Bayerische Provinzposse Wie eine Putzfrau beinahe zur Kulturmanagerin aufgestiegen wäre

Selbst die schwierigste Lage birgt immer auch einen Funken Hoffnung. Recht anschaulich belegen lässt sich diese Weisheit am Beispiel des beschaulichen oberfränkischen Städtchens Hof. Dessen chronische Finanznot trug dazu bei, dass die Reinigungskraft des örtlichen Museums zur Kulturmanagerin aufstieg - beinahe jedenfalls.

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Hof: Tritt vors Schienbein der Stadtoberen
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Hof: Tritt vors Schienbein der Stadtoberen

Hof - Begonnen hatte alles mit einer parteiübergreifenden Entscheidung im Stadtrat. Aufgrund der desolaten Haushaltslage sahen sich die Amtsträger gezwungen, das Personal in der Verwaltung umzuschichten. Vor allem im örtlichen Bauhof galt es Löcher zu stopfen.

Das Nachsehen hatte der Leiter des Heimatmuseums und des Stadtarchivs, Arnd Kluge. Im Archiv musste er auf seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter verzichten, im Museum auf zwei Hausmeister. Übrig blieben lediglich zwei Putzfrauen und eine Teilzeit-Schreibkraft im Archiv.

Wenig Personal, wenig Status - dieser Aspekt ließ sich vielleicht noch verschmerzen. Viel schlimmer jedoch war: Die Aufgaben wurden nicht weniger. Im Gegenteil. Im Zuge des jährlich am zweiten Sonntag im Mai stattfindenden Internationalen Museumstages sollte Kluge überdies auch noch das traditionelle Hofer Museumsfest organisieren.

Doch der städtische Beamte wehrte sich auf seine Weise. Er beförderte seine Reinigungskraft Maria Dietel kurzer Hand zur Bevollmächtigten für die Organisation des Museumsfests. "Sie kann schreiben, sie kann lesen, und sie kann telefonieren", begründet Kluge die Entscheidung. Das genüge als Qualifikation für die ihr zugedachte Aufgabe.

Dass man ihr diese durchaus zutrauen kann, hat Dietel bereits bewiesen. Seit Monaten bereits kümmert sich die gelernte Friseurin im Museum um das Tagesgeschäft. Sie schließt auf, verkauft Tickets, betreibt den Museumsshop und macht bisweilen auch einmal eine kleine Führung durch die Ausstellungsräume. Die neue Aufgabe mache seiner Mitarbeiterin Freude, sagt Kluge. Denn die Museumsarbeit sei weniger anstrengend als Putzen. Und Kluge selbst kümmert sich nach Auskunft von Hofer Bürgern ohnehin lieber um die Arbeit im Stadtarchiv.

Die neue Arbeitsteilung hätte sogar geräuschlos funktionieren können, wenn der Beamte sich den kleinen Tritt vors Schienenbein der Stadtoberen verkniffen hätte. Denn tägliche Praxis ist das eine, eine quasi offizielle Verlautbarung aber ist etwas ganz anderes.

Diese offizielle Verlautbarung verschickte Kluge in Form eines Briefs an über 300 Kulturinstitutionen, Vereine und Verbände in Hof und der näheren Umgebung. Darin bat er die Adressaten, sich doch bitte nach Kräften an dem Museumstag zu beteiligen. "Bitte wenden Sie sich telefonisch an unsere Reinigungskraft, welche mit der Organisation des Festes betraut wurde und ihre Meldungen sammeln wird."

Das Schreiben ließ nur eine Interpretation zu und fortan wusste es jeder in der Gegend: Die Putzfrau managt das Museum.

Den Stadtoberen passte die "Beförderung" gar nicht - zumal sie darin, nicht zu Unrecht, auch den öffentlichen Rüffel erblickten, dem Museum und dem Stadtarchiv möglicherweise ein zu strenges Spardiktat auferlegt zu haben. "Der Brief hätte so besser nicht geschrieben werden sollen", sagt denn auch Hofs Kulturbürgermeister, Hans Pechstein, gegenüber der örtlichen Presse. Damit sei weder der Einrichtung der Stadt Hof noch Frau Dietel etwas Gutes getan worden.

Kluge sieht sich jedoch zu Unrecht angegriffen. Er habe den Rat bekommen, künftig mehr zu delegieren: "An wen aber soll ich delegieren, wenn nur Frau Dietel zur Verfügung steht?" So seien eben die Fakten, mit denen er leben müsse, sagt Kluge.

"Sicherlich ist der Fall ein gutes Beispiel dafür, wohin Sparzwänge führen können", räumt Pechstein ein. Andererseits fühle er zwei Seelen in seiner Brust. Denn die in vielen Dingen bewanderte Reinigungskraft habe sich bewährt und erledige ihre Aufgaben mit viel Herzblut.

Der Traum vom Aufstieg zur Kulturmanagerin dürfte für Dietel trotzdem wohl geplatzt sein - dafür ist das Thema in Hof inzwischen "zu politisch", wie eine Kennerin der Szene sagt. Es lässt sich auch aus den Worten Pechsteins herauslesen, der "falsche Eindrücke" auszuräumen versucht: "Wir pfeifen hier nicht aus dem letzten Loch."



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