Wirtschaft

Anzeige

Berlin

Getränkemarkt verlangt von Flaschensammler Gewerbeschein

Pfand nur gegen Gewerbeschein - der Umgang mit einem Flaschensammler wird für eine Getränkemarktkette zum Desaster. Denn die Anweisung kam per Rundschreiben aus der Zentrale. Nun muss ein Geschäftsführer gehen.

Von

imago/Schöning

Filiale von Getränke Lehmann in Berlin-Wilmersdorf

Mittwoch, 12.09.2018   17:21 Uhr

Anzeige

Wer in Berlin lebt, kennt die Läden in der charakteristischen pinkfarbenen Streifenoptik: 14 Abholmärkte betreibt der Getränkegroßhändler Lehmann in der Hauptstadt, über den Eingängen prangt der Werbespruch: "Ick koof bei Lehmann!" Seit 61 Jahren gibt es das Unternehmen, es hat sich in dieser Zeit zu einer Berliner Institution entwickelt. Doch seit der Rechtsanwalt Stefan Senkel einen Vorfall aus der vergangenen Woche publik gemacht hat, richtet sich Unmut gegen das Traditionsunternehmen. "Ick koof nich mehr bei Lehmann", bringt es ein Twitter-Nutzer auf den Punkt.

Am vergangenen Donnerstag, den 6. September, habe ein Mandant von ihm versucht, in einer Filiale im Stadtteil Schöneberg 15 Pfandflaschen abzugeben, erzählt Senkel. Der Rechtsanwalt ist unter anderem auf Sozialrecht spezialisiert und vertritt zahlreiche Empfänger von Hartz IV oder Sozialhilfe. Oft sind es Menschen am Rand der Gesellschaft, und manche von ihnen tun das, was inzwischen zur Chiffre von Armut in einer reichen Gesellschaft wie der deutschen geworden ist: Sie bessern ihr schmales Budget dadurch auf, dass sie Pfandflaschen sammeln und abgeben.

Anzeige

Das habe auch sein Mandant getan, erzählt Senkel. Doch anstatt die Flaschen anzunehmen und das Pfand auszubezahlen, habe eine Lehmann-Mitarbeiterin dem Mann erklärt, dass er dazu seine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer und seinen Gewerbeschein nachweisen müsse. Der Mann hakt nach und erfährt von einem Rundschreiben aus der Zentrale an die Abholmärkte. Er lässt sich eine Kopie davon aushändigen und konsultiert Senkel. Der veröffentlicht das Rundschreiben auf Facebook.

Das Schreiben, das auf den 21. August datiert ist, wirkt bei näherer Betrachtung widersprüchlich. Einerseits bezieht es sich inhaltlich auf einen ganz anderen Sachverhalt als im Fall des Flaschensammlers, erklärt Senkel: "Wenn jemand gewerblich mit Leergut handelt und große Mengen abgeben will - also beispielsweise mit einem Lkw vorfährt und zehn Paletten Leergut ablädt." Das Schreiben schränkt den Personenkreis ausdrücklich ein auf jene, die "eine Gutschrift wollen" - sich also das Pfand nicht bar ausbezahlen lassen.

Anzeige

Andererseits ist gleich zweimal explizit von "Flaschensammlern" die Rede - ein Begriff, der im Sprachgebrauch recht eindeutig auf Menschen wie Senkels Mandanten verweist, der zwar nicht im engeren Sinne obdachlos ist, aber doch in einer prekären Wohnsituation. Zudem enthält das Schreiben die Anweisung, Flaschensammler seien "höflich zu befragen", um festzustellen, ob sie ein Gewerbe betreiben. Wer aber palettenweise Leergut in einen Getränkemarkt bringt und eine Gutschrift über das Pfand will, müsste ohnehin als Großkunde bekannt sein oder will es werden.

"Mein Eindruck ist: Hier wird eine pseudorechtliche Argumentation aufgebaut, weil man natürlich nicht offen sagen möchte: 'Wir wollen hier keine Obdachlosen und Penner'", resümiert Rechtsanwalt Senkel. Es scheine so, als habe das Unternehmen seinen Mitarbeitern etwas an die Hand geben wollen, "damit diese unerwünschte Personen loswerden können".

Diesen Eindruck haben auch zahlreiche Facebook- und Twitter-Nutzer gewonnen - und, so scheint es, auch Horst Lehmann selbst, der den Getränkegroßhandel 1957 mit 19 Jahren gegründet hat und immer noch Inhaber ist. Das Unternehmen beantwortet Fragen nach dem Hintergrund und der Zielrichtung des Rundschreibens sowie nach dem Vorfall am vergangenen Donnerstag nicht konkret. Am Mittwochnachmittag verschickt es stattdessen eine deutliche Stellungnahme des Gründers und veröffentlicht sie auch auf einem neu eingerichteten Twitteraccount: Er distanziere sich von dem Schreiben, so Horst Lehmann, weiterhin würden "alle Pfandflaschen zurückgenommen". Der zuständige Geschäftsführer sei mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden.

Die Mitteilung endet mit den Worten: "Es tut mir leid, dass es zu diesem Missverständnis gekommen ist." Es bleibt unklar, was damit gemeint ist. Mehr als deutlich ist aber, dass dem Firmengründer der Imageschaden bewusst ist, den das öffentlich gewordene Rundschreiben angerichtet hat.

Rechtsanwalt Senkel wünscht sich, dass nicht nur Lehmann, sondern auch andere Einzelhändler Lehren aus dem Vorfall ziehen. Es gebe nun einmal viele Menschen, die wirtschaftlich schwach seien und denen man das auch anmerke - aber man löse das Problem nicht, indem man sie vertreibt. Stattdessen sollten "Mitarbeiter im Umgang mit solchen Menschen geschult werden, die nicht selten auch unter psychischen Problemen leiden. Oft entstehen Schwierigkeiten mit ihnen erst aus der Art, wie mit ihnen umgegangen wird."

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH