger an die beiden Banken herangetreten sei und sie gebeten habe, synthetischen CDOs wieder aufzulegen. Die Anfrage sei aus aus London gekommen, dem weltweiten Zentrum des Handels mit Derivaten.

J.P. Morgan und Morgan Stanley versuchen derzeit, weitere Investoren als Käufer für diese Instrumente zu gewinnen, sagt eine mit den Gesprächen vertraute Person. Ein Anleger kauft üblicherweise nur einen Anteil an einem CDO, der meist in sechs Teile zerlegt wird. Erst wenn genug Investoren an Bord sind, werden die Banken die Finanzprodukte auch wirklich auflegen.

Beide Institute werden wohl nicht in ihre eigenen CDOs investieren. Die neuen Bankenregeln, die nach der Krise eingeführt wurden, verlangen hohe Kapitalrückstellungen von Banken für derart riskante Anlagen.

2007 war das Spitzenjahr für CDOs

Das neu erwachte Interesse von Investoren an synthetischen CDOs zeige, dass das Interesse an höheren Renditen enorm sei, sagt Brian Reynolds, leitender Marktstratege beim Broker Rosenblatt Securities: "Die Wall Street wird neue, komplexere und riskantere Produkte auflegen, um diese Nachfrage zu befriedigen."

2007, im bisherigen Spitzenjahr für synthetische CDOs, wurden derartige Produkte im Wert von 634 Milliarden US-Dollar verkauft, hat der Datenanbieter Creditflux errechnet. Bis 2009 fiel das Volumen auf 98 Milliarden. Seither gibt es keine Zahlen, auch wenn Hedgefonds und Banken gemeinsam und auf private Nachfrage Derivate gebündelt und verkauft haben. Aber diese Geschäfte waren meist klein und wurden nicht von Ratingagenturen bewertet.

Auch die Citigroup hat einen neuen CDO im Angebot, allerdings aus anderen Beweggründen. Dort werden Derivate auf das Schiffsanleihen-Portfolio der Bank gebündelt. Dahinter steckt aber primär nicht die Renditejagd der Anleger. Das etwa 500 Millionen Dollar schwere Wertpapier, das derzeit nur außerhalb der USA gezielt Investoren angeboten wird, soll die Bilanz der Citigroup entlasten, damit die Bank neue Kredite vergeben kann. Die Bank benötige dann auch weniger Kapitalpolster gegen mögliche Verluste aus Schiffsanleihen, sagt ein Insider.

Wer bei der Citigroup investiert, steht für einige der möglichen Verluste mit im Feuer. Im Gegenzug winkt eine jährliche Rendite von 13 bis 15 Prozent, sagte eine mit dem Angebot vertraute Person. Die Bank wollte keinen Kommentar abgeben.

Wie hoch die Gewinne bei den synthetischen CDOs bei J.P. Morgan und Morgan Stanley ausfallen könnten, ist noch nicht klar. Unternehmensanleihen mit guter Bonität werfen derzeit weniger als 5 Prozent ab.

An der Wiederauferstehung der CDOs zeigt sich, dass Banken und Anleger offensichtlich bereit sind, die schlechten Erfahrungen der Krise auszublenden, wenn es um eine höhere Rendite geht. In den Märkten, die von Wertpapieren auf geschäftliche Hypothekenkredite bis zu Ramschanleihen von Unternehmen reichen, sind Anleger wieder bereit, auch die riskantesten Produkte zu kaufen, weil sie teilweise mehr als 20 Prozent Rendite pro Jahr abwerfen.

Hedgefonds dürften zugreifen

Vor der Krise waren CDOs und synthetische CDOs ein Eckpfeiler des Geschäfts mit strukturierten Finanzprodukten an der Wall Street. Firmen, die derartige Deals einfädelten, brachten sie beachtliche Provisionen ein.

2007 legte Goldman Sachs den CDO Abacus 2007-AC1 für den Hedgefonds Paulson und Co auf, der eine Wette gegen den US-Häusermarkt massiv vergrößern wollte. Mit enormem Erfolg für Gründer John Paulson: Der US-Immobilienmarkt brach zusammen, und er selbst und sein Hedgefonds strichen einen Milliardengewinn ein. Der Hedgefondsmanager wurde mit dieser Wette berühmt, während andere große Verluste machten.

Für Goldman hatte der CDO ein teures Nachspiel. Die Investmentbank musste 2010 nach einem außergerichtlichen Vergleich mit der Börsenaufsicht SEC 550 Millionen Dollar zahlen, weil andere Anleger getäuscht worden waren. Goldman gestand zwar juristisch kein Fehlverhalten ein, erklärte aber, beim Marketing für das Geschäft Fehler gemacht zu haben.

Die synthetischen CDOs, die J.P. Morgan und Morgan Stanley jetzt auflegen wollen, unterscheiden sich in verschiedener Weise von ihren Vorgängern: Die Krise hat dazu geführt, dass Ratingagenturen gute Bonitätsnoten für solche Tranchen deutlich seltener vergeben, die angebotene Rendite erscheint vor diesem Hintergrund nicht ausreichend. Auch sollen Käufer weniger risikobehafteter Anteile besser gegen mögliche Verluste geschützt sein als vor und während der Krise.

Wahrscheinlichste Käufer der riskanten Tranchen der CDOs sind wohl Hedgefonds. Ihre Anteile müssen als erstes für Verluste aufkommen, sollten die Schuldner nicht mehr zahlen.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
cassandros 05.06.2013
1. Top! Die Ersparnisse sind weg.
Zitat von sysopREUTERSSie gehörten zu den gefährlichen Spekulationsinstrumenten, die zur globalen Finanzkrise führten: die so genannten Collateralized Debt Obligations. Jetzt lassen Banken das Geschäft mit den umstrittenen Papieren wieder aufleben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/banken-legen-wieder-cdo-auf-a-903926.html
Ich wette, das geht wieder schief.
rotertraktor 05.06.2013
2. Rien ne va plus
Zitat von sysopREUTERSSie gehörten zu den gefährlichen Spekulationsinstrumenten, die zur globalen Finanzkrise führten: die so genannten Collateralized Debt Obligations. Jetzt lassen Banken das Geschäft mit den umstrittenen Papieren wieder aufleben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/banken-legen-wieder-cdo-auf-a-903926.html
Na, wer hätte das denn gedacht, dass das Interesse an höheren Renditen enorm sei? Besonders wo man ja jetzt weiss, dass beim nächsten Crash sicher auch wieder der Steuerzahler die Zeche blechen darf. Übrigens, neueste Umfragen haben ergeben, dass auch bei Arbeitnehmern das Interesse an höheren Löhnen enorm sei ... aber wayne interessiert´s? Also dann, ab ins Casino und weiter zocken bis zum nächsten "rien ne va plus".
glgg 05.06.2013
3. CDS ist die riskanteste Wette
In Relation zum Kapitaleinsatz kann ich mir mit CDS ein viel höheres Risiko einkaufen als mit CDO.
cdrenk 05.06.2013
4. Freiwillig
CDOs sind wie Spareinlagen oder eine Wette FREIWILLIG abgeschlossen. Will mir SPON erklären was ich aus freien Stücken tun "darf" ??? Hä ???
redwed11 05.06.2013
5. Wer stoppt diese Leute?
Zitat von sysopREUTERSSie gehörten zu den gefährlichen Spekulationsinstrumenten, die zur globalen Finanzkrise führten: die so genannten Collateralized Debt Obligations. Jetzt lassen Banken das Geschäft mit den umstrittenen Papieren wieder aufleben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/banken-legen-wieder-cdo-auf-a-903926.html
Schafft es denn Niemand auf dieser Welt, diese kranken Hirne der Finanzindustrie zu stoppen. Schafft es denn Niemand, die Helfer aus der Politik dieser kranken Hirne, diese abzulösen. Das Finanzsystem wird wieder zusammenbrechen und wieder wird der Steuerzahler für diese Finanzpsychopathen Milliarden über Milliarden bezahlen müssen. Wieder werden Millionen Menschen ihre Existenz verlieren, wieder werden Millionen Menschen hungern und das alles nur weil kranke Hirne den Hals nicht voll genug bekommen, weil kranke Hirne ihre Gier nicht mehr beherrschen können. Es wird wieder zusammenbrechen und die Finanzindustrie will es dann wieder nicht gewesen sein. Sie sind nur noch ekelhaft, diese Akteure der Finanzindustrie.
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