S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Den echten Stress haben nicht die Banken

Der Banken-Stresstest wird die wirtschaftlichen Probleme der Eurozone nicht beheben können. Aber er zeigt zumindest, wo deren Ursache nicht liegt.

Eine Kolumne von


Es ist ein schrecklich nettes Ergebnis. Von 130 getesteten Banken sind 25 durchgefallen. Damit sieht der jüngste Stresstest der europäischen Zentralbank (EZB) zunächst glaubwürdiger aus als seine verkorksten Vorgänger aus den Jahren 2010 und 2011. Bei näherem Hinsehen müssen sich aber nur 13 Banken neues Kapital besorgen, und zwar insgesamt weniger als 10 Milliarden Euro. Angesichts der Größe des europäischen Bankensystems sind das nicht einmal Peanuts.

Vergleichen Sie dieses Ergebnis mit dem, was die Amerikaner vor fünf Jahren machten. Dort erreichte die Krise ihren Höhepunkt im September 2008 mit dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers. Noch im Herbst des gleichen Jahres unterzeichnete der damalige Präsident George W. Bush ein Gesetz, mit dem die Regierung den Banken bis zu 700 Milliarden Dollar an Krisenkapital zur Verfügung stellte. Im Jahre 2009 entwickelte Finanzminister Tim Geithner die Stresstests, auf deren Basis den Banken 400 Milliarden Dollar zugeschoben wurden. Fast alles ist mittlerweile zurückgezahlt. Seit 2008 haben die Amerikaner über 500 Banken dichtgemacht, die meisten in den Jahren 2010 und 2011, also lange nach den Stresstests.

Trotz dieses entschlossenen Vorgehens hat die Normalisierung des US-Bankensektors Jahre gedauert. Erst jetzt kommt die Wirtschaft langsam aus der Krise.

Bei uns gaben im Jahr 2008 Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück die Devise aus: Jedes Euroland rettet seine eigenen Banken. Es gab keinen europäischen Rettungsfonds. Erst Ende 2012 legte man den Grundstein für eine halbherzige Bankenunion. Auch weiterhin bleibt dabei jedes Land für seinen eigenen Bankensektor verantwortlich. Wir haben aber zumindest eine einheitliche Aufsichtsbehörde. Und den Stresstest.

Das tiefere Problem ist die Nachfrage nach Krediten

Ob der Test nun etwas wert war oder nicht, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Ich bin eher skeptisch. Die große Schwäche des europäischen Tests sind die relativ freundlichen Annahmen über das Krisenszenario. Eine Deflation kommt darin nicht vor. So richtig stressig war das nicht. Allerdings wurden auch die amerikanischen Tests zunächst skeptisch beäugt. Auch sie machten recht optimistische Annahmen. Sie haben aber den Sektor stabilisiert und damit die Grundlage für den Aufschwung geschaffen, der vier oder fünf Jahre später stattfinden sollte.

Das tiefere Problem, das wir mit dem Stresstest nicht lösen, ist die Nachfrage nach Krediten. Wenn keiner einen Kredit will, dann helfen auch gut kapitalisierte Banken nichts.

Was wir in Europa derzeit beobachten, ist der Versuch des Privatsektors (also von Unternehmen und Haushalten), sich zu entschulden. Dieser Prozess fängt gerade erst an und wird viele Jahre dauern. In dieser Zeit sollte man nicht erwarten, dass der Privatsektor von sich aus weitere Schulden aufnimmt. In den USA hat die Zentralbank mit einer ultralockeren Geldpolitik und massiven Anleihekäufen nachgeholfen. Bei uns dauerte alles länger, und die EZB regierte vorsichtiger.

Die klassische Zinspolitik ist ausgereizt

Selbst wenn der Stresstest nun sein Ziel erreicht, ist damit alleine nur wenig gewonnen. Die Stimmungsindikatoren in der Wirtschaft sinken weiter. Die vorrangige Aufgabe der Geldpolitik sollte jetzt darin bestehen, die Wirtschaft zu stabilisieren, vor allem aber die zu niedrigen Inflationserwartungen zu erhöhen. Die klassische Zinspolitik ist ausgereizt. Die Zinsen liegen bei null. Ob es zu Aufkäufen von Staatsanleihen kommt, ist fraglich. Die EZB hat die Frage bislang hinausgeschoben. Bislang wartete man dort auf die Ergebnisse des Stresstests. Jetzt wartet man auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Januar zu den Aufkaufgarantien durch die EZB. Und wer weiß, worauf wir dann warten. Vielleicht löst sich das Problem ja bis dahin von selbst. Wahrscheinlich eher nicht.

Das Beste am Stresstest ist, dass er jetzt vorbei ist. Sein Ende wird uns die Frage beantworten, inwieweit die Banken Schuld sind am Rückgang der Kreditnachfrage. Wenn die Kreditvergabe jetzt nicht ansteigen sollte, dann wissen wir die Antwort: Sie waren es nicht.

Die Lektion dieser verspäteten Stresstests lautet: Je länger wir an den Symptomen rumfummeln, anstatt die Ursachen zu bekämpfen, desto länger dauert die europäische Wirtschaftsdepression.

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insgesamt 108 Beiträge
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Progressor 27.10.2014
1. Also mal ganz offen gesagt
Das Euroland benötigt staatliche Konjunkturprogramme auf Pump in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro. Noch mehr Schulden bei eh schon hohen Staatsverschuldungen? Je länger man damit wartet, desto überproportional teurer wird es.
geisterfahrerii 27.10.2014
2. Was helfen
Was helfen diese ganzen Milliarden teuren Konjunkturprogramme, wenn beim Verbraucher kein Geld ankommt. Wie soll ich als Konsument die Konjunktur ankurbeln, wenn mein Spargroschen ständig weniger wert wird?
Haref 27.10.2014
3. Es ist nichts gelöst,
sondern nur mal wieder Zeit gewonnen. Es gibt nunmal keine Kreditklemme bei Unternehmen, sondern lediglich zuwenig Absatz. Die EU-Politik hat auf Betreiben der USA dafür gesorgt, daß der russische Absatzmarkt tabu ist. Die EZB unter Draghi hat leider dafür gesorgt, daß der Markt vollgesaugt ist mit Liquidität - und sie hat ja mit den Asset Backed Securities noch Schlimmeres vor. Zwischenzeitlich werden die EU-Bürger - insbesondere die deutschen Steuerzahler - in Sicherheit gewogen. Wieviele ausländische Staatspapiere aus Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal, Spanien, etc. befinden sich denn in der Hand deutscher Banken ? Wenn der Lift dieser EU-Länder (für jeden Depp sichtbar) nach unten rauscht, wird man sehen, was Draghi, Merkel, Schäuble & Co. mit ihrer Euro-Hörigkeit angerichtet haben. Ein Streßtest wäre die ganze Vernebelungsaktion erst dann gewesen, wenn man die Staatsanleihen in den Bankbilanzen korrekt bewertet hätte. Das war nun von der EZB keinesfalls gewollt - warum wohl ?
muellerthomas 27.10.2014
4.
Zitat von geisterfahreriiWas helfen diese ganzen Milliarden teuren Konjunkturprogramme, wenn beim Verbraucher kein Geld ankommt. Wie soll ich als Konsument die Konjunktur ankurbeln, wenn mein Spargroschen ständig weniger wert wird?
An welche Milliarden teuren Konjunkturprogramme denken Sie denn? Also ja, es sollte Geld beim Verbraucher ankommen und dies bist bisher nicht geschehen, aber nicht wegen falscher Konjunkturprogramme, sondern weil es schlciht keien agb, sondern AUsgabenkürzungen gerade in den am stärksten betroffenen Staaten. Und was die Ersparnise angeht, so verfügen gerade die Haushalte mit hoher Konsumquote im Schnitt über gar keine Ersparnisse. Mit höheren Zinsen wäre denen auch nicht geholfen, aber der Wirtschaft insgesamt geschadet.
feuerwehr 27.10.2014
5. Münchau hat recht...
Die Ursache unserer Wirtschaftsdepression, in die wir hineinrutschen, ist die Weigerung unseres Staates, investiv in die große Nachfragelücke zu springen. Das Ausland will oder kann nicht mehr in dem Ausmaß unserer Schuldner sein, wie es für die deutschen Wachstumsnsche notwendig wäre. Unsere Politiker und viele unserer Foristen hier halten aber den deutschen Staat offensichtlich für einen schlechteren Schuldner als das Ausland! Die Sparer sehen das anders und wollen dem Staat ihre Ersparnisse zu für den Staat vorteilhaftesten Bedingungen aufdrängen. Er wäre in der Tat ein besserer Schuldner als das Ausland. Wer berücksichtigt hier im Forum, dass Sparen und Schulden sich zu Null saldieren? Wenige Stimmen? Viele glauben, der Staat würde irgendwann zurückzahlen müssen. Das Gegenteil ist der Fall, die Deutschen Staatsanleihen sind gefragt! Und erst das Gejammere über die Belastung der Enkel! Was sie bei derzeitiger Politik erben, das sind teilweise zweifelhafte Schulden des Auslands und eine prekäre Infrastruktur. Wenn der Staat seine Politik änderte, würden sie stattdessen folgendes erben: Höhere Staatschulden, gleich große Ansprüche an den Staat in Form von Staatsanleihen, eine reparierte Infrastruktur und ein entwickeltes Bildungssystem
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