Banken Das Ende des kostenlosen Girokontos? Sicher nicht.

Die Ära der Gratisgirokonten neigt sich dem Ende zu, sagt der Sparkassenverband. Das ist unrealistisch: drei Gründe, warum die Banken weiter an diesem Angebot festhalten - vorerst zumindest.

Eine Kolumne von

Kontoauszüge
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Kontoauszüge


Seit Banken und Sparkassen ihre Kunden nicht mehr konfliktfrei mit Dispozinsen von mehr als zehn Prozent quälen können, lamentieren die Institute, dass kostenlose Girokonten unvernünftig seien und gar keine Zukunft hätten. Schließlich müsse Arbeit auch bei Banken bezahlt werden. Und mit null Euro werde die Arbeit nicht bezahlt. Das stimmt in gewisser Weise. Girokonten, für die die Kunden nichts zahlen, rechnen sich für Banken vordergründig nicht.

Trotzdem ist die Argumentation - nun, sagen wir, unvollständig. Und die Ankündigung von Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon, die Ära der kostenlosen Girokonten werde zu Ende gehen, ist erst mal nur ein unfrommer Wunsch. Denn Banken und Sparkassen hatten gute Gründe, die kostenlosen Konten einzuführen, und kalkulieren so vordergründig gar nicht.

Drei Gründe, warum es kostenlose Girokonten gibt:

  • Erstens: Gebührenfreie Girokonten sind kein Profitcenter. Sie sind in erster Linie ein Instrument, um neue Kunden anzulocken. Denn Girokonten sind zentral für die Kundenbeziehung der Banken. Die Berliner Sparkasse beispielsweise sagt es ganz unverblümt: "Ein Girokonto ist der Dreh- und Angelpunkt für Ihre Finanzgeschäfte." Das sehen alle anderen Banken genauso. Viele werben neue Kunden, indem sie Kindern, Jugendlichen und Studierenden (bis 27 Jahre) ein kostenloses Girokonto ermöglichen, so auch die Berliner Sparkasse und praktisch alle anderen Sparkassen. Ähnlich verfahren die Volksbanken, aber auch die großen Filialbanken wie die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Hypovereinsbank oder die Postbank und sogar die GLS-Bank.

  • Zweitens: Schnäppchenangebote für Girokonten (gebührenfrei und mit Bargeldbonus) werden sogar noch stärker als Kundenköder genutzt als früher. Versuchten neue Anbieter im Markt früher, Kunden über hohe Zinsen für das Tagesgeld zu ihrem Institut zu locken, scheint das bei Marktzinsen von null Prozent weniger zu ziehen. Außerdem ist das Anwerben von Tagesgeldkunden mit hohen Zinsen aus Sicht einer Bank nicht besonders nachhaltig. Senkt die Bank die Zinsen, sind die Kunden dann oft auch wieder weg. Gerade beim Tagesgeld sind die Kunden souveräner geworden und eher gewillt zu wechseln, zumal es genug sichere und bessere Angebote in Deutschland gibt. Also lieber Kundenfang auf dem Girokontenbasar statt auf dem Tagesgeldbasar.

  • Drittens: Girokonten machen sich für Banken anders bezahlt. Am Girokonto, schon gar, wenn es das Gehaltskonto ist, lässt sich die Finanzsituation des Kunden gut ablesen. Der "Bankberater" erfährt viel, was ihm hilft, dem Kunden auch andere Dienstleistungen anzubieten. Dem einen Kunden fehlt offenbar eine Haftpflichtversicherung, und er hat kein Tagesgeldkonto; die andere Kundin spart noch nicht in Fonds oder eine Lebensversicherung. Aber sie hat Geld von Oma, Opa oder Papa geschenkt bekommen. Und der Berater erfährt das ganz legal, ohne irgendwelche Datenschutzregeln zu verletzen.

Kostenlose Konten lohnen sich also für die Banken, wenn der Kunde länger bleibt und auch andere Geschäfte bei der Bank abwickelt. Das geht beim Dispozins von elf Prozent los, setzt sich über den Ratenkredit für sechs Prozent, den Autokredit für fünf Prozent bis zur Baufinanzierung und dann auch zur Geldanlage fort.

Damit die Bilanz aber nicht zu stark leidet, schröpfen Banken zum Ausgleich für die gebührenfreien Konten ihre Bestandskunden mit anderen Kontomodellen. Die wehren sich weniger, mögen oft nicht so gern die Bank wechseln.

Und sie werden dafür immer öfter mit hohen Gebühren belegt. Man muss es dabei gar nicht so weit treiben wie die Sparkasse Herford, die für ihr Premiumkonto jetzt 13,90 Euro im Monat verlangt. 2000 Sparkassenkunden hätten im prosperierenden Ostwestfalen bislang das Konto mit der Goldkreditkarte gewählt, sagt die Bank.

Typischer ist sicher die Ostsee-Sparkasse Rostock, die ihr Onlinekontomodell gebührenfrei hält, dafür aber bei den anderen Kontomodellen Ende 2015 erst mals seit 2001 aufschlug. Das "Girokonto individuell" ging wie das reine Guthabenkonto von einem Euro im Monat Grundgebühr auf 2,99 Euro und das "Girokonto inklusiv" von 4,50 Euro auf 6,99 Euro.

Bei der Erzgebirgssparkasse erhöht sich zum 1. Juni der Grundpreis für das "S-Giro Komfortkonto" auf acht Euro im Monat. Extra kosten dann noch Kundenkarten (je 6 Euro), telefonische Überweisungen, Überweisung am SB-Terminal und Scheckeinreichung. "Im Schnitt kommen so zu den acht Euro im Monat noch zwei bis drei Euro hinzu", so ein Bankmitarbeiter diese Woche.

Drei Strategien, die sich für den selbstbewussten Bankkunden anbieten:

  • Seien Sie ein aktiver Kunde, der von günstigen Modellen profitiert. Verlangen Sie von Ihrer Bank auch ein gebührenfreies, mindestens aber ein sehr preiswertes Konto. Praktisch jede Bank hat ein solches Konto im Angebot.

  • Wenn Sie kein gescheites Angebot bekommen, wechseln Sie das kontoführende Institut. Nutzen Sie dabei durchaus auch die Boni, die Ihnen angeboten werden. DAB, DKB und Consorsbank bieten gute, annähernd kostenlose Konten mit Bonus. Selbst die Frankfurter Sparkasse wirbt derzeit mit 170 Euro Bonus, wenn Sie bei deren Tochter 1822direkt ein neues Girokonto eröffnen, das auch Ihr Gehaltskonto ist, und Sie dann noch neue Kunden werben.

  • Achten Sie bei der Wahl Ihres neuen Girokontos aber nicht nur auf die (hoffentlich fehlenden) monatlichen Gebühren. Auch ein hoher Dispozinssatz, hohe Gebühren für Kontokarten und Kreditkarten sowie hohe Gebühren für das Bezahlen und Abheben im Ausland können bei entsprechender Nutzung ganz schön ins Geld gehen. Einige Direktbanken berücksichtigen das und bieten echte Schnäppchen, die auch bei intensiver Nutzung (fast) nichts kosten. 200 Euro Ersparnis pro Konto sind mit einer solchen Strategie und bei kluger Wahl Jahr für Jahr drin. Das macht sich im Familienbudget ordentlich bemerkbar.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.



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Seite 1
manni.baum 26.03.2016
1. selbsbewusste Bankkunden
wer auf die Höhe des Dispozinses achten muss hat keine Veranlassung ein selbstbewusster Bankkunde zu sein.
StephanLehmann 26.03.2016
2. Neuland
Selbst Schuld wenn man bei der Sparkasse oder ähnlichen Steinzeit Banken ein Girokonto hat. DKB oder Number26 bieten ein kostenloses Girokonto an, bei dem man auch an nahezu jedem Automaten Geldhaben kann. Bei der Volksbank müsste ich heute immer noch extra eine Filiale suchen nur um Geld abzuheben, aber für die ist das Internet und solche Angebote eben Neuland.
ykerniz? 26.03.2016
3. Das Ende der Sparkassen
Die Aussage von Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon resultiert aus begründeter Angst. Angst davor, dass die Sparkassenorganisation mit einer IT aus den 80 Jahren in kürze nicht mehr konkurrenzfähig sein wird. Für Anbieter von modernen Paymentsystemen (e-payment) ist das integrieren von Girokonten keine technische Herausforderung. Sie benötigen lediglich eine Banklizenz und die kostet (inklusive der Bereinigung aller Altlasten) ca. 20 – 50 Mio. Angesichts der Bargeldbestände der grossen IT Provider (Apple, Google) sind das Kleinigkeiten und das Ende der Sparkassen ist nah.
Lagrange 26.03.2016
4.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Direktbanken die kostenlosen Konten abschaffen. Was Sparkasse, R+V, usw. verlangen ist mir wurscht. Ich brauche keinen Ansprechpartner vor Ort. Viel wichtiger ist mir das weltweit kostenlose Geldabheben. Bin seit ewigen Zeiten bei der DiBa und mehr als zufrieden
fam.weber11 26.03.2016
5. Der entscheitende Punkt
wird im Artikel gar nicht genannt. Mit meinem Gehalt gewähre ich meiner Bank Monat für Monat ein kostenloses Darlehen. Und da ich alles selbst online abwickele, beschränkt sich der Aufwand meiner Bank darin, mein Geld entgegen zu nehmen und damit zu arbeiten. Dafür noch zusätzlich Geld von mir zu verlangen zu wollen ist nur unverschämt.
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