Beckers Internet-Pleite "Von Beginn an war bei Sportgate Sand im Getriebe"

Mit einer geschickt lancierten Meldung versucht Ex-Tennisstar Boris Becker das Desaster bei seinem Internet-Projekt Sportgate auf andere abzuschieben. Doch die lassen das nicht auf sich sitzen.

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Sucht nach Schuldigen für seine Pleite: Boris Becker
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Sucht nach Schuldigen für seine Pleite: Boris Becker

Auf den Top-Society-Events rund um den Erdball sieht man Boris Becker oft und gern. Mit einem ganzen Tross anderer Promis reist Becker um die Welt und verbreitet gute Laune. In Monte Carlo, Monaco oder bei seiner Ex-Frau Barbara Feltus in Miami. In RTL-Reportagen gibt sich das Sportidol als routinierter Geschäftsmann mit Privatflieger und Laptop - immer erreichbar für seine Kunden.

Manch einer seiner Geschäftspartner würde sich wünschen, dass dies auch die Realität wäre. Zum Beispiel der ehemalige RTL-Chef Helmut Thoma. Er ist als Vorstand der Internet-Firma Sportgate eingesetzt, an der Becker 55 Prozent der Anteile hält. Doch für Thoma ist Becker schon seit einem dreiviertel Jahr nicht erreichbar. Anrufe werden nicht erwidert, obwohl sich Becker regelmäßig in Deutschland aufhält. "Das letzte Mal habe ich Herrn Becker beim Champions-League-Finale in Mailand gesehen, doch danach musste er gleich wieder weg, ich glaube nach Monte Carlo", lästert Thoma über den Geschäftspartner Becker.

Dabei gäbe es einiges zu klären zwischen den beiden, denn Sportgate steht kurz vor der Pleite. Das Angebot, das erst im März online ging, sollte ursprünglich als Plattform für Sportvereine und Sportinteressierte dienen und im vergangenen Sommer zu den Olympischen Spielen an den Start gehen. Dazu hatte Becker den Vorsitzenden des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, mit ins Boot geholt, der seine 27 Millionen Mitglieder als Kunden mitbringen sollte. Paulus Neef, Chef des weltweit agierenden Internet-Unternehmens Pixelpark, wurde ebenfalls als Partner gewonnen. Er sollte sich mit seiner Firma um die Technik kümmern. Für die entsprechenden Werbekunden sollte Thoma zuständig sein.

Doch bisher läuft bei Sportgate bis auf einige Agenturmeldungen zu Sportereignissen nicht viel. Von einem interaktiven Portal ist die Homepage noch genauso weit entfernt, wie von dem großspurig angekündigten Ziel, bis zum Sommer zwei Millionen Kunden zu erreichen.

Gerüchte um finanzielle Schieflagen gab es schon lange. Am Freitag schließlich titelte die "Bild"-Zeitung: "Boris Firma vor der Pleite" und berichtet weiter, bereits am Montag werde ein Konkursverfahren eingeleitet. Der Schuldige ist in dem "Bild"-Beitrag schnell gefunden: der zweite Gesellschafter Paulus Neef. Ihm gehören 35 Prozent von Sportgate. Angeblich, so "Bild", will Neef einen vertraglich vereinbarten "Nachschuss" an neuem Kapital von mehr als drei Millionen Mark nicht zahlen.

Eine der Quellen für den Bericht: Vorstand Helmut Thoma. Der jedoch wundert sich über die Darstellung. "Es ist zwar richtig, dass Herr Neef kein weiteres Geld bezahlen will, doch Herr Becker verhält sich genauso", sagte Thoma SPIEGEL ONLINE am Freitag. Dies habe er genauso gegenüber der "Bild"-Zeitung geäußert. Warum jedoch die Darstellung in der Zeitung ausschließlich auf Neef zielt, ist dem Medienprofi ein Rätsel.

Für Eingeweihte jedoch ist dieser Vorgang weniger erstaunlich, vor allem wenn sie den Autor des Beitrags sehen - den Sportreporter Rolf Hauschild. Schon während der zehrenden Verhandlungen zu Beckers Scheidung stand der Journalist immer an Beckers Seite und berichtete exklusiv aus seinem Innenleben. Mit Wortschöpfungen wie dem mittlerweile in die Umgangssprache eingeführten "Samenraub" machte Hauschild Schlagzeilen, die Becker jedoch meist ganz gut aussehen ließen. Und auch am Freitag ging der Becker-Freund mit seinem Schützling schonend um und fragte stellvertretend für die Millionen "Bild"-Leser: "Verlässt ihn sein Glück?"

Für Sportgate-Vorstand Thoma stellt sich die Lage anders dar. "Von Beginn an war bei Sportgate Sand im Getriebe", sagte er. "Mit meiner eigentlichen Aufgabe - der Kundenwerbung - konnte ich noch gar nicht beginnen, da ich ja noch gar nichts zeigen konnte", mosert der Österreicher. Offenbar habe Boris Becker mit seinem Privatleben so viel zu tun, dass er für die Firma keine Zeit habe. Ähnliches ist auch von den Mitarbeitern bei Sportgate zu hören. "Von Herrn Becker haben wir hier nicht viel gesehen", sagte ein Programmierer, der nun um seinen Job fürchtet.

Von den anderen Sportgate-Vorständen, vor allem dem Finanzchef Marcel Reichart, war am Freitag niemand zu sprechen. Die Lage im Moment jedoch sei ganz klar, betonte Thoma: Demnach seien sowohl Becker als auch Neef vertraglich verpflichtet, eine Summe von insgesamt rund sechs Millionen Mark in die Gesellschaft einzubringen. Davon trage den größeren Teil Becker.

Das Geld wird dringend benötigt. Insgesamt hat die Firma rund eine Million Mark Schulden. "Mit dem Rest des Geldes soll dann das Portal aufgebaut werden", sagte Thoma. Doch bisher weigern sich Neef und Becker, ihren Beitrag zu zahlen. Mehrere Krisengespräche scheiterten und Becker ist vor Pfingsten wieder nach Miami entschwunden.

Am Wochenende wollen die Parteien einen letzten Schlichtungsversuch unternehmen. Becker wird dabei durch einen Berater vertreten. "Wenn sich beide dann nicht einigen, müssen wir am Montag mit dem Konkursverfahren beginnen, damit die Gläubiger ihr Geld bekommen", so Thoma.



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