"Durchlöchert wie ein Schweizer Käse" Hunderte Schächte in NRW vom Einsturz bedroht

An vielen Stellen des Ruhrgebiets sackt immer wieder plötzlich der Boden ab - ein Erbe des Bergbaus. Nach SPIEGEL-Informationen besteht bei mehr als 1000 verlassenen Schächten ein erhöhtes Risiko.

Krater in Höntrop (Bochum-Wattenscheid; Archivfoto 2000)
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Krater in Höntrop (Bochum-Wattenscheid; Archivfoto 2000)

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Der Steinkohlebergbau in Nordrhein-Westfalen hat Hunderte stillgelegte Schächte und Hohlräume hinterlassen, die potenziell vom Einsturz bedroht sind. Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Antwort der Landesregierung auf eine Große Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die dem SPIEGEL vorliegt.

Demnach fallen rund 2500 verlassene Schächte in die Zuständigkeit des Landes NRW. Bei knapp 40 Prozent dieser Schächte muss mit einem sogenannten Tagesbruch gerechnet werden, also mit Rissen oder Kratern, die an der Oberfläche auftreten.

Grund dafür ist, dass die Füllung, die einst die Schächte versiegeln sollte, abgehen kann. Laut Regierung bedeute das "ein langfristig nicht zu akzeptierendes Risiko". Das Land gibt im Schnitt jedes Jahr pro Schacht knapp 129.000 Euro aus, um diese zu sichern.

Bei 65 Schächten kann die Bergbehörde NRW die exakte Lage derzeit nicht bestimmen. Offenbar sind die Informationen über den behördlich zugelassenen Bergbau unvollständig. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges seien Unterlagen wie Grubenbilder verloren gegangen, schreibt die Regierung in ihrer Antwort. Sie schätzt, dass es in NRW insgesamt circa 60.000 verlassene Tagesöffnungen des Bergbaus gibt.

"Teile Nordrhein-Westfalens sind durch den Bergbau durchlöchert wie ein Schweizer Käse", sagte die Grünen-Landtagsabgeordnete Wibke Brems, die in ihrer Fraktion Sprecherin für Bergbausicherheit ist. "Leider wissen wir noch viel zu wenig über das Problem und seine Folgen."

In Bochum könnten 43 Prozent des Stadtgebiets gefährdet sein

Besorgniserregend seien vor allem die Risiken, die durch den tages- und oberflächennahen Bergbau entstanden, der in einer Tiefe von bis zu 100 Meter vorgenommen wurde. Die Bergbehörde geht davon aus, dass in NRW Flächen mit einer Gesamtgröße von 267 Quadratkilometern "von Einwirkungen des tages- und oberflächennahen Bergbaus betroffen sein können". Dort hatten einst Unternehmen wie die RAG, E.on, RWE und Thyssenkrupp Real Estate die Konzessionen für den Bergbau erhalten. Allein in Bochum können sich auf einer Fläche von 63 Quadratkilometer gefährliche Hohlräumen unter der Erde befinden, das sind 43 Prozent des gesamten Stadtgebiets.

Gelände der Consol-Zeche in Gelsenkirchen
imago

Gelände der Consol-Zeche in Gelsenkirchen

An vielen Stellen des Ruhrgebiets senkt sich immer wieder plötzlich der Boden ab. 2012 sackte der Mittelstreifen der Autobahn 45 bei Dortmund ab. Am Essener Hauptbahnhof entdeckten Bauarbeiter 2013 zahlreiche Hohlräume unter der Erde. Die Züge durften wochenlang nur noch mit Schrittgeschwindigkeit fahren, über 1000 Kubikmeter eines Beton-Kalkstein-Gemischs wurden in die Löcher gepumpt, um sie wieder zu verschließen.

Laut Landesregierung kam es zwischen 2005 und 2016 in NRW zu knapp 2000 Tagesbrüchen. Die meisten davon passierten im Ennepe-Ruhr-Kreis, dort tat sich 670 mal der Boden auf. Die Bergbehörde lässt die Hohlräume zwar erkunden, solche Risikoanalysen würden allerdings "ausschließlich anlassbezogen" gemacht, also wenn ein Tagesbruch bereits eingetreten ist.

Die zuständigen Bergbau-Firmen nehmen eigene Gefährdungsanalysen der Hohlräume vor. Diese Arbeiten seien allerdings "nicht transparent", sagte Brems. "Die Unternehmen müssen der Bergbehörde nicht angeben, ob und welche Sicherungsmaßnahmen umgesetzt werden und auf welche Kosten sie sich belaufen. Sollte eine Gesellschaft irgendwann pleitegehen, bleibt das Land auf den Kosten sitzen. Darüber hinaus besteht keine Anzeigepflicht, eine Qualitätskontrolle findet nicht statt. Das ist ein Fehler, denn so könnten neue Gefahren entstehen."

Die RAG widerspricht dieser Darstellung. "Auch, wenn es keine unmittelbare Rechtsnorm zur Einbindung der Bergbehörde gibt, lebt die RAG eine transparente Informationskultur", teilt ein Unternehmenssprecher mit. Alle Sicherungsmaßnahmen würden der Behörde angezeigt, die RAG beauftrage "nur fachkompetente Unternehmen" für die Arbeiten. "Jedes Bauhandeln birgt auch Risiken, aber wir warten nicht still ruhend bis zum nächsten Tagesbruch."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Zeitraum der Tagesbruch-Statistik der NRW-Landesregierung korrigiert. Sie endet nicht im Jahr 2017, wie ursprünglich angegeben, sondern mit dem Jahr 2016.



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