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Bankenkrise: Bundesregierung sträubt sich gegen besseren Kleinsparer-Schutz

Von , Frankfurt am Main

Das Misstrauen wächst: Deutsche Kleinsparer sorgen sich zunehmend um ihre Bankguthaben. Irland, Großbritannien und die USA wollen ihre Garantiezusagen für Guthaben verbessern - die Bundesrepublik weigert sich bisher. Die Regierung geht dabei ein hohes psychologisches Risiko ein.

Frankfurt am Main - In normaleren Zeiten hätten Kunden wohl fluchend oder Schulter zuckend die Bank verlassen. Doch dieses Mal macht sich gleich Misstrauen breit: In 150 Sparkassenfilialen in Nord- und Ostdeutschland streikten am Donnerstagmorgen die Geldautomaten für mehrere Stunden - wegen eines Stromausfalls, wie ein Sprecher versichert.

Sparkasse in Erfurt: In 150 Filialen gab es kein Geld mehr am Automaten - wegen eines Stromausfalls
AP

Sparkasse in Erfurt: In 150 Filialen gab es kein Geld mehr am Automaten - wegen eines Stromausfalls

"Der Run hat begonnen", erklärt ein Blogger auf der Webseite hartgeld.com dennoch. "Die Geldautomaten dürften leer sein."

Wild wird auf der Seite über die Hintergründe anderer technischer Pannen spekuliert: Vor zwei Tagen gab es doch Probleme beim Online-Banking der Deutschen Kreditbank. Bei der Postbank zickten Anfang der Woche die Computer an vielen Schaltern. Geld wurde trotzdem ausgezahlt - die Postbank, versichert zudem, es habe "definitiv keine Liquiditätsschwierigkeiten" gegeben, nur ein Software-Problem. Auch eine Sprecherin der Deutschen Kreditbank betont: Die Schwierigkeiten beim Internet-Banking beruhten auf einem EDV-Problem.

Helfen werden die Beteuerungen wenig. Immer mehr deutsche Sparer bangen um ihre Einlagen.

Das merkt auch Dirk Schiereck, BWL-Professor an der Technischen Universität Darmstadt. Im Radio beantwortet er oft Fragen von Zuhörern - und ist erschrocken. "Gerade ältere Leute haben ihr Konto schon leer geräumt."

"Das Vertrauen der Kunden muss dringend wieder aufgebaut werden", folgert Frank-Christian Pauli, Bankenreferent beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Und das ist seiner Meinung nach nicht nur Aufgabe der Geldinstitute, sondern auch des Staates. Über Rettungspakete für notleidende Banken nachzudenken, reiche nicht - auch der Kunde müsse jetzt beruhigt werden. "Schließlich kann der nichts für die Probleme."

"Aktuell keine Notwendigkeit"

Andere Regierungen sind bereits aktiv geworden. In Irland sicherte Finanzminister Brian Lenihan eine Bürgschaft von bis zu 400 Milliarden Euro für die Einlagen großer Geldhäuser bis 2010 zu - eine Summe, die etwa dem Zweieinhalbfachen des Bruttoinlandsprodukts entspricht. "Ohne lebensfähiges Bankensystem wäre unser Handel gelähmt", sagte Lenihan. In Großbritannien wird fieberhaft an einer Neuregelung gearbeitet, mit der die staatliche Einlagensicherung von höchstens 35.000 Pfund auf bis zu 50.000 Pfund pro Sparer angehoben werden soll. In den USA wurde mit der Verabschiedung des 700-Milliarden-Dollar-Pakets für Banken auch die Höchstgrenze für staatlichen Ersatz von 100.000 auf 250.000 Dollar je Konto herauf gesetzt.

Die Bundesregierung plant keine derartigen Versprechen. "Dafür sehen wir aktuell keine Notwendigkeit", heißt es im Bundesfinanzministerium. Das gelte auch für eine EU-weite Initiative, wie sie etwa Spanien will. Forderungen des Unionspolitikers Michael Meister und des SPD-Finanzexperten Hans-Ulrich Krüger nach einer Erhöhung der staatlichen Garantien auch in Deutschland seien Vorschläge einzelner Politiker, so eine Sprecherin. Die existierenden Sicherungssysteme seien ausreichend.

Gesetzlich geschützt sind in der Bundesrepublik bislang 90 Prozent der Einlagen und maximal 20.000 Euro pro Person. Darüber hinaus haben private Banken in den siebziger Jahren jedoch einen freiwilligen Fonds gegründet, der Guthaben schützt. Die Sicherungsgrenze scheint enorm hoch: Sie beträgt bis zu 30 Prozent des mindesthaftenden Eigenkapitals der jeweiligen Bank. Bei der Postbank würden so theoretisch im Pleitefall Vermögen von bis zu 1,21 Milliarden Euro erstattet - pro Kunde. Öffentlich-rechtliche Banken und Volks- und Raiffeisenbanken haben ein ähnliches Absicherungssystem, das auf dem Solidarprinzip beruht.

Wenn eine Bank kriselt, strotzen die anderen nicht vor Kraft

Doch auch diese über Jahre als vorbildlich gelobten Einrichtungen sind längst nicht mehr über alle Zweifel erhaben. Der Fonds der Privatbanken leide an einem grundsätzlichen "Konstruktionsfehler" und "suggeriert falsche Sicherheit", findet etwa Kurt von Storch, Eigentümer von Flossbach & von Storch Vermögensmanagement. "Wenn es einer Bank schlecht geht, strotzen die anderen ja nicht vor Kraft", sagt er. Deshalb könnten sie sich im Krisenfall auch nicht gegenseitig helfen. Von Storch rät seinen Kunden schon seit dem Beinahe-Kollaps der Mittelstandsbank IKB im vergangenen Jahr, freie Gelder möglichst in sichere Staatsanleihen zu stecken.

Übertriebene Vorsicht oder Realismus? Mit Sicherheit kann das niemand sagen. Schon als die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite ging, kamen böse Gerüchte auf: Bis zu sechs Milliarden Euro Entschädigung müsste der Einlagensicherungsfonds im schlimmsten Fall an deutsche Anleger zahlen, rechnete die Finanzaufsicht BaFin vor. Allerdings sollen lediglich 4,6 Milliarden Euro im Topf sein. Über die genaue Summe hüllt sich der zuständige Bundesverband deutscher Banken (BdB) in Schweigen. Es könne ja Geld nachgeschossen werden, war nach der Lehman-Pleite nur immer wieder aus Finanzkreisen zu hören. Die Gelder der Kunden seien sicher, beteuert der BdB außerdem oft.

Ganz stimmt das nicht. So fallen etwa Inhaberschuldverschreibungen nicht unter den Schutz des Fonds. Im Zuge der Lehman-Pleite verloren auch viele Deutsche kleinere und größere Vermögen. Im Zuge einer möglichen Regierungsinitiative sollte deshalb auch eine Lösung für solche bislang ungeschützte Anlagen gefunden werden, finden BWL-Professor Schiereck und Verbraucherschützer Pauli. Letztlich gehe es ja sowieso vor allem um das psychologische Signal, sagt Schiereck. Damit nicht wirklich eines Tages "tausend Leute vor einer Sparkasse Schlange stehen." Noch sei das ja kein realistisches Szenario, "aber in so einer Situation ist der Anfang nie real."

Wenn aber der im Internet vermutete Run auf die Banken wirklich einsetze, könne es zum Schlimmsten kommen: Zu einer Pleite-Serie, sagt Schiereck. "Und das kann dann kein Sicherungssystem mehr auffangen. Auch kein staatliches."

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