Bayer-Chef Wenning "Wir müssen uns vor neuem Protektionismus hüten"

Weltweit kämpfen Konzerne gegen die Wirtschaftskrise - auch der Chemie- und Pharmagigant Bayer ist betroffen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt Vorstandschef Werner Wenning wie er den Konzern durch die Krise manövriert und warnt vor einer Renaissance der abgeschotteten Märkte.


SPIEGEL ONLINE: Herr Wenning, wir erleben Zeiten, die wir nicht für möglich gehalten hätten: Banken werden verstaatlicht, Regierungen spannen Rettungsschirme für Industrien auf. Ist der Staat doch ein besserer Unternehmer als gedacht?

Wenning: Nein, das glaube ich nicht. Es war richtig, das Finanzsystem mit Bürgschaften und frischem Kapital zu stützen. Ein Kollaps hätte verheerende Folgen für die Wirtschaft gehabt – eine Ahnung davon haben wir bekommen, als die US-Investmentbank Lehman Brothers pleiteging. Das gesamte Wirtschaftssystem drohte zusammenzubrechen. Aber wir müssen kritisch hinterfragen, wie die milliardenschweren Konjunkturpakete eingesetzt werden, damit sie nicht bloß ein ökonomisches Strohfeuer entfachen.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland zum Beispiel hat eines über 50 Milliarden Euro geschnürt, das unter anderem Impulse für die Autoindustrie vorsieht. Unterstützen sie das Programm?

Wenning: Das muss man differenziert betrachten. Es ist richtig, dass man jetzt Investitionen in die Infrastruktur vorzieht, die ohnehin getätigt werden müssen. Aber wir sind ein Land der Innovationen. Deshalb sollte auch die Forschung besser unterstützt werden – wie in anderen Ländern auch. Außerdem hätte man die Sozialabgaben und die Steuern stärker senken sollen, das wäre direkt beim Arbeitnehmer und damit beim Konsumenten angekommen.

SPIEGEL ONLINE: Das hätte aber auch langfristig den Haushalt belastet.

Wenning: Das jetzt geschnürte Paket belastet den Haushalt auch in starkem Ausmaß, und die Frage bleibt, wie über zukünftiges Wachstum eine Haushaltskonsolidierung erreicht werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Plädieren Sie für ein weiteres Paket?

Wenning: Man sollte jetzt erst einmal abwarten, wie sich dieses auswirkt.

SPIEGEL ONLINE: Wo merken Sie eigentlich die Krise? Haben Sie Probleme, nötiges Geld aufzutreiben?

Wenning: Nein. Unseren diesjährigen Finanzbedarf bei Bayer können wir aus dem Cashflow bedienen. Wir haben schon in der Vergangenheit alle Transaktionen – wie etwa die Schering-Übernahme – sehr solide finanziert.

SPIEGEL ONLINE: Und im Geschäft – wie wirkt sich die Krise da aus?

Wenning: Wir haben in den vergangenen Jahren unser Portfolio stark verändert, deshalb sind die Auswirkungen der gegenwärtigen Situation für uns überschaubar. Rund 70 Prozent des Geschäfts – also die Bereiche Gesundheit und Landwirtschaft – sind konjunkturunabhängiger. Allein im Kunststoffbereich, wo zum Beispiel viele unserer Kunden aus der Automobilindustrie kommen, sind wir derzeit auch stark betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben erwogen, dort Kurzarbeit anzumelden - und Sie sollen auch über Lohnkürzungen verhandeln.

Wenning: Wir werden keine Kurzarbeit anmelden, sondern haben stattdessen in enger Abstimmung mit den Arbeitnehmervertretern am Freitagabend eine gute Lösung gefunden, wie wir im Bereich unseres Teilkonzerns Material Science – und nur um den geht es - auf die gegenwärtige Konjunktur-Situation reagieren können. Wir werden eine im Flächentarifvertrag für die Chemiebranche vereinbarte Öffnungsklausel anwenden und die wöchentliche Arbeitszeit befristet von derzeit 37,5 auf 35 Stunden im Tarifbereich reduzieren. Für die leitenden Mitarbeiter dieses Teilkonzerns werden wir unter anderem in diesem Jahr vorerst auf Gehaltserhöhungen verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich persönliche Lehren aus der Krise gezogen?

Wenning: Ich fühle mich bestärkt in der These, dass wir nicht durch kurzfristige Gewinnmaximierung unsere langfristigen Ziele aus dem Auge verlieren dürfen. Es wäre jetzt zum Beispiel sehr einfach, Kosten im Forschungsbereich zu sparen und so unsere Zahlen kurzfristig besser aussehen zu lassen. Stattdessen geben wir 2009 hier 2,9 Milliarden Euro aus - mehr als jemals zuvor. Ein weiterer, wichtiger Punkt: Die Welt muss sich wieder mehr auf Nachhaltigkeit besinnen und darf ungeachtet der aktuellen Lage die langfristigen Herausforderungen nicht aus dem Auge verlieren, zum Beispiel die demografische Entwicklung, die Ernährung der Weltbevölkerung, die Sicherung der Energieversorgung und natürlich den Klimaschutz.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren einer der Co-Chairmen des Weltwirtschaftsforums in Davos. Haben Sie den Eindruck, dass die Welt bei der Bewältigung dieser Krise auf einem guten Weg ist – oder verheddert man sich gerade im Streit über die richtigen Lösungen?

Wenning: In einem Punkt waren sich so gut wie alle Teilnehmer einig: Wir brauchen globale Lösungsansätze. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, können wir die Probleme bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Die Realität sieht anders aus: Bei ihren Konjunkturprogrammen kämpfen die Länder scheinbar jedes für sich.

Wenning: Natürlich hat jede Regierung erst einmal das Ziel, die Arbeitsplätze im eigenen Land zu sichern. Und die Bedingungen sind ja auch von Land zu Land sehr unterschiedlich. Aber es sind schon gemeinsame Anstrengungen erkennbar – die EU-Länder etwa sprechen sehr wohl miteinander über ihre Maßnahmen. Wir müssen uns hüten, dass es im Kampf gegen die Krise keinen neuen Protektionismus gibt. Und wir müssen an den Prinzipien der Freien Marktwirtschaft festhalten. Alles andere wäre auf lange Sicht verheerend.

Das Interview führte Anne Seith



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