Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Bankenkrise in den USA: 700-Milliarden-Rettungsplan geplatzt, Panik an den Märkten

Die Finanzmärkte stehen unter Schock, Präsident Bush zeigt sich erschüttert: Ausgerechnet seine Parteifreunde ließen den 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan für die US-Banken durchfallen. Am Donnerstag soll erneut über die größte staatliche Intervention seit der großen Depression des Jahres 1929 abgestimmt werden. Amerika zittert.

Washington - Das Nein zum milliardenschweren Rettungspaket für die Finanzmärkte kam überraschend, jetzt hat das US-Repräsentantenhaus nach dem Scheitern für Donnerstag eine neue Sitzung einberufen.

Börsianer an der Wall Street: Schock für die Aktienmärkte
AP

Börsianer an der Wall Street: Schock für die Aktienmärkte

US-Präsident George W. Bush kündigte weitere Initiativen an. Er werde das Problem weiterhin "frontal" angehen, sagte er bei einem kurzen Fernsehauftritt am Montag. "Wir werden daran arbeiten, eine Strategie zu entwickeln, die es uns ermöglicht, voranzuschreiten." Einzelheiten nannte er nicht. Er werde sich noch im Laufe des Montags mit führenden Kongressmitgliedern zusammensetzen.

"Ich bin enttäuscht über das Votum des Kongresses", sagte Bush. Er verteidigte den Umfang des gescheiterten Entwurfs: "Unser Plan war groß, weil das Problem groß ist." Finanzminister Henry Paulson fand sich zu einem Krisentreffen im Weißen Haus ein. "Wir müssen so schnell wie möglich etwas tun", sagte Paulson. "Die internationalen Finanzmärkte stehen unter Druck". Er werde weiter mit dem Kongress beraten, sagte Paulson. Aber auch er ließ keine konkreten Lösungsansätze erkennen.

Der Schock am Aktienmarkt über das Scheitern des Rettungspakets sitzt tief: Der Dow Jones verbuchte massive Verluste. Der Index der New Yorker Börse fiel am Montag 777 Zähler ins Minus - so stark wie noch nie innerhalb eines Tages.

Ursache war die Abstimmung im Repräsentantenhaus: Mit 228 zu 205 Stimmen votierten die Abgeordneten gegen die 700 Milliarden Dollar schwere Rettungsaktion. Mehr als zwei Drittel der Republikaner und 40 Prozent der Demokraten stimmten gegen den Plan. Der konservative Flügel der Republikaner von US-Präsident Bush lehnt derart weitgehende staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab.

Das Rettungspaket sollte Mittel für den Aufkauf sogenannter fauler Hypothekenpapiere freigeben. Die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, versprach, sich weiter für eine überparteiliche Lösung zwischen Republikanern und Demokraten einzusetzen. Sie habe Finanzminister Paulson ihre Zusammenarbeit zugesagt. "Was heute passiert ist, kann nicht Bestand haben", sagte Pelosi. "Unsere Arbeit ist nicht beendet, bis sie getan ist."

In einer dramatischen Aktion hatten die Befürworter während der Abstimmung versucht, die Kritiker doch noch von dem Hilfspaket zu überzeugen.

"Die Republikaner haben dieses Gesetz getötet", sagte der demokratische Vorsitzende des Finanzausschusses des Repräsentantenhauses, Barney Frank. Viele Republikaner weigerten sich, kurz vor den Wahlen am 4. November den Banken mit so viel Steuergeld für Verluste aus riskanten Anlagegeschäften zur Seite zu springen. Führende Parteivertreter gaben zu, den Unmut in den eigenen Reihen unterschätzt zu haben. "Wir dachten, dass wir ein Dutzend mehr Stimmen gehabt hätten", sagte der Abgeordnete Roy Blunt aus Missouri.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama dazu auf, die Ruhe zu bewahren. "Ich bin zuversichtlich, dass ein Paket verabschiedet wird. Es dürfte aber etwas schwierig werden", sagte Obama, der kurz zuvor am Telefon mit Finanzminister Paulson beraten hatte.

Ein ranghoher Politikberater des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers John McCain gab Obama und den Demokraten die Schuld für das überraschende Scheitern des Rettungspakets. Der demokratische Präsidentschaftskandidat und seine Partei hätten ihre politischen Interessen über diejenigen der USA gesetzt, sagte Doug Holtz-Eakin.

Der führende demokratische Abgeordnete David Obey warf dagegen Bush und McCain vor, "vollkommen die Kontrolle über ihre eigene Partei verloren zu haben".

Beobachter werteten die Ablehnung als "große Blamage" für die Regierung Bush.

Experten rechnen nun mit weiteren schweren Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten. Für die europäische Geldbranche scheint das Drama erst seinen Anfang zu nehmen. Die deutschen Finanzinstitute und die Bundesregierung schnürten gemeinsam in der Nacht zum Montag ein Hilfspaket, um die Hypo Real Estate zu retten.

hen/kaz/Reuters/AP/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: