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Bankenbeben: "Der Finanzplatz Schweiz wird bluten"

Von Michael Soukup, Zürich

Die Schweiz kämpft gegen das globale Bankenbeben. Ein Kollaps der heimischen Großinstitute wäre ein Alptraum - denn die Geldindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes. Doch die Berner Regierung leistet sich ein miserables Krisenmanagement.

Auch in Zürich gibt es sie, die "Herren des Universums". Meist erkennt man die Helden des Geldes an ihren Protz-Offroadern vom Typ Porsche Cayenne, Audi Q7, oder BMW X5. Mittlerweile werden jedoch die ersten Kutschen der Hochfinanz bei Autohändlern notverkauft - ein Zeichen dafür, dass die Bankenkrise auch hier angekommen ist.

Banker in Zürich: "Vor allem der Finanzplatz Schweiz wird bluten"
AP

Banker in Zürich: "Vor allem der Finanzplatz Schweiz wird bluten"

"Vor allem der Finanzplatz Schweiz wird bluten", prophezeit Beat Bernet, Bankenexperte an der Hochschule St. Gallen. Selbst über das Undenkbare wird mittlerweile wird in der Schweiz unterdessen spekuliert: Was passiert, wenn es eine der Großbanken trifft?

Schon einmal mussten sich die Schweizer von einer Nationalikone verabschieden. Die Swissair, wegen ihrer Solidität auch fliegende Bank genannt, stürzte 2001 ab. Das für das ganze Land traumatische Grounding kostete den Staat über zwei Milliarden Franken. Schuld am Zusammenbruch waren auch die Großbanken. Wie sich später herausstellte, weigerte sich die UBS Chart zeigen lange, der Swissair rechtzeitig Geld für den Notbetrieb zu überweisen. Deshalb bekam das Institut im Volksmund den üblen Spitznamen "United Bandits of Switzerland". Die UBS weist die Vorwürfe zurück.

Kaum ist etwas Gras über die Sache gewachsen, steht die UBS wieder am Pranger. Sie hat im Zuge der Finanzkrise fast 50 Milliarden Franken verbrannt - mehr als jede andere europäische Bank. Vor allem mit dem billigen Geld der Kleinsparer konnten sich die Investmentbanker an der Wall Street austoben. In der noblen "Neuen Zürcher Zeitung" hieß es unlängst erfrischend offenherzig: "Das Freundlichste, was man über die amerikanischen Banker - und ihre Nachahmer bei der UBS - sagen kann, ist, dass sie skrupellos waren."

In Folge der Finanzkrise taumelte auch die UBS. Das Institut hat sich ein umfangreiches Umbauprogramm verordnet, Stellenabbau inklusive. Zuletzt schrieb die Bank wieder schwarze Zahlen. "Ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen berichten zu können, dass wir die UBS recht erfolgreich durch diese Turbulenzen manövrieren konnten", erklärte Verwaltungsratschef Peter Kurer jüngst vor Aktionären.

Zum Glück, denn eine Krise der UBS wäre auch eine Krise der Schweiz. Das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz beträgt 512 Milliarden Franken. Mit 2000 Milliarden Franken ist die Bilanzsumme der UBS aber viermal so groß. Selbst die Bilanzsumme der zweiten Schweizer Großbank, die Credit Suisse (CS) Chart zeigen, ist mit 1200 Milliarden Franken gigantisch. Zusammen haben die UBS und CS Kredite in der Höhe von 640 Milliarden Franken ausstehend. "Der Krise verdanken wir eine ungemütliche Erkenntnis: UBS und Credit Suisse sind zu groß für die Schweiz", schrieb der frühere Chefredakteur der "Zeit", Roger de Weck, letzte Woche im Schweizer "Magazin". "Ihr Bankrott würde ein blühendes Land ruinieren."

Abgesehen von den Zwergstaaten Liechtenstein und Luxemburg ist kein Land Europas so abhängig von seinen Banken und Versicherungen wie die Schweiz: 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stammen aus der Finanzwirtschaft. In Großbritannien und den USA sind es sieben beziehungsweise fünf Prozent. Der Schweizer Finanzplatz beschäftigt etwa 100.000 Menschen, über die Hälfte arbeitet bei einer der beiden Großbanken. Hinzu kommen die Spareinlagen, der Marktanteil der beiden Bankgiganten beträgt 80 Prozent.

Zürich bekommt inzwischen die ersten Schockwellen des Banken-Tsunami zu spüren. Die größte Stadt der Schweiz ist den Banken auf Gedeih und Verderb ausgeliefert: Auf die knapp 400.000 Einwohner kommen 42.000 Arbeitsplätze im Finanzsektor. Letztes Jahr zahlte die Finanzindustrie rund ein Drittel der Steuern.

Vorbei die schönen Zeiten: Für 2008 und die kommenden zwei Jahre hat die Bankenmetropole einen Steuerausfall von weit über einer halben Milliarde Franken prognostiziert. Damit schreibt eine der reichsten Städte der Welt wieder rote Zahlen. Über die Folgen der drohenden Massenentlassungen wagt heute noch keiner zu reden.

Und was sagt die Schweizer Regierung zu dem ganzen Schlamassel? Nicht viel. Als letzte Woche weltweit die Banken wankten und die Regierungen händeringend nach Rettung suchten, war es in der Schweizer Hauptstadt unheimlich still. "Die Weltwirtschaft ist am Abgrund. Bern schweigt", kommentierte die "NZZ am Sonntag" verärgert. Statt wie in anderen Ländern wenigstens den mickrigen Eigenlagenschutz für Sparer anzuheben, vertraut man lieber auf Gott und die Banken. Lächerliche vier Milliarden Franken pro Bankkonkurs beträgt heute das oberste Limit. Unterdessen freuen sich die staatlichen Kantonalbanken über den anschwellenden Kundenzustrom.

Am Dienstag dann endlich eine Sondersitzung. Die Regierung sei zwar "besorgt", halte die Lage der Banken jedoch für "insgesamt sicher", teilte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf mit. Widmer-Schlumpf ist übrigens Justizministerin. Der Finanzminister hat am 20. September einen Kreislaufkollaps erlitten. Seitdem befindet er sich in der Rehabilitation. Am Mittwoch dann beteiligte sich die Schweizer Zentralbank an einer konzertierten Aktion und senkte gemeinsam mit mehreren anderen Notenbanken den Leitzins.

Und möglicherweise gibt es einen Plan B: Sollte eine der Schweizer Großbanken tatsächlich ernsthaft in Gefahr geraten, würde offenbar ein Geheimabkommen in Kraft treten und die Europäische Zentralbank (EZB) zur Hilfe eilen. Dies schreibt jedenfalls Roger de Weck im "Magazin". Die Schweizer Nationalbank wollte allerdings zu "Gerüchten oder Vermutungen aller Art aus Prinzip keine Stellung" nehmen.

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