Bankenkrise Hedgefonds shorten, bis der Arzt kommt

Wir Deutsche haben den Banken stets vertraut. Warum eigentlich? Ihre schönen Slogans waren schon immer eine Lüge. Dann drehten uns die nett-harmlosen Milchgesichter am Schalter ihre hochkomplexen, riskanten Produkte an. Jetzt brennt die Hütte - und die Banker sind allein in ihrer Welt.

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Wir leben chronisch in zwei Welten: Die eine ist die Welt des Marktes, in der alles seinen Preis hat und jede Leistung bezahlt wird. Es ist die Welt von Argwohn, Egoismus und Härte. Die andere ist die soziale, in der Geld keine Rolle spielt. Dort helfen wir Freunden beim Schleppen von Umzugskisten und reiben uns ungefragt auf für Kinder, Ehrenamt, Oma. Es ist die Welt von Glaube, Liebe, Hoffnung. Gefährlich wird es, wenn beide Welten kollidieren.

Banker von Lehman Brothers: Plötzlich ist überall von Vertrauen die Rede
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Banker von Lehman Brothers: Plötzlich ist überall von Vertrauen die Rede

Der US-Verhaltensökonom Dan Ariely beschreibt das wunderbar in seinem gerade erschienenen Buch über die Irrationalitäten menschlicher Vernunft*. Eines seiner Beispiele: Ein Mann lädt seine neue Flamme ein-, zwei-, dreimal zum Essen ein – ohne dass man sich näher kommt. Soll er beim vierten Date darauf hinweisen, wie viel er bereits investiert hat und dass man dafür ja allmählich mal miteinander schlafen könnte?

Eben. Geht natürlich gar nicht. Alles ginge in einem Regen herabprasselnder Vorwürfe zu Ende. Dieses Beispiel der Kosmen-Kollision hat mit der aktuellen Weltfinanzkrise mehr zu tun, als uns lieb sein kann. Denn auch an Börsen und in Banken geht es zur Zeit um einen unbezahlbaren Wert, der in der Welt der Zahlen eigentlich deplaziert wirkt: Vertrauen.

Plötzlich ist überall von Vertrauen die Rede. Oder eher davon, dass dieses Vertrauen nun fehlt. Die angeschlagenen Banken misstrauen sich gegenseitig und leihen sich kein Geld mehr, weil sie nicht wissen, ob sie es noch zurückbekommen. Obendrein wundern sie sich, dass selbst die eher stoische Schar deutscher Kleinanleger allmählich den Glauben verliert in ihre Wird-schon-wieder-Beteuerungen, ins Finanzgewerbe, ja: in die Marktwirtschaft oder gar die Demokratie in toto.

Dabei haben wir den Bankern doch immer vertraut. Warum eigentlich?

Früher, als Fernsehen in Deutschland noch auf drei Programme beschränkt und samstags Badetag war, gab es drei Berufe, die unbedingtes Vertrauen genossen: Arzt, Pfarrer und Banker – als Karrierechance wie aus der Perspektive der Kundensicherheit. Keiner der drei haute einen absichtlich übers Ohr. Alle drei Berufsbilder verhießen zudem eine lebenslange Jobgarantie (wenn auch nur im Fall des Geistlichen sogar mit weiteren Aufstiegschancen nach dem Ableben).

Werd Banker, da haste was fürs Leben

Weil sich nicht jeder mit Gottesdiensten oder Hirnchirurgie anfreunden konnte, halfen Eltern gern mit dem wohlmeinenden Satz: Werd Banker, da haste was fürs Leben!

Wohl in keinem anderen Fall implodierte das Ansehen einer gesamten Berufsgruppe derart schnell und dramatisch. Banker? Alles renditegeile Spieler und Verbrecher, die entweder unser Geld verzocken oder gerade abteilungsweise rausgeschmissen werden wegen irgendeiner Konsolidierungswelle. Imagemäßig rangieren sie hinter osteuropäischen Inkasso-Eintreibern, Hartmut Mehdorn und Journalisten.

Nun rächt sich der Vertrauens-Popanz, den die Branche jahrzehntelang selbst mit inszeniert hat, weil man mit Allgemeinen Geschäftsbedingungen eines Girokontos allein kaum Kunden locken konnte. So wurde die Commerzbank schon 1976 "die Bank an Ihrer Seite". Die Deutsche erklärte ab 1995: "Vertrauen ist der Anfang von allem". Die HypoVereinsbank bat: "Leben Sie! Wir kümmern uns um die Details". Und bis heute nennt sich die gerade verschwindende Dresdner "die Beraterbank".

Milchgesicht am Schalter

Sie versteckten sich hinter dem Milchgesicht des Filialangestellten mit der geschmacklosen Krawatte, der uns als Quasi-Familienmitglied verkauft wurde. Okay, schon der war ja eine Lüge. Denn jeder säumige Kreditnehmer weiß, wie streng der Onkel von der Bank werden konnte. Aber egal.

Nicht egal war, dass seine Kollegen im Hinterzimmer anfingen, immer komplexere Geldprodukte zu entwerfen. Erst finanzierten sie anderen Banken solche Deals, dann ließen sie ihr nettes Milchgesicht vorne den Kram auch den eigenen Kunden andrehen.

Nun brennt die Hütte, und die Welt ist voller neuer Begriffe: Leerverkäufe. Swaps. Derivate. Man hört, dass die Hedgefonds geshortet haben, bis der Arzt kam und ahnt, dass das nicht so gut ist. Man versteht es nicht mehr. Es war alles viel zu komplex geworden, als dass Vertrauen noch eine gute Geschäftsbasis wäre.

Dabei war dieser ganze Finanzzauber am Ende nichts anderes als ein riesengroßes Männer-Macho-Ding, was übrigens noch der Aufarbeitung durch Soziologen und Psychologen harrt. Es begann nicht erst mit präpotenten Allmachts-Phantasten wie Michael Douglas in den phallischen Bürotürmen von "Wall Street" oder Bret Easton Ellis’ Investmentbanker-Trauma in "American Psycho". Und es wird mit den Lehman-Jungs noch lange nicht enden, die nun mit dem Golfschläger über der Schulter ihre Büros räumen, um in ihren Hamptons-Klischees aus Strandvilla und Ferrari die letzten Millionen-Boni zu genießen.

Wir hätten es gern wieder romantisch

Wer kennt hierzulande einen US-Hedgefondsmanager? Oder einen Wall-Street-Investmentbanker? Die Kritisierten sind eine amorphe Masse wie die Kritik, die nun nicht nur sie unter sich begräbt, sondern die gesamte Branche. Bis hinab zu den Milchgesichtern mit den hässlichen Krawatten, die auch als erstes fliegen. Ohne Boni. Die deutsche Variante der Exzesse war ja nicht besser – nur kleiner, provinzieller und deshalb auch noch lächerlich.

In der Geschichte des deutschen TV-Humors gibt es viele Bankenwitze. Mitten in die deutsche Seele trifft einer aus der Zeit, als uns noch drei Programme reichten: Ein Kunde will Geld abheben, doch sein Filialmann erklärt ihm todernst, seine Schuhschachtel sei leider verschwunden. Der Kunde ist entsetzt: Seine ganzen Finanzanlagen… in einer Schachtel? Der Banker ist irritiert: Ja, klar, wie denn sonst? Aber nun sei die leider weg, bis sich am Ende alles auflöst in großem Alles-nur-ein-Scherz-Hahaha! Der Banker wischt sich Lachtränen weg – und zeigt dem Kunden dessen Schachtel.

So romantisch hätten wir es gern wieder. Dass wir an Arzt, Pfarrer und Banker glauben können und die eigenen Ersparnisse in eine Schachtel passen. Natürlich wird es nie mehr so werden. Den Kapitalismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Er wird andere Exzesse feiern und die besten Hochschulabsolventen weiter zu profithungrigen Geiern mit dicken Eiern umerziehen. Aber das Vertrauen wird nicht mehr zurückkommen.

Erste gefühlte Veränderungen im eigenen Bekanntenkreis gibt es schon: Die einen bringen ihr Geld zur Sparkasse, die anderen zur Deutschen Bank. Es ist eine Sache kühler Kalkulation: Die Sparkassen galten immer als so unfassbar langweilig, dass sie sich bestimmt nicht mit US-Immobilienkreditpaketen verhoben haben. Und wenn die Deutsche Bank als Branchenprimus brennen würde, wäre eh alles vorbei.

Banker sind jetzt nur noch, was sie sind: Dienstleister. Und ziemlich allein in ihrer Welt.


* Dan Ariely: "Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen". Droemer Knaur Verlag, 2008; 320 Seiten; 19,95 Euro.

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Pranayama, 03.10.2008
1. Windig ...
... ist, neben den Milchbubis am Bankschalter, und den aufgekoksten Stricherbossen im Hinterzimmer, die niemals richtig gearbeitet haben und auch nicht wissen, wie es ist, einmal drei Tage nichts zu essen zu haben, doch ebenfalls, dass das seit Augsteins Tod zum Sturmgeschütz der Neoquatschkapser verkommene Blättchen jetzt auf einmal ach so harsche Kritk an den ehemals bestanden habenden Zuständen feilbietet: Zitat":Den Kapitalismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Er wird andere Exzesse feiern und die besten Hochschulabsolventen weiter zu profithungrigen Geiern mit dicken Eiern umerziehen. Aber das Vertrauen wird nicht mehr zurückkommen." Einfach vorher schon mal nachgedacht zu haben, bevor jegliche Kritik im Aufwind des Größenwahns in alle sieben Derivatehimmel zerstob, hätte dem Spiegel gut zu Gesicht gestanden. Bin gespannt, wie die Kritik sich fortsetzt und ob auch das fundierte Maßhalten in der Gesellschaftsführung wieder einen Wert bekommt. Aber wahrscheinlich ist solch Geschreibsel nur ein Strohfeuer, damit man auch dabei war. Wie vorher halt auch ...
dehnübung 03.10.2008
2. Paradox
...denen, die das zu verantworten haben geht es bestens. Ein perfekter Raubzug. Erst bestehlen sie den kleinen Mann und nun zahlen die Politiker mit genau dessen Geld noch einmal oben drauf. Der Bürger scheint keine Wahl zu haben, die Demokratie ist erschüttert.
Michael KaiRo 03.10.2008
3. noch das gute Geld hinterher werfen
Ich würde die ganzen wackligen Banken sofort enteignen, die privaten Vermögen der Banker sofort beschlagnahmen und alles zurück abwickeln, bis es 0 auf 0 aufgeht. Keinen einzigen Cent würde ich diesen Bankern überlassen. Aber davor schrecken ja unsere Herren Politiker (oder Damen) zurück und blasen diesen Bankern nun noch das gute Steuergeld in den A.... Jou, gutes Geld wird schlechtem noch hinterhergeworfen, denn den dummen Steuerzahlern kann man es ja umso leichter aus der Tasche ziehen, denn die meckern ja nicht, sondern lassen sich jederzeit schön abzocken !!! Schon vor einigen jahren hat z.B. das Manager Magazin vor der großen Hypothekenblase gewarnt. Interessiert hats anscheinend keinen. Lustig ist ja auch nur, wieso immer nur das "Plus" weg ist, aber nie das "Minus" - schade, meinen Dispokredit wäre ich auch gerne los *gggg P.S.: Der deutsche Staat mit seinen Landes- und Staatsbanken ist wg. der Kreditkrise mit Risiken von rund 90 Milliarden dabei. Eigentlich unfassbar und darum haben alle wegen den Liechtensteiner Steuerflüchtlingen gejubelt, als ein paar Millönchen zu holen waren. Jou, so gut rechnen können unsere Politiker *ggg
Pinarello, 03.10.2008
4. Tja, die Realität ist an Absurdität nicht mehr zu toppen!
Zitat von dehnübung...denen, die das zu verantworten haben geht es bestens. Ein perfekter Raubzug. Erst bestehlen sie den kleinen Mann und nun zahlen die Politiker mit genau dessen Geld noch einmal oben drauf. Der Bürger scheint keine Wahl zu haben, die Demokratie ist erschüttert.
Jooh, was die Mafia, also das organisierte Verbrechen in Jahrhunderten nicht mal versucht hat, das schafft die Finanz- und Bankenwelt, also das organisierte Kapitalverbrechen gleich zweimal in nur 2 Jahrzehnten. Und unserer Politikasperl stehen dabei und kriegen den Mund nicht mehr zu vor lauter Unwissen und Staunen. Statt hier mit Hundertschaften Polizei mal gründlich aufzuräumen und die Banktürme auf den Kopf zu stellen, werden diesen Kriminellen jetzt auch noch Hunderte von Milliarden Euros in den nimmersatten Rachen geschmissen. Wo bleibt denn da bitte der Lerneffekt?
MarkH, 03.10.2008
5. ooo
Zitat von dehnübung...denen, die das zu verantworten haben geht es bestens. Ein perfekter Raubzug. Erst bestehlen sie den kleinen Mann und nun zahlen die Politiker mit genau dessen Geld noch einmal oben drauf. Der Bürger scheint keine Wahl zu haben, die Demokratie ist erschüttert.
und kommt noch besser.. die Gewinne werden einfach in die Gobalisierung investiert.. jeder cent dem "armen Inder" :) ist eben billiger und man hat ein "reines Gewissen"
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