Murks-Projekte: "Die meisten Projektmanager sind Dummköpfe oder Lügner"

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Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Flughafen Berlin Brandenburg - bei praktisch jedem Groß-Bauprojekt schießen die Ausgaben in vorher ungeahnte Höhen. Mit einer einfachen Methode will ein Professor aus Oxford Kostenexplosionen stoppen.

Gepäckband im Großflughafen Berlin Brandenburg: "Hang zum Optimismus" einpreisen Zur Großansicht
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Gepäckband im Großflughafen Berlin Brandenburg: "Hang zum Optimismus" einpreisen

Hamburg - Wenn Klaus Wowereit in diesen Tagen Aufmunterung braucht, muss er nur nach Hamburg schauen. Der Flughafen, als dessen Aufsichtsratsvorsitzender er gerade zurückgetreten ist, wird zwei Jahre später fertig als geplant und doppelt so teuer?

Nichts gegen die Elbphilharmonie: Hamburgs unseliges Konzerthaus bleibt wohl bis 2016 unvollendet, satte sechs Jahre länger als gedacht. Und gegen die fast achtfache Kostensteigerung bei der Elbphilharmonie wäre Berlins Airport selbst dann noch ein Schnäppchen, wenn die Schadensersatzklagen mehrerer Fluglinien wegen der verspäteten Eröffnung Erfolg haben sollten.

Für Bent Flyvbjerg, Professor für Stadtplanung an der Universität Oxford, sind die Hiobsbotschaften von deutschen Großbaustellen kein Zufall:"Die meisten Projektmanager sind Dummköpfe oder Lügner", sagt der Volkswirt. Um den Zuschlag zu bekommen, würden Baufirmen die Kosten ihres Vorschlags regelmäßig als möglichst niedrig darstellen, den wirtschaftlichen Nutzen als gewaltig und die Bauzeit als minimal. Und Politiker, gierig nach Prestigeprojekten und Fotogelegenheiten beim Spatenstich, würden ihnen nur zu gerne glauben.

Dazu kämen allzumenschliche Planungsfehler: Wer Monate seiner Arbeitszeit in die Planung eines Projekts steckt, will einfach ans Gelingen glauben - und blendet Problemchen beim Brandschutz im Dienste der Vision einfach mal aus. "Hang zum Optimismus", nennt das der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman.

Lob vom Nobelpreisträger

Um die Steuerzahler vor den Dummköpfen und Lügnern zu schützen, hat Flyvbjerg Hunderte Straßenbau-, Bahn- und andere Bauprojekte untersucht, darunter auch die Expo 2000 in Hannover. Er vergleicht die ursprünglich veranschlagten und die tatsächlichen Kosten aller Projekte und errechnet für verschiedene Projekttypen einen Faktor, um den die Kosten bei vergleichbaren Bauten im Durchschnitt stiegen.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die weltweit 260 Großprojekte in Flyvbjergs Datenbank kosteten im Durchschnitt rund ein Drittel mehr als geplant. Bahnbauten schossen im Mittel sogar 45 Prozent über das Budget hinaus. Das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist mit seinen Kostensteigerungen also in guter Gesellschaft. "Man darf den Planern nicht die Prognose überlassen", sagt der dänischstämmige Professor.

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Elbphilharmonie, Stuttgart 21 und Co.: Teure Prestigeprojekte
Seine Lösung: Bei jedem neuen Vorhaben müssten die geplanten Kosten um den jeweiligen Faktor der Vergleichsprojekte erhöht werden. Auch geschätzter Nutzen und prognostizierte Bauzeit neuer Bahnhöfe oder Flughäfen werden so schon vor Baubeginn einem Realitätscheck unterzogen. In seinem Bestseller "Schnelles Denken, langsames Denken" lobt Nobelpreisträger Kahneman Flyvbjergs Ansatz als "den wichtigsten Vorschlag, um die Genauigkeit von Prognosen zu verbessern".

Im Bundesverkehrsministerium ist die Methode bisher nicht bekannt. Ein Sprecher des Ministeriums hält sie aber auch nicht für sehr überzeugend: "Jedes Großprojekt hat Eigenheiten. Bei Stuttgart 21 gibt es zum Beispiel bei den Tunneln unvorhersehbare Unwägbarkeiten. Das vorher einzupreisen halte ich für schwierig." Flyvbjerg kontert: "Bei jedem Projekt kann man von Vorgängern lernen." Wo sich Planer einem Vergleich entziehen wollen, indem sie auf die Einzigartigkeit ihres Projekts verweisen, lägen die Kosten meist am deutlichsten über dem Budget.

"Hang zum Optimismus" eingepreist

In anderen Ländern wird Flyvbjergs Methode bereits erfolgreich angewendet: In Großbritannien müssen Baufirmen schon seit 2004 die Erfahrungen aus ähnlichen Projekten in ihren Kostenvoranschlag einbeziehen, um an öffentliche Aufträge zu kommen. Ein Projekt muss sich auch dann noch lohnen, wenn der "Hang zum Optimismus" eingepreist ist.

Der Budgetplan der "Crossrail"-Bahntrasse quer durch London, aktuell Europas größtes Verkehrsprojekt, musste nach einer Überprüfung anhand der Flyvbjerg-Methode prompt von zwölf auf fast 16 Milliarden Pfund (19,5 Milliarden Euro) hochgeschraubt werden. "Es kommt manchmal sogar vor, dass zu viel Geld für ein Projekt bewilligt wird. Aber besser so als zu wenig", sagt Flyvbjerg.

Inzwischen gibt es auch in Deutschland das Interesse an Flyvbjergs Vorschlag - aber nur in größter Not: Vor sechs Monaten habe er einen Hilferuf von den Planern des Berliner Flughafens erhalten. "Sie wollten wissen, wie sie den damals geplanten Zeitpunkt der Fertigstellung noch einhalten können", sagt Flyvbjerg. "Aber dafür war es da natürlich schon reichlich spät."

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insgesamt 199 Beiträge
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1. Projektmanager sind Dummköpfe oder Lügner
shnirley 10.01.2013
Ich find's ziemlich anmaßend, eine ganze Berufsgruppe die auch in anderen Branchen arbeitet mit einer so simplen Argumentation zu diskreditieren. Zumeist sind es außerdem nicht die späteren Projektmanager, die im Vertrieb den Angebotsprozess verantworten ...
2. gebremstes Denken
der-denker 10.01.2013
In Deutschland herrscht eher gebremstes Denken vor, zumindest auf Politik- und "Elite"-Ebene. Gerade Skandinavier und Niederländer, Gesellschaften übrigens die eher egalitär sind, sind deutlich innovationsfreudiger. Bei uns wird immer erst mal jahrelang zugeschaut wie andere es machen. Das bezieht sich auf alle Bereiche, wie Erziehung, Verkehr, Strafrecht, Ökologie, Städtebau, usw...
3. nichts Neues
testi 10.01.2013
Hier wird vergessen, dass die meisten auch Schwätzer sind, sonst wären sie nicht an diesen Posten gekommen. Fachleute findet man in solchen Positionen in der Regel nicht.
4. Die einfache Version
dafe 10.01.2013
bei Ausschreibung und Vergabevorauswahl: alle Angebote sammeln, billigste und teuerste rausschmeißen (gestutztes Mittel bleibt übrig...), dann erst anschauen. Wird wohl gemacht. Nein, nicht in Dtl.
5. .
frubi 10.01.2013
Zitat von shnirleyIch find's ziemlich anmaßend, eine ganze Berufsgruppe die auch in anderen Branchen arbeitet mit einer so simplen Argumentation zu diskreditieren. Zumeist sind es außerdem nicht die späteren Projektmanager, die im Vertrieb den Angebotsprozess verantworten ...
Sehe ich auchso. Es müsste aber definitiv mal geklärt werden, wer demnächst für eine solche Fehlkalkulation aufkommt. Mir drängt sich auch der Verdacht auf, dass man bei öffentlichen Projekten gerne mal über das Ziel hinaus schießt, weil das Steuersäckle immer weiter geöffnet wird.
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Berliner Flughafen - eine Chronologie
Die Idee für einen einzigen Berliner Großflughafen, der die Airports in Tegel, Tempelhof und Schönefeld ersetzen soll, entstand bereits kurz nach dem Mauerfall. Doch mehr als 23 Jahre nach der Wende ist der Flughafen noch immer nicht in Betrieb - die Eröffnung muss immer wieder verschoben werden.
Dezember 1991
Die Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF) wird gegründet. Gesellschafter sind die Länder Berlin und Brandenburg.
Januar 1992
Die Planungen für den Airport starten unter dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.
Juni 1996
Die Gesellschafter entscheiden sich für den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof.
August 2004
Das Genehmigungsverfahren geht zu Ende, im Planfeststellungsbeschluss gibt es grünes Licht für BBI - es kann unter Auflagen gebaut werden. Im Oktober reichen Tausende Gegner beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klagen ein.
April 2005
Das Bundesverwaltungsgericht gibt Eilanträgen mehrerer Anwohner statt - und verhängt einen weitgehenden Baustopp bis zu seiner endgültigen Entscheidung. Zulässig sind nur Bauvorbereitungen.
März 2006
Das Gericht genehmigt in letzter Instanz den Bau des BBI unter verschärften Lärmschutzauflagen.
Juli 2008
Der erste Spatenstich für den Flughafen-Terminal wird gesetzt.
Oktober 2008
Nach 85 Jahren Betriebszeit macht der Flughafen Tempelhof dicht.
Juni 2010
Wegen der Pleite einer Planungsfirma und verschärften Sicherheitsbestimmungen wird die für November 2011 geplante Eröffnung des Flughafens auf den 3. Juni 2012 verschoben. Doch auch dieser Termin wird sich nicht halten lassen.
September 2010
Die Deutsche Flugsicherung legt einen ersten Flugrouten-Vorschlag vor. Tausende Betroffene gehen dagegen auf die Straße. Es gibt neue Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss.
Oktober 2011
Das Bundesverwaltungsgericht gibt grünes Licht für nächtliche Flüge in den Randzeiten. Der Airport kann ohne weitere Einschränkungen an den Start gehen.
Januar 2012
Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung legt die Flugrouten fest und folgt im Wesentlichen einem Vorschlag der Fluglärmkommission aus Gemeinde- und Airline-Vertretern. Am Müggelsee geht der Protest weiter. Initiativen kündigen weitere Klagen an.
Mai 2012
Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen die Eröffnung des Flughafens wieder abgesagt. In der darauffolgenden Woche verschiebt der Aufsichtsrat die Eröffnung auf den 17. März 2013. Chef-Planer Manfred Körtgen wird entlassen.
Juni 2012
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entscheidet, dass die Anwohner des Flughafens ein Recht auf besseren Schallschutz haben. Für die Betreiber bedeutet das weitere Kosten. Am 22. Juni entscheidet der Aufsichtsrat, den Starttermin 17. März erneut zu prüfen und im August darüber zu entscheiden. Der Flughafen soll gut eine Milliarde Euro teurer werden als geplant und insgesamt mehr als vier Milliarden Euro kosten.
September 2012
Der Termin im Frühjahr 2013 wird ebenfalls gestrichen, weil die Arbeiten mehr Zeit brauchen. Der neue Technikchef Horst Amann hält eine Eröffnung des Flughafens Ende Oktober 2013 für machbar. Außerdem fallen mehr Kosten an: Es gibt eine Finanzlücke von rund 1,2 Milliarden Euro, die Berlin, Brandenburg und der Bund gemeinsam füllen müssen. Das Geld soll für Baumaßnahmen, den Lärmschutz und Mehrkosten durch die Verschiebung ausgegeben werden. Damit sind die Gesamtkosten auf rund 4,3 Milliarden Euro gestiegen.
Dezember 2012
Mehrere Gutachten werden bekannt, laut denen der Flughafen für die Zahl der erwarteten Passagiere zu klein geplant ist. Sowohl die Check-in-Schalter als auch die Gepäckbänder sollen schon bei der Inbetriebnahme des Flughafens voll ausgelastet sein.
Januar 2013
Wowereit kündigt an, das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Flughafengesellschaft an Platzeck abzugeben, nachdem der neue Technikchef Horst Amann den Eröffnungstermin im Oktober 2013 als nicht mehr haltbar bezeichnet hat. Auf einer vorgezogenen Aufsichtsratssitzung am 16. Januar soll auch über eine mögliche Ablösung von Flughafen-Chef Rainer Schwarz beraten werden. Grund für die neuen Verzögerungen sollen Medienberichten zufolge Baufehler insbesondere beim Brandschutz sein.

Hamburger Elbphilharmonie