Behinderten-Arbeit Sozial-Supermärkte erobern neue Nischen

In den Lebensmittelmärkten der Kette CAP finden behinderte Menschen eine Arbeit, die sie fordert. Manche räumen Ware in die Regale, andere übernehmen auch Management-Aufgaben. Bei Kunden kommt das Konzept an - bis Dezember eröffnen bundesweit sechs neue Filialen.

Von


CAP-Mitarbeiter Eggers: "Ich bestelle gern"
Matthias Streitz

CAP-Mitarbeiter Eggers: "Ich bestelle gern"

Hamburg - An seinem Arbeitsplatz ist Knut Eggers ein echter Allrounder. Wenn er gut drauf ist, kümmert er sich um sämtliche Abteilungen. "Eigentlich sind ja die Spirituosen-Regale mein Wirkungskreis", sagt er. "Aber heute habe ich im Backshop gearbeitet. Manchmal fahre ich mit bei Auslieferungen oder bestelle bis zu 50 Prozent unserer Waren mit - ich bestelle gern."

Knut Eggers ist 43 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr im Supermarkt im Hamburger Stadtteil Bramfeld. Im Dienst trägt einen weißen Kittel, auf dem in rot-gelb-grün das Logo "CAP" prangt. Das kommt von Handicap und ist eines der Indizien dafür, dass der 460-Quadratmeter-Laden anders ist als ein Spar oder Edeka - auch wenn er mit seinen Obst-Auslagen am Eingang und den 15.000 verschiedenen Produkten in den Regalen fast ebenso aussieht.

Außer Eggers arbeiten noch 24 Mitarbeiter im Markt an der Bengelsdorfstraße. Ein paar von ihnen - der Marktleiter, sein Vize, der Fleischer - sind ausgebildete Fachleute, die 19 anderen gelten als geistig oder psychisch behindert. Eggers selbst beschreibt sich als "ein bisschen depressiv, ein bisschen langsam". Es gibt Tage, an denen er nicht so gut drauf ist. "Dann kann ich jederzeit sagen: 'Du, ich kann heute nicht an der Kasse arbeiten.'" Im CAP-Markt ist das kein Problem.

Expansion nach Norden

Marktchef Vitense vor der Hamburger Filiale: "Gruppengefühl ausgeprägt"
Matthias Streitz

Marktchef Vitense vor der Hamburger Filiale: "Gruppengefühl ausgeprägt"

29 Märkte dieser Art, die für behinderte Menschen ein Stück normale Arbeitswelt versprechen, gibt es bisher bundesweit. Die meisten stehen im Südwesten in Orten wie Bietigheim-Bissingen, Calw oder Weinstadt-Beutelsbach. Derzeit aber macht alle paar Wochen eine neue Filiale mit dem gelb-grün-roten Logo auf. "Bis zum Ende des Jahres wollen wir sechs zusätzliche Märkte eröffnen", sagt Thomas Heckmann von der Genossenschaft der Werkstätten für Behinderte (GDW), der das Projekt CAP koordiniert. "Im kommenden Jahr sollen es noch einmal 15 sein." Schwerpunkt der Expansion ist Nordrhein-Westfalen. Auch in Sachsen oder Niedersachsen, bisher weiße Flecken auf der CAP-Landkarte, gibt es demnächst erste Filialen.

Heckmann ist ein alter Einzelhandelsprofi - er hat zwölf Jahre bei Spar, zwölf bei Edeka und drei bei Lekkerland gearbeitet, bevor er 2001 bei dem Behinderten-Projekt anheuerte. "CAP funktioniert nach dem Franchise-System", erklärt er. Von der GDW-Zentrale in Sindelfingen aus steuert Heckmann den Einkauf, berät bei der Standortwahl oder organisiert Fortbildungskurse für die behinderten CAP-Mitarbeiter. Die Filialen vor Ort werden von wechselnden lokalen Trägern betrieben: Mal ist es eine Diakonie, mal die Caritas, dann wieder eine eigens gegründete Integrationsfirma oder eine Behindertenwerkstatt.

Bürgermeister beißen an

"In der letzten Zeit haben diese Träger gemerkt, dass unser Konzept gut funktioniert", sagt Heckmann - daher die verstärkte Expansion. Als 1999 die allererste Filiale in Herrenberg eröffnete, verbanden sich noch viele Fragen mit dem Projekt: Würden die behinderten Mitarbeiter überfordert sein? Würden genug Kunden kommen? Inzwischen sind fast alle Zweifel ausgeräumt. "Von unseren 29 Standorten spielen 27 zumindest ihre Kosten wieder ein", sagt Heckmann. Mehr ist nicht nötig, CAP arbeitet nicht profitorientiert. Die Märkte werden aus der "Ausgleichsabgabe" bezuschusst - diese Sanktionsgelder entrichten Firmen, die ihre Quoten für schwer behinderte Angestellte nicht erfüllen. Die Mitarbeiter in den meisten CAP-Filialen verdienen den normalen Tariflohn.

Obstauslage: Das Sortiment entspricht dem eines normalen Supermarktes - außerdem werden Artikel wie Bürsten oder Tee verkauft, die aus Behindertenwerkstätten stammen
Matthias Streitz

Obstauslage: Das Sortiment entspricht dem eines normalen Supermarktes - außerdem werden Artikel wie Bürsten oder Tee verkauft, die aus Behindertenwerkstätten stammen

"Mittlerweile werde ich oft von Bürgermeistern angesprochen, die auch einen CAP-Markt für ihre Gemeinde wollen", berichtet Heckmann. Denn zum Konzept der Kette gehört auch, dass sie sich in Lagen ansiedeln, für die sich kein anderer Anbieter mehr interessiert: in dünn besiedelten Vororten und Kleinstädten. "Wir haben schon Märkte übernommen, die Lidl, Plus, Edeka oder Rewe nicht weiter betreiben wollten", sagt der CAP-Koordinator. Die Kette bedient dort Kunden, die kein Auto haben, um den Märkten auf die "grüne Wiese" zu folgen. "Das Problem wird ja immer drängender, weil unsere Gesellschaft älter und immobiler wird", glaubt Heckmann.

In Hamburg ist der Markt im Juni 2003 in eine frühere Spar-Filiale gezogen. "Das Gebäude hat ein Jahr lang leer gestanden", sagt Hajo Vitense, der Marktleiter. Es ist ein Freitag gegen 16 Uhr: Mütter mit Kindern schieben ihre Einkaufswagen durch die Reihen, auch auffällig viele Frauen um die 70 zählen zu den Kunden. Rund um den Markt stehen Dutzende Häuserblocks, 3500 Menschen wohnen im Umkreis - doch einen weiteren Supermarkt mit Vollsortiment gibt es nicht, nur einen Penny einen Kilometer entfernt.

Eskorte vom Markt bis zur Haustür

"Es gibt sehr viele Ältere in der Gegend, die teilweise kaum noch laufen können", sagt der Marktleiter. "Für die wollen wir unseren Lieferservice, für den wir nichts extra berechnen, demnächst täglich anbieten." Die Durchschnittspreise bei CAP liegen über denen von Lidl & Co. "Dafür heben wir uns beim Service ab, weil wir 25 Mitarbeiter haben", meint Vitense. "In einem normalen Markt wären Sie mit höchstens acht Leuten dabei, Vollzeit und Teilzeit." Bisweilen eskortieren CAP-Mitarbeiter ältere Kunden mitsamt Einkäufen gar bis zur Tür ihres Hauses.

Die Bramfelder Filiale wird von den Winterhuder Werkstätten (WWB) betrieben - eine von vier Behindertenwerkstätten der Hansestadt. Rund 650 behinderte Menschen arbeiten für die Einrichtung, typischerweise erledigen sie handwerkliche Routinejobs, verpacken Waren für Industriekunden. "Im Schnitt finden nur ein Prozent dieser Mitarbeiter den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt", sagt Wilfried Kahle, der bei den Werkstätten Projekte wie CAP leitet. "Die Chancen für eine Integration sind beim CAP-Konzept natürlich besser - die Mitarbeiter haben hier ja täglich Kontakt mit Kunden und können beweisen, was sie können." 2006 wollen die Winterhuder einen weiteren Markt aufmachen, "wir suchen einen Standort", sagt Kahle.

"Meine eigene Bude"

Weil die Belegschaft sogemischt ist, gibt es natürlich Konflikte bei CAP. "Das Gruppengefühl ist hier sehr ausgeprägt", sagt Vitense, "aber man braucht ein bisschen Fingerspitzengefühl." Manchmal müsse er Dinge zehn Mal erklären - "und am nächsten Tag gleich noch mal." Gerade an der Kasse kommt es häufiger zu Problemen, wenn Mitarbeiter streiten, wer wann Pause machen darf. Es gebe auch immer wieder einzelne Kunden, "die total ungehalten sind", weil irgendeine kleinere Panne passiert sei, vielleicht ein Preis falsch ausgeschildert ist, ergänzt Joachim Statsch, der Vize-Marktleiter. "Aber 90 Prozent haben sich gut auf uns eingestellt und kommen gern."

Mitarbeiterin Pawlicki: Guter Draht zu Stammkunden
Matthias Streitz

Mitarbeiterin Pawlicki: Guter Draht zu Stammkunden

Wie gut das Projekt CAP funktionieren kann, merkt man auch, wenn man sich mit Patricia Pawlicki unterhält. Seit 15 Jahren arbeitet die geistig behinderte Frau für die Winterhuder Werkstätten, die letzten zwei Jahre davon im Schichtdienst im Bramfelder Markt. "Hier ist es besser", sagt sie zu ihrem Job: "Man kann mit Kunden klönen, beraten." Immer wieder spricht sie Einkaufende an und gibt ihnen Tipps: "Das schmeckt gut, da ist eine Frikadelle drin."

Pawlicki ist 34 Jahre alt, parallel zu ihrer Vollzeitarbeit besucht sie einen Lesekurs: "Ich gehe zur Schule, immer montags." Sie wohnt bei ihrer Mutter - noch. Die Pädagogen bei den Werkstätten glauben, dass sie irgendwann selbständig genug sein wird, um in eine Wohnung mit Betreuung umzuziehen. Das wird wohl erst in ein, zwei Jahren so weit sein, aber Pawlicki freut sich schon jetzt: "Ich krieg' meine eigene Bude."



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.