Berichte deutscher Auswanderer: "Nie mehr zurück!"

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Immer mehr Deutsche wandern aus, sagt die Statistik. Doch was treibt sie, was erleben sie, und: Kommt irgendwann das große Heimweh? SPIEGEL ONLINE bat Auswanderer, ihre Erfahrungen in der Ferne zu beschreiben. Eine Auswahl.

Hamburg - Manche Leser-Geschichten klingen wie moderne Fassungen der Legende vom Tellerwäscher, der in der Ferne zum Millionär wird. Ein Leser schrieb per Mail, er habe erst einen Tintenfischgroßhandel eröffnet - in Thailand. Später sei er dort Immobilienhändler geworden.

Eine andere Leserin träumte eines Nachts, sie müsse nach London gehen, also packte sie ihre Sachen - ohne jemals zuvor in England gewesen zu sein. Heute arbeitet sie nach diversen Abendstudienprogrammen immer noch in London in einer EU-Agentur. In Deutschland hätte sie die Karriere, die jetzt hinter ihr liegt, ohne Abitur nicht machen können, glaubt sie.

Auswanderer Bermann in Shanghai: Zurück wollen die wenigsten
Marc Bermann

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Fast alle Leser betonen, dass die Jobbedingungen in vielen Ländern im Vergleich zu Deutschland besser seien. Ein Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechniker ging nach zermürbender Arbeitssuche in Deutschland mit dem Wohnmobil in der Schweiz auf Bewerbungstour. "Ich hatte zwölf Gespräche und, ob man es glaubt oder nicht, ich hätte überall anfangen können."

Ein Informatiker suchte in Deutschland sieben Monate vergeblich, dann stellte er seinen Lebenslauf bei der Internetjobbörse monster.com ein: "Innerhalb kurzer Zeit hatte ich diverse Angebote aus der ganzen Welt." Die Wahl fiel auf die USA, dort verdiene er nun doppelt so viel wie in Deutschland, zahle aber nur einen Bruchteil der Steuern, schreibt er. "Bereits nach einem Jahr war ich in der Lage, ein anständiges Haus mit großem Garten und Pool zu erwerben."

Die verlockenden Jobangebote scheinen so manchen Kulturschock in der neuen Heimat wettzumachen. Eine Frau, die ebenfalls in die USA zog, schreibt: "Man muss sich hier an einiges gewöhnen: An Leute, die mit einer Knarre in den Supermarkt gehen, um eine Packung Eier zu kaufen, an Autoversicherungen, die einen hochstufen, weil einem vor der Ampel ein Besoffener hintenreinfährt."

Vor allem müsse man sich mit dem Status als ewiger Ausländer von vornherein abfinden, schreiben viele. "Man wird Sie immer als Ausländer erkennen, sei es an Ihren blonden Haaren, Ihrem Akzent oder Ihren Gesten", berichtet etwa ein nach Trinidad ausgewanderter Leser. "Und das Lächerlichste, was man machen kann, ist, sich total den einheimischen Bräuchen zu unterwerfen. Auch Einheimische wissen, dass es keine blonden Rastafaris gibt."

An Rückkehr denken trotzdem die Wenigsten, egal, welche Probleme sie vor Ort haben. Stattdessen hegen die meisten heftigen Groll gegen ihre alte Heimat. "Thema Rente! In Deutschland steht meine Generation vor einem bankrotten Rentensystem und drohender Altersarmut", schimpft etwa ein Mann, der in der Schweiz inzwischen in einer Werbeagentur arbeitet.

Der Leser, der bis nach Trinidad zog, erklärt, es seien vor allem die Kleinigkeiten, die ihm in Deutschland unerträglich erscheinen. "Beispielsweise wenn man am frühen Morgen, bevor man zur Arbeit fährt, seinen Nachbarn in der Mülltonne stehen und darin herumtrampeln sieht, weil seit Neuestem die Füllhöhe der Tonnen zur Abrechnung gemessen wird." Nachdem die ersten fünf Jahre seines neuen Lebens in Trinidad nun um seien, "kann ich als Fazit sagen: Nie mehr zurück, wenn es nicht unbedingt sein muss. Grüße aus Trinidad am Morgen bei 28 Grad, leichtem Wind aus Südost und strahlend blauem Himmel. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!"

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