Banker-Bewerbung Hantel-Stemmen für die Wall Street

Ein Yale-Student bewarb sich auf unkonventionelle Weise bei der Großbank UBS: Er präsentierte sich in einem Video als Karatemeister, Eintänzer, CIA-Hacker und Atomexperte. Über Nacht wurde er zum Kultstar der Wall Street - obwohl die meisten seiner Behauptungen erfunden sind.

Von , New York


New York - Wer an der Wall Street einen guten Job ergattert, landet schnell im Millionärsclub. Obskure Rituale wie die alljährliche Beförderung von etwa 100 Mitarbeitern zu gewinnbeteiligten Partnern, wie sie dieser Tage wieder mal bei Goldman Sachs stattfindet, entscheiden über Karrieren - und siebenstellige Gehaltsschecks.

Auch Aleksey Vayner strebt nach derlei Fortune. Doch der Student der Elite-Uni Yale hat dazu einen etwas anderen, unkonventionelleren Weg gewählt. Er bewarb sich mit einem Video-Lebenslauf bei der Großbank UBS, der dank seiner skurrilen Dreistigkeit sofort zum Tagesgespräch an der Wall Street wurde - und seinen Urheber zur neuen Kultfigur der YouTube-Generation machte.

Selten hat ein selbst gedrehtes Filmchen hier solchen Wirbel verursacht. Die "New York Post" kann sich nur an einen anderen, vergleichbaren Fall erinnern, der jedoch einer anderen Branche entspringt: "Paris Hiltons Sex-Video."

Vayners Saga, die jeden Tag mehr zur Seifenoper mutiert, ist eine Parabel auf die Ära der Polaroid-Prominenz per Internet, die nun auch vor der Wall Street nicht halt macht. Sie begann, als Vayner, dem Aussehen nach in seinen Zwanzigern, Anfang Oktober einen elfseitigen Lebenslauf samt Anlage an die UBS-Personalabteilung schickte. Demütiger Titel: "Aleksey Vayner, CEO und Profisportler.

Instant-Hit auf YouTube

Der milchgesichtige Vayner stellte sich darin als "Investmentberater" und Vorstandschef zweier Firmen vor - Behauptungen, die sich inzwischen als erfunden entpuppt haben. Er sei "Weltklasse-Athlet in mehreren Sportarten" - was seine Kommilitonen bestreiten -, habe ein Buch über den Holocaust geschrieben - abgeschrieben, so das Fazit bei genauerer Lektüre - und sei ein "Modellfall persönlichen Erfolgs".

Am meisten Stirnrunzeln bei den Bankern erregte freilich der sechsminütige Videofilm, den Vayner beifügte. Darauf ist er zu sehen, wie er auf einer Hantelbank Gewichte stemmt (angeblich 225 Kilogramm), Tennisbälle über den Court pfeffert (angeblich mit 225 Stundenkilometern), zu "Solamente tu amor" Samba tanzt, halsbrecherische Ski-Pirouetten vollführt und mit einem einzigen Karate-Schlag sechs Ziegelsteine zerhackt. Dazwischen gibt er Plattitüden über das Mysterium Erfolg von sich. Etwa: "Misserfolg darf keine Option sein." Oder: "Erfolg ist geistige Transformation."

Früher wäre solche Selbstbeweihräucherung gleich im Papierkorb gelandet. Heute aber landete Vayners One-Man-Show prompt auf der Video-Website YouTube, dem Papierkorb der virtuellen Attention Deficit Disorder-Generation, wo sie zum Instant-Hit wurde, von Millionen Voyeuren begafft. Bis Vayner sie jetzt "wegen Copyright-Verletzung" entfernen ließ und spurlos abtauchte, jeden Kommentar verweigernd.

Zu spät: Über Nacht hatte Vayner Kultstatus erreicht. Mittlerweile gibt es Fan-Websites, die sein Video poppig vertont haben. Andere - vor allem die Szeneblogs "DealBreaker", "Wall Street Folly" und "Gawker" - überschütten ihn mit Spott. Letztere hat ihn zum "Warmduscher des Monats" erkoren und berichtet täglich über neue "Entwicklungen" bei seiner Jobsuche.

Wer das Video von UBS an die Öffentlichkeit lanciert hat, bleibt unbekannt. Es soll aber von UBS rasch auch an mehrere andere Wall-Street-Firmen gewandert sein, darunter Bain & Company, Blackstone, Boston Consulting und Lehman Brothers. "Pures Gold", staunte ein Analyst in der Zeitung "New York Sun".

Aleksey Vayner, das lonelygirl15 der Wall Street? Spekulationen über Vayners wahre Identität sind jedenfalls längst ein heißes Gesellschaftsspiel hier. Denn je mehr über ihn bekannt wird, desto weniger ist wirklich klar.

"Die stillen Tränen der Frauen"

Fest steht, dass er in Yale eingeschrieben ist - als Aleksey Garber. Dort bezeichnete ihn das Studentenmagazin "Rumpus" schon vor vier Jahren als "Gatsby" mit "fantastischer Pseudo-Existenz". Entsprechend sein angeblicher "Lebenslauf": aufgewachsen in Usbekistan und einem tibetanischen Kloster, vorübergehend in den Fängen der "deutschen Mafia", schließlich in die USA emigriert und dort Tennistrainer für Prominente wie Harrison Ford und nebenher CIA-Hacker. Auch sei er einer von nur vier Personen im Bundesstaat Connecticut, die berechtigt seien, "Atommüll zu handhaben".

Doch dass im Zeitalter der Blogs kein Quatsch ungestraft bleibt, merken nicht nur Politiker. Schnell wurden die zwei Unternehmen, als deren CEO sich Vayner empfiehlt, als Scheinfirmen entlarvt. Die Website seiner Beratungsfirma Vayner Capital Management LLC verschwand plötzlich aus dem Internet - nachdem der Uni-Blog "IvyGate" enthüllt hatte, dass sie wortwörtlich von einem echten Investmenthaus abgekupfert war. Auch die Website seiner "Wohltätigkeitsorganisation" Youth Empowerment Strategies ist auf einmal nicht mehr aufzufinden - nachdem eine gleichnamige Gruppe Protest eingelegt hatte.

Vayners "Holocaust-Buch" ("Womens' Silent Tears" - die stillen Tränen der Frauen) ist nach Recherchen der Universitätszeitung "Yale Daily News" "zumindest teilweise ein Plagiat": Die zugänglichen Online-Auszüge seien identisch mit der "Holocaust Encyclopedia". Prompt verschwanden auch die Auszüge aus dem Web.

"Nichts ist unmöglich"

Trotzdem, der Plan dieses Jayson Blairs der Wall Street ging auf: Vayners Name ist in aller Munde. Einige feiern ihn sogar als innovativen Helden. Der TV-Sender "FoxNews" fand seinen Lebenslauf "stilvoll aufgepeppt". Werbe-Guru Donny Deutsch nannte ihn einen "brillanten, kreativen Schöpfer" und proklamierte: "Ich würde ihn unbesehen anstellen." Sogar die Londoner "Daily Mail" und der italienische "Corriere della Sera" widmeten ihm Zeilen.

Allerneueste Eilmeldung: Aleksey Vayner soll in Manhattan gesichtet worden sein, wie er zum Einstellungsgespräch bei Credit Suisse antanzte. "Andere Yale-Studenten, die sich bei Credit Suisse vorstellten, wollen ihn bei der Investmentbank gesehen haben", schreibt der immer gut informierte Wall-Street-Blog "DealBreaker" und sinniert: "Ist es wahr? Nichts ist unmöglich."

Exakt die Worte, mit denen Vayner sein Bewerbungsvideo beschließt.

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