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17. März 2008, 16:59 Uhr

Bear-Stearns-Desaster

Bush-Regierung redet Finanzkrise klein - Kritiker sehen Parallelen zu 1929

Der Finanzcrash? Nur eine "Herausforderung". Die drohende Rezession? Kein Kommentar. Trotz neuer Horrormeldungen will die US-Regierung von einer Wirtschaftskrise nichts wissen. Die Banken selbst sind skeptischer: Ihnen geht das Geld aus - die Fed ist schon zu weiteren Notkrediten bereit.

New York - Aktives Krisenmanagement sieht anders aus. Die traditionsreiche Investmentbank Bear Stearns bricht zusammen, Börsenpanik erfasst die Wall Street - doch die Regierung von Präsident George W. Bush verhält sich erstaunlich ruhig.

US-Finanzminister Paulson: "Unsere Wirtschaft hat wie jede andere ihre Hochs und Tiefs."
AFP

US-Finanzminister Paulson: "Unsere Wirtschaft hat wie jede andere ihre Hochs und Tiefs."

Statt sofort nach New York zu fliegen, bleibt Finanzminister Henry Paulson in Washington, das Gleiche gilt für seine beiden Stellvertreter. An den Krisengesprächen der US-Notenbank Fed und mehrerer Privatbanken nimmt laut "New York Times" kein hochrangiges Kabinettsmitglied teil. Paulson lässt sich lediglich telefonisch zuschalten.

Verschläft die Bush-Regierung gerade eine der größten Wirtschaftskatastrophen der vergangenen Jahrzehnte? Der Verdacht liegt zumindest nahe.

Kritiker warnen bereits vor einem Crash wie 1929. Damals hatte der "Black Friday" die Weltwirtschaftskrise ausgelöst - doch die Regierung unter dem republikanischen Präsidenten Herbert Hoover sah untätig zu. Das treffe nun auch auf Bush zu, wirft ihm der demokratische Senator Charles Schumer aus New York in der "International Herald Tribune" vor. "Der Präsident benimmt sich wie Hoover." Dabei befänden sich die USA "in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit langem, weit schlimmer als 2001".

"Unsere ökonomischen Daten sind in Ordnung"

Die Regierung selbst gibt sich gelassen. Trotz Immobilienkrise und drohender Rezession verbreitet Finanzminister Paulson Optimismus: "Unsere Wirtschaft hat wie jede andere auch ihre Hochs und Tiefs. Unsere langfristigen ökonomischen Daten sind in Ordnung." Natürlich gebe es gewisse "Herausforderungen", aber mit denen werde man schon fertig. "Ich bin sicher, dass die Anstrengungen der Kontrollinstanzen und der Marktteilnehmer die Verwerfungen minimieren."

Immerhin will sich Bush heute mit renommierten Finanzexperten treffen, neben Paulson wird auch Fed-Chef Ben Bernanke erwartet. Der oberste Währungshüter der USA gilt als ausgewiesener Fachmann für Fragen rund um die Great Depression in den dreißiger Jahren - früher hat er dazu geforscht, wie eine Finanzmarktkrise einen allgemeinen wirtschaftlichen Abschwung verschärfen kann.

Allzu durchgreifende Beschlüsse dürfte der Präsident allerdings nicht fassen. Er sei ein "optimistischer Typ", feixte Bush am Freitag vor Börsenexperten. Schon bald würden die USA "den wirtschaftlichen Neid der Welt" wecken.

Paulson hält sich mit konkreten Maßnahmen ebenfalls zurück. In mehreren Fernsehsendungen wich er der Frage aus, ob die Regierung bereit sei, nach Bear Stearns auch andere Investmentbanken mit ähnlichen Problemen zu retten. "Ich bin sicher, sie werden aus dieser Situation gestärkt herauskommen." Die Frage, ob sich die USA bereits in einer Rezession befinden, ließ der Finanzminister ebenfalls unbeantwortet.

Nur eines stellte Paulson klar: Ein zweites Konjunkturpaket, wie es die Demokraten für staatliche Interventionen auf dem Immobilienmarkt fordern, werde es mit ihm nicht geben. In einem ersten Paket hatte die Regierung Bush 170 Milliarden Dollar locker gemacht - damit soll es nun aber auch gut sein.

Deutlich aktiver ist da die Notenbank. Ihr Chef Bernanke sagte in einer Pressekonferenz, die Fed sei bereit, Finanzinstituten Geld zu geben, wenn sie es brauchen. "Das Ziel der Federal Reserve sind liquide, gut funktionierende Finanzmärkte. Sie sind für das Wirtschaftswachstum essentiell." Erst am vergangenen Dienstag hatte die Fed ein 200-Milliarden-Dollar-Kreditprogramm für die größten Privatbanken des Landes aufgelegt - allerdings hatte es die Märkte kaum beruhigt.

"Wenigstens so tun als ob"

Manche Finanzexperten zweifeln grundsätzlich, ob die umfassenden Bemühungen der Fed das eigentliche Problem überhaupt lösen können. "Notfallkredite sind nötig, aber nicht ausreichend", sagt Lawrence Summers, der frühere Finanzminister der Regierung Bill Clinton, in der "New York Times". "Das fundamentale Problem ist, dass dem Finanzsystem aus sich selbst heraus Kapital fehlt." Mit anderen Worten: Die Banken haben sich mit ihrer bisherigen Kreditvergabepraxis selbst in die Krise gestürzt - und da kann auch die Fed nur begrenzt helfen.

Das sehen sogar die Finanzinstitute selbst so. Die Finanzspritze der Fed sei ungenügend, sagt David Rosenberg, Chefökonom bei Merrill Lynch . "Sie spricht das zugrunde liegende Kreditproblem nicht an, sie verbessert die Liquidität der betroffenen Institutionen nicht wesentlich, und sie tut nichts, um die Immobilienpreise zu stabilisieren."

Richard Fuld, Vorstandschef der Investmentbank Lehman Brothers , kehrte schon vorzeitig von einer Indienreise nach New York zurück. Der Grund laut "Wall Street Journal": Sorgen, dass auch andere Finanzfirmen und Geschäftsbanken auf unsicherem Boden stünden.

Umso erstaunlicher, wie ruhig sich der Präsident verhält. "In Krisenzeiten", schreibt Kolumnistin Gail Collins, "sollte man doch glauben, dass der Staatschef die Größe hat, wenigstens so zu tun, als habe er alles unter Kontrolle."

wal

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