Bauernproteste Milchindustrie beklagt Schäden in Millionenhöhe

Die Proteste der Bauern zeigen Folgen: Die Milchindustrie beklagt Schäden in Höhe von rund 50 Millionen Euro, die Molkerei Ehrmann droht nun sogar mit einer Klage. Doch Agrarminister Seehofer zeigt Verständnis für die Streikenden.


Berlin - Die Schätzungen sind eindrucksvoll: 50 Millionen Euro Schaden haben die Proteste der Milchbauern binnen einer Woche bei den Molkereien verursacht - das jedenfalls sagte der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), Eberhard Hetzner, der "Bild"-Zeitung. Die Schäden seien beispielsweise durch Produktionsausfälle entstanden. Von den Streiks und Blockaden sei fast jede zweite der rund 110 Molkereien in Deutschland betroffen gewesen, sagte Hetzner. Die Lage habe sich aber entspannt: "Es gibt kaum noch Blockaden von Molkereien. Ab Mittwoch, spätestens Donnerstag läuft alles wieder reibungslos."

Wie die "Bild"-Zeitung weiter schreibt, erwägt die Molkerei Ehrmann eine Klage auf Schadensersatz. "Unser Werk abzuriegeln war illegal und gesetzeswidrig. Wir halten die Option einer Schadensersatzklage offen", sagte Werner Hahn, Mitglied der Geschäftsführung der bundesweit fünftgrößten Molkerei, der Zeitung.

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer warnt angesichts der Proteste der Milchbauern vor einer Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland. "Wie problematisch solche Abhängigkeiten für eine Volkswirtschaft sein können, erleben wir bei der Energieversorgung", sagte der CSU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". Faire und kostendeckende Preise für die Bauern seien im allgemeinen Interesse.

DER SPIEGEL

"Nur wenn die Milchbauern existieren können, vermeiden wir, dass wichtige Rohstoffe für die Lebensmittelproduktion aus dem Ausland bezogen werden müssen", sagte Seehofer. "Wir dürfen hier nicht abhängig werden von Importen." Er verteidigte die Aktionen und Blockaden der Milchbauern: "Das Demonstrationsrecht gehört zur Demokratie. Jeder kann dieses Mittel wählen, um seinem Protest Ausdruck zu verleihen." Allerdings müsse sich der Protest "auf rechtstaatlichem Boden" bewegen. Was die Zielsetzung betreffe, "haben die Bauern meine volle Solidarität". Die laufenden Gespräche zwischen den Kontrahenten sollten zügig vorangetrieben werden, eine rasche Lösung sei im Interesse aller.

Wenn die aktuelle Preisdiskussion vorüber sei, werde er alle Beteiligten nach Berlin einladen, die Vertreter der Milchbauern, der Molkereiwirtschaft und des Handels, sagte Seehofer. Nötig sei ein Dialog über die langfristigen Strukturfragen der deutschen Milchwirtschaft. "Dazu gehört die Lagerhaltung, aber auch die deutsche Position zur Milchquote. Wir brauchen hier eine abgestimmte Strategie aller Akteure." Die jüngste Anhebung der Milchquote durch die EU bezeichnete er "angesichts der labilen Marktsituation" als Fehler. "Das zeigt sich jetzt. Jedem musste doch klar sein, dass eine Erhöhung am Ende zu Lasten der Bauern geht. Deshalb hat die deutsche Regierung dagegen gestimmt."

Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Christian von Boetticher (CDU) kritisierte dagegen das Wegschütten von Milch. "Ich empfinde das als Provokation. Bei uns zu Hause heißt es immer: Lebensmittel wirft man nicht weg", sagte er. Allerdings zeigten die Proteste, dass viele Landwirte mit dem Rücken zur Wand stünden und auf ihre prekäre Lage aufmerksam machen wollten.

ffr/AFP/AP



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