Berliner Symphoniker privatisiert Popstars für die Soli

Seit der Senat die Subventionszahlungen einstellte, ist das kleinste der Berliner Orchester pleite. Jetzt versuchen die Berliner Symphoniker den Neuanfang - als erstes privatwirtschaftliches Klassikorchester der Republik.

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Plakatserie der Berliner Symphoniker I: Viele Konzerte und neues Image

Plakatserie der Berliner Symphoniker I: Viele Konzerte und neues Image

Berlin - Es war keiner dieser Auftritte, bei dem man große Lorbeeren sammelt. Für drei Vorstellungen von Rossinis Oper "Semiramide" durften die Berliner Symphoniker in der Deutschen Oper aufspielen, weil das hauseigene Orchester auf Reisen war. Im Publikum nahm wohl kaum jemand Notiz davon, schließlich achtet man in der der Oper auf die Akteure auf der Bühne.

Trotzdem waren die Musiker zufrieden, die Ansprüche sind nicht hoch zurzeit. Denn die Berliner Symphoniker sind pleite. Nachdem die Berliner Senatsverwaltung die jährlichen Subventionszahlungen in Höhe von rund drei Millionen gestrichen hatte, ging dem Trägerverein schnell das Geld aus. Seit Anfang September läuft das Insolvenzverfahren - und bietet gleichzeitig eine neue Chance.

Denn so einfach wollen die Symphoniker nicht klein beigeben. Ab sofort ist das ehemals städtische Orchester als gemeinnützige GmbH organisiert. Durch Kostensenkung, Sponsoring und sehr viel mehr Konzerte als in der Vergangenheit solle der Spielbetrieb mit den bisherigen Musikern fortgeführt werden, erklärt Insolvenzverwalter Christian Köhler-Ma.

Gemeinsam mit dem bisherigen Intendanten Jochen Thärichen und der Berliner Werbeagentur "Etwas Neues entsteht" hat der Orchestervorstand ein Konzept entwickelt, das die Basis bieten soll für ein Auskommen ohne Subventionen: Die Symphoniker als eine Art Klassik-Combo, die sich im Musikgeschäft behauptet wie Popbands und andere privatwirtschaftliche Musikergruppen auch. Gut neun Monate bleiben bis zum Beginn der neuen Spielzeit im September 2005, um die Ideen in die Tat umzusetzen.

Jugendarbeit als lukratives Geschäftsfeld

Noch sind erst Umrisse des Konzepts zu erkennen, doch fest steht: Alle Symphoniker werden weniger Geld verdienen und mehr musizieren müssen, denn allein die Auftritte bringen Geld. Tabus soll es dabei nicht geben, so genannte Crossover-Produktionen mit Popstars sind sogar erwünscht. "Im Idealfall könnten wir an die Reihe der Konzerte mit Robin Gibb, Metallica, Nena oder den Scorpions anknüpfen", sagt Köhler-Ma. Auch die Jugendarbeit, die bislang schon ein Schwerpunkt der Symphoniker war, soll ausgebaut werden. Dass dies ein sehr einträgliches Geschäft sein kann, beweisen die viel berühmteren Philharmoniker mit ihren hoch bezahlten Jugendworkshops.

Plakatserie für die Berliner Symphoniker II: Ziel ist, 68 Musiker bezahlen zu können

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Die Marketingagentur "Etwas Neues entsteht" wiederum soll den Symphonikern ein völlig neues Image verpassen, jung, neu, spritzig - oder zumindest, wie auf den ersten Plakaten zu erkennen ist, unkonventionell.

Ziel ist es, sagt Köhler-Ma, am Ende ein Orchester mit 65 Musikern unterhalten zu können. Um Abstriche kommt man dabei natürlich nicht herum "Das Gehalt auf dem Niveau der staatlichen Gehälter wird sich der Verein nicht leisten können". In welchem Maße die Musiker verzichten müssen, darauf will sich der Rechtsanwalt noch nicht festlegen, aber es werde "spürbar" sein.

Große Namen gegen die subventionierte Konkurrenz

Noch ist nicht sicher, ob sich die klassische Hochkultur nach den Regeln des kommerziellen Popgeschäfts verbreiten lässt, denn die Konkurrenz ist groß und sie bekommt Unterstützung vom Staat. Nach Angaben des Deutschen Bühnenverein spielen allein 92 Orchester in deutschen Opernhäusern auf. Hinzu kommen 31 Ensembles, die ausschließlich oder überwiegend Konzerte geben zehn Sinfonieorchester, vier Rundfunkorchester und vier Big Bands, die bei den ARD-Sendern unter Vertrag sind.

Um gegen die hoch subventionierten Orchester anzuspielen, müssten für das Dirigentenpult oder die Soloinstrumente große Namen gewonnen werden, doch die kosten viel Geld. Freunde, die womöglich für weniger Geld auf treten gibt es zwar einige - etwa den Stardirigenten Kent Nagano, der sogar eigens ein Benefizkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters zur Rettung der Symphoniker initiierte - doch so etwas lässt sich nicht beliebig oft in Anspruch nehmen.

Auch die Finanzierung für den Übergang bis zur neuen Spielzeit ist noch keineswegs gesichert. 300.000 Euro sind nötig, um die Arbeit des Orchesters fortzusetzen und das geplante Musikpädagogische Zentrum aufzubauen. Mit einer Werbeoffensive will Köhler-Ma Spender und Sponsoren gewinnen. Falls dies nicht gelingen sollte, so verspricht er, will er das bereits eingezahlte Geld zurück überweisen.

Immerhin muss er sich bis zum Start der neuen Spielzeit nicht um die Musikergehälter sorgen. Denn indirekt laufen die Subventionen bis dahin weiter - in Form von Arbeitslosengeld, das die Bundesagentur für Arbeit an die jetzt arbeitslosen Orchestermitglieder bezahlt. Derweil setzen die Symphoniker ihre Arbeit fort. Acht Tage pro Monat sind unter diesen Bedingungen erlaubt.



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