Bauernrebell Romuald Schaber "Ich kenne noch jede Kuh"

Er gilt als Revoluzzer der Landwirtschaft. Als Organisator von Milchstreiks erreichte Romuald Schaber bundesweite Bekanntheit - und machte auf die Notlage der Bauern aufmerksam. Sogar bis zur Kanzlerin drang er vor. Im Interview erklärt der Bayer, warum er gegen "Billig, billig" kämpft.

DPA

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem diese Woche erscheinenden Buch "Blutmilch" beschreiben Sie den Überlebenskampf der Bauern. Ihr Streik für höhere Milchpreise erhielt viel Applaus. Wieso ist faire Milch bei den Verbrauchern aber bisher noch eine Nische geblieben?

Schaber: Nach Jahrzehnten der Billig-Werbung hat bei vielen eben eine gewisse Abstumpfung eingesetzt, dabei ist nichts so teuer wie billige Milch.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Schaber: Weil die Nebenwirkungen nicht mit eingepreist sind: Höfe sterben, Arbeitsplätze gehen verloren, die Landschaft droht zu verkommen. Und die Industrie streicht fröhlich die dicksten Subventionen ein.

SPIEGEL ONLINE: Warum hört man dann im Moment nicht mehr von ihrem Bund Deutscher Milchviehhalter?

Schaber: In einer Abwärtsphase wie vor gut zwei Jahren fällt es leichter, zu kämpfen. Jetzt, wo es etwas aufwärts geht, gilt das Prinzip Hoffnung - obwohl der Milchpreis schlechter ist als zu Streikzeiten.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Marke "Die faire Milch" versuchen Sie und andere bayerische Bauern nun, den eigenen Rohstoff selbst zu vermarkten und die Macht der Molkereien zu umgehen. Warum waren Sie damit so spät dran?

Schaber: In den Regalen stehen ja schon einige angebliche Fair-Produkte, da war nicht mehr viel Platz. Dabei sind das meist Mogelpackungen. Da kommen nur Winz-Beträge bei den Bauern an. Bei unserer Milch, die es bislang in Süd- und Westdeutschland gibt, sind es immerhin 40 Cent.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem verlief der Start des Projekts etwas holprig.

Schaber: Es war unglaublich schwer. In Bayern und Baden-Württemberg haben wir keine Molkerei gefunden, wir müssen jetzt in Hessen verarbeiten lassen. Dann der Einzelhandel: Aldi hat uns abgekanzelt, weil unser Produkt unlauter sei, Verbrauchertäuschung. Schließlich waren Rewe und Tegut aber überzeugt.

SPIEGEL ONLINE: Warum gab es dann noch mal Streit wegen des Etiketts?

Schaber: Weil die Wettbewerbszentrale sich am Aufdruck "aus ihrer Region" gestört hat. Darauf verzichten wir jetzt auch, sagen aber nach wie vor, in welchem Bundesland die Milch gemolken wird. Aber nun wollen die noch unseren Markennamen "Die faire Milch" angreifen - das wird vor Gericht gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist an dem Namen auszusetzen?

Schaber: Das sei ein unzulässiges Alleinstellungsmerkmal. Dahinter steht aber mehr: Die Wettbewerbszentrale ist ein Selbstkontrollorgan des Handels und der Industrie, das auch die großen Molkereien vertritt - und die haben keine Lust auf uns. Gegen die Alpenmilch von Weihenstephan zum Beispiel haben die komischerweise nichts, obwohl die Milch dafür von sonstwo her aus Bayern kommen kann, nicht nur aus den Alpen. Und warum? Weihenstephan gehört zu Müller-Milch.

SPIEGEL ONLINE: Viele Politiker haben Sympathie für die Milchbauern gezeigt. Was hat das gebracht?

Schaber: Nicht viel. Nach der Wahl im Oktober 2009 etwa saßen wir zusammen mit der Bundeskanzlerin und sie war über die Praxis des Überlieferns von Milch gut informiert. Viele Großbauern liefern ja einfach mehr ab, als sie nach Quote dürfen. Sie fand das ungerecht und sagte zum Bauernverbandschef Gerd Sonnleitner, er solle da doch mal seinen Einfluss in den Ländern geltend machen, um das abzustellen.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Funktionärsgegenpart Sonnleitner, wie reagierte der?

Schaber: Der machte sich ganz klein und sagte, so mächtig sei er doch nun auch nicht. Merkel meinte dann zu ihm, das wundere sie aber, weil ihr der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger gesagt habe, wenn der Sonnleitner eine andere Meinung zum Thema habe, dann stimme er für Baden-Württemberg auch danach ab. Und diese Überlieferung winkte der Bundesrat dann ja auch bei der Abstimmung mehrheitlich durch - ganz im Sinne des Bauernverbands.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Ihrer ersten Besuche in Brüssel trafen Sie gleich auf den Abteilungsleiter Milch der EU-Kommission, was konnten Sie ihm sagen?

Schaber: Erstmal nichts, weil der mich gleich anfuhr: "Mit welchem Recht fordern Sie für ihre Milch 30 Prozent mehr als auf dem Weltmarkt?"

SPIEGEL ONLINE: Und?

Schaber: Ich hatte so was ähnliches erwartet und sagte: "Mit dem gleichen Recht, mit dem Sie hier einen 30 Mal so hohen Lohn kassieren wie ein gleich qualifizierter Beamter aus Indien."

SPIEGEL ONLINE: Bis 1974 haben Sie auf Ihrem Hof noch mit der Hand gemolken. Jetzt sind Sie ein Bauer mit Blackberry, wundert Sie das manchmal?

Schaber: So spielt das Leben. Ich kenne aber auch heute noch jede einzelne unserer Kühe. Und 1974, als ich nach der Lehre wieder auf den Hof kam, war meine erste Anschaffung eine Melkmaschine. Auch die Schabers leben nicht hinterm Mond.

Das Interview führte Nils Klawitter

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
taiga, 06.10.2010
1. ---
Zitat von sysopEr*gilt als Revoluzzer der Landwirtschaft. Als Organisator*von Milchstreiks erreichte Romuald Schaber*bundesweite Bekanntheit - und machte auf*die Notlage der*Bauern*aufmerksam. Sogar bis zur Kanzlerin drang er vor.*Im Interview erklärt der*Bayer, warum er gegen Billig-Billig kämpft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,721282,00.html
Schaber bei den Eurototalokraten in Brüssel: »Mit dem gleichen Recht, mit dem Sie 30 mal soviel verdienen wie ein gleich qualifizierter Inder.« Punkt. Schaber rockt.
moricsala, 06.10.2010
2. .
Wo kann ich faire Milche kaufen? und sagen Sie ja nicht "im internet"!
Koda 06.10.2010
3. Da soll noch einer was von "Landeiern" sagen
"SPIEGEL ONLINE: Bis 1974 haben Sie auf Ihrem Hof noch mit der Hand gemolken. Jetzt sind Sie ein Bauer mit Blackberry, wundert Sie das manchmal? Schaber: So spielt das Leben. Ich kenne aber auch heute noch jede einzelne unserer Kühe. Und 1974, als ich nach der Lehre wieder auf den Hof kam, war meine erste Anschaffung eine Melkmaschine. Auch die Schabers leben nicht hinterm Mond."
taiga, 06.10.2010
4. ...
Zitat von moricsalaWo kann ich faire Milche kaufen? und sagen Sie ja nicht "im internet"!
Steht im Artikel geschrieben: Bei REWE und Tegut.
moricsala, 06.10.2010
5. .
Zitat von taigaSteht im Artikel geschrieben: Bei REWE und Tegut.
ja. klar, nämlich bei REWE in Bayern, BaWü, Hessen und NRW sowie Tegut in Thüringen, Nord-Bayern und Süd-Niedersachsen. Der Rest ist Neese, oder wat? (auf Deutsch: Wer weiss mehr?)
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