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Bankenbetrug: Ex-Börsenschwindler Leeson berichtet von zahllosen vertuschten Fällen

Der frühere Börsenhändler und verurteilte Betrüger Nick Leeson wirft den Banken eine mangelhafte Risikokontrolle vor. Solche Fälle wie jetzt bei der Société Générale könnten überall passieren. Seiner Erfahrung nach vertuschen die Geldhäuser Betrügereien häufig, damit sie nicht bekannt werden.

Paris - Der Milliardenbetrug, den jetzt die französische Großbank Société Générale zu verkraften hat, überrascht den einstigen Börsenhändler Nick Leeson nicht. Leeson, der mit Fehlspekulationen 1995 die britische Barings Bank in den Ruin getrieben hat, sagte der "Frankfurter Rundschau", in der Finanzwelt sei die Risikokontrolle nicht genügend ausgebaut. Deshalb könnten auch große Fälle wie seiner oder der bei der französischen Großbank jederzeit passieren. "Aber von zahlreichen Betrugsfällen erfahren wir nichts, weil die Banken für gewöhnlich alles unternehmen, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt."

Nick Leeson: "Die Banken unternehmen für gewöhnlich alles, damit nichts an die Öffentlichkeit gelangt"
REUTERS

Nick Leeson: "Die Banken unternehmen für gewöhnlich alles, damit nichts an die Öffentlichkeit gelangt"

Leeson, der wegen Betrugs zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, hält den Großbanken vor, ihren Händlern blindes Vertrauen zu schenken und enorme Summen in Märkte zu investieren, die sie gar nicht hinreichend bewerten könnten.

Der aktuelle Fall aus Paris erinnert stark an den des legendären Leeson. Auch er war jung, unterlag keiner effektiven Kontrolle - und konnte durch hochriskante Geschäfte immensen Schaden anrichten.

Kerviel offenbar nicht auf der Flucht

Der Betrug bei der Société Générale, Eckpfeiler des französischen Bankensystems, Referenz auf dem globalen Finanzmarkt, gegründet 1864 von Napoleon III., war gestern bekannt geworden. Eine Katastrophe für die Bank, die sie Milliarden kostet. Der Name des Händlers ist inzwischen bekannt: Nach Angaben von Unternehmensinsidern heißt er Jérôme Kerviel. Entgegen ersten Berichten befindet sich Kerviel nicht auf der Flucht. Er stehe den Behörden zur Verfügung, sagte sein Anwalt in Paris.

Laut "Financial Times" ist Kerviel seit 2000 bei der Société Générale beschäftigt, hat zunächst in der Abwicklungsabteilung der Bankzentrale in Paris gearbeitet, ist dann 2005 ins Delta-One-Team gewechselt. Dort handelte er mit Aktienfutures europäischer Börsenindizes.

Nach Angaben aus dem Vorstand hat sich der 31-Jährige in der Bank nie als Überflieger hervorgetan. "Er ist keiner unserer Stars", sagte ein Vorstandsmitglied am Mittag. "Er verdient weniger als 100.000 Euro im Jahr." Bankchef Daniel Bouton: "Das war ein Trader, der mit kleinen Positionen umging." Er habe bisher auch noch keine Boni beantragt - nur über Boni hätte er von seinen krummen Geschäften persönlich profitiert.

Auch Vizechef Philippe Citerne erklärte, dass der geständige Broker nicht direkt von seinen Geschäften profitiert habe. Das Ganze sei ein "nicht zu erklärender Akt der Böswilligkeit". Mit anderen Worten: Kerviel soll Amok gelaufen sein.

Kerviel hatte familiäre Probleme

Angeblich leidet er unter "familiären Problemen". Das sagten drei französische Gewerkschaftsführer, nachdem sie vom Management der Bank über den Fall informiert worden waren. "Wahrscheinlich hat er ein wenig seinen Verstand verloren", sagte Alain Treviglio von der Gewerkschaft CFDT. Ein Bank-Sprecher bezeichnete Kerviel als "sehr ruhig", er sei "ein Einzelgänger" gewesen.

Kerviel hebelte offenbar alle Kontrollmechanismen aus, führte über ein Jahr fiktive Geschäfte zu seinen Gunsten, die dann am Wochenende aufflogen und gestern öffentlich bekannt wurden - er bereicherte sich aber nicht direkt.

Der Banker ist inzwischen vom Dienst suspendiert. Auch seine direkten Vorgesetzten sollen entlassen werden. Zudem hat die Bank den Händler wegen Fälschung von Bankunterlagen und deren Verwendung verklagt. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete ein vorläufiges Ermittlungsverfahren wegen Betrugs und Vertrauensmissbrauchs ein. Société-Générale-Chef Bouton sagte, er sei sicher, dass der Mann alleine gehandelt habe.

Milliardenverluste, Hunderte Klagen

Für das Kreditinstitut hat der Fall erhebliche Konsequenzen: Rund hundert Anleger verklagten die Großbank wegen Betrugs. Rechtsanwalt Frederik-Karel Canoy, der die Kläger vertritt, sagt, seine Mandanten hätten auf einen Schlag "wahrscheinlich ihr gesamtes Geld verloren". Die Aktionärsvereinigung APPAC kündigte Anzeige gegen die Bank wegen Verbreitung falscher Informationen an.

Auch finanziell gerät die Bank in arge Bedrängnis. Nach Angaben des Unternehmens hat der Fall Kerviel zu einem Rekordverlust von 4,9 Milliarden Euro geführt - zusätzlich zu den zwei Milliarden Euro, die das Haus wegen der weltweiten Finanzkrise ohnehin abschreiben muss.

Die Belastungen zehren bei Société Générale den Gewinn des vergangenen Jahres zu einem großen Teil auf: Unter dem Strich werde die Gruppe voraussichtlich einen Überschuss von 600 bis 800 Millionen Euro ausweisen. Im Vorjahr hatte die Société Générale noch 5,22 Milliarden Euro verdient. Um den Verlust auszugleichen, will die Bank in den kommenden Wochen das Kapital um 5,5 Milliarden Euro erhöhen.

Die herben Verluste nähren Spekulationen, dass die Société Générale zum Übernahmekandidaten werden könnte. Bouton kündigte an, die Bank werde nächsten Monat ihre neue strategische Ausrichtung bekannt geben. Die Aktie der Großbank war gestern bis zum Mittag vom Handel ausgesetzt. Nach Handelsaufnahme sauste sie nach unten, verlor zuletzt über fünf Prozent.

Es werde für die Bank "entscheidend und sehr heikel" sein, wie sie öffentlich mit dem Vorfall umgehe, sagt Arnaud Riverain, ein französischer Bankenfachmann. Einerseits könne die Société Générale nicht so tun, als ob es der Fehler eines einzelnen Mannes gewesen sei - diese Vorstellung "wäre katastrophal". Andererseits könne das Geldinstitut "auch nicht zugeben, dass sein gesamtes Kontrollverfahren eine Katastrophe ist".

ler/wal/ssu/AFP/dpa/Reuters

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