Bertelsmann Sieg der alten Garde

Mit Thomas Middelhoff hat Bertelsmann einen erfolgreichen Visionär vor die Tür gesetzt. Experten sehen wichtige Vorhaben gefährdet. Über die nächste Station des ehemaligen Bertelsmann-Chefs wird wild spekuliert.


Abserviert: Thomas Middelhoff
REUTERS

Abserviert: Thomas Middelhoff

Gütersloh - Für einen, der den größten deutschen Medienkonzern komplett umgekrempelt hat, fielen die Abschiedszeilen ziemlich dürftig aus: "Grund für die Trennung sind unterschiedliche Auffassungen zwischen Vorstandsvorsitzendem und Aufsichtsrat über die künftige Strategie der Bertelsmann AG sowie über die Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsrat und Vorstand. Mit Gesellschaftern und Aufsichtsrat wurde vereinbart, keine weiteren Erklärungen abzugeben."

Nach Ansicht der meisten Beobachter haben Brüche zwischen Middelhoff und den Familien Bertelsmann/Mohn sowie dem Aufsichtsrat zu dem Wechsel an der Spitze geführt. "Bertelsmann verstand sich ja als ein Familienunternehmen", so der Medienwissenschaftler Horst Röper. "Nun sollte ausgerechnet dieses Unternehmen an die Börse, und das hätte natürlich geheißen: Shareholder-Value, also man arbeitet im Wesentlichen für den Börsenwert. Da gab es Brüche, und diese neue Linie hat wohl weder die Familie Bertelsmann, die Familie Mohn überzeugt, noch den Aufsichtsrat."

Nach dem Abgang von Middelhoff wird sich der Konzern nach Einschätzung von Analysten wieder eher auf das bestehende Geschäft konzentrieren, die weltweite Expansion könnte sich verlangsamen. "Das Tempo bei der Verbesserung der Gewinnmargen war wohl einigen bei Bertelsmann zu hoch", sagte Analyst Bernard Tubeileh von Merrill Lynch. Middelhoff hatte bei Bertelsmann mittelfristig eine Gewinnmarge von zehn Prozent angepeilt.

"Die Entscheidung gegen Middelhoff könnte auch eine Entscheidung für eine andere Unternehmenskultur gewesen sein", so Tubeileh. Middelhoff stand für einen aggressiven angelsächsischen Kurs. Seiner Ansicht nach wird der für 2005 geplante Börsengang von Bertelsmann nun nur noch mit vermindertem Tempo angegangen.

Als Zeichen für die Rückkehr zu einem konservativeren Kurs sehen die Experten auch die Berufung des neuen Bertelsmann-Chefs Gunter Thielen, der für das traditionelle Bertelsmann-Modell steht. Er gilt als enger Vertrauter des 81-jährigen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn.

Nach Ansicht von Röper ist der 59-jährige Thielen nur eine Lösung auf Zeit. Bei Bertelsmann gilt nämlich die Regel, dass Top-Manager ihren Posten mit Erreichen des 60. Lebensjahres räumen müssen. Bei Thielen wäre dies bereits nächste Woche, nämlich am 4. August, der Fall. Röper vermutet, dass nun neues Personal gesucht werde, dann das Unternehmen aber nicht mehr "auf Middelhoff-Linie", also Expansionskurs, bleiben werde.

Der Bertelsmann-Konzern im Überblick
DDP

Der Bertelsmann-Konzern im Überblick

"Middelhoff hat ja in seiner nicht mal vierjährigen Amtszeit den Konzernumsatz um etwa 60 Prozent erhöht. Das sind schon gewaltige Zahlen, die er hinterlassen hat", sagte Röper.

Ende März 2002 hatte der Konzern für das Rumpfgeschäftsjahr 2001 einen kräftigen Gewinn - dank des Verkaufs der Beteiligung an AOL Europe und Kostensenkungen - von 1,7 Milliarden Euro für sechs Monate berichtet. Damals hatte Middelhoff erklärt, das Unternehmen könne trotz Konjunkturkrise und der negativen Auswirkungen des 11. September mit einer starken Kapitalausstattung und entsprechend hoher Schlagkraft agieren.

Während sich andere Wettbewerber in hohen Geldsorgen befinden, weil die Expansion mit Überschuldung bezahlt wurde, steht Bertelsmann glänzend da. Die Verschuldung ist gering, das operative Geschäft zieht an, und die Milliarden-Gewinne aus dem Verkauf von Internetgeschäften haben den Konzernumbau finanziert.

Im vergangenen Geschäftsjahr wurde der Umsatz wie schon im Vorjahr um 25 Prozent auf 20 Milliarden Euro gesteigert und mit drei Milliarden Euro erneut ein Rekordergebnis eingefahren. Das Eigenkapital stieg um 300 Prozent, die Investitionen stiegen um 100 Prozent, dafür sanken die Finanzschulden im abgelaufenen Geschäftsjahr um 95 Prozent auf unter 100 Millionen Euro. Der Gütersloher Medienkonzern beschäftigt knapp 80.300 Mitarbeiter und ist in 51 Ländern aktiv.

In der letzten Zeit produzierte Middelhoff jedoch auch mehrere Negativ-Schlagzeilen. Der medienwirksame Einstieg bei der Musiktauschbörse Napster brachte dem Unternehmen bisher nichts als Kosten. Auch die zwangsweise Übernahme der Plattenfirma Zomba Records galt nicht als Bravourleistung. Auf Grund einer Verkaufsoption musste Bertelsmann rund drei Milliarden Dollar für Zomba bezahlen, zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Allein im letzten Jahr sank der Umsatz aus Albumverkäufen in den USA um zehn Prozent, global nahm die Musikindustrie sieben Prozent weniger ein als im Jahr 2000. Intern sorgte die Ankündigung Middelhoffs für Aufruhr, der Fachverlag BertelsmannSpringer gehöre nicht mehr zum Kerngeschäft und solle in naher Zukunft verkauft werden. Daraufhin trat Jürgen Richter zurück, der sich als ehemaliger Springer-Chef und erfolgreicher Sanierer einen Namen gemacht hatte. Auch der Bertelsmann-Aufsichtsratsvorsitzende und ehemalige Gruner +Jahr-Chef Gerd Schulte-Hillen soll sich in den letzten Wochen immer offensiver gegen Middelhoff zu Wort gemeldet haben.

Eigentlich, so ist aus Konzernkreisen zu hören, wollte Middelhoff am vergangenen Wochenende nur Planungssicherheit für den bisher beschrittenen Weg gewinnen. Doch aus einer strategischen Debatte sei überraschend eine Entscheidung über ihn selbst geworden. Die Eigentümer wollten den Weg nicht fortsetzen, und er wollte die plötzliche Richtungsänderung nicht mittragen, hieß es.

Wohin Middelhoff gehen wird, darüber wird derzeit kräftig spekuliert. "Wir gehen davon aus, dass Vertreter der Deutschen Telekom mit Herrn Middelhoff als potenziellem Nachfolger von Dr. Sommer verhandeln", schreiben Analysten der Berenberg Bank in einem am Montag veröffentlichten Kommentar.

Die Berufung von Middelhoff als neuer Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom wäre aus Sicht von Berenberg-Analystin Ilona Hasselbring "eine sehr gute Wahl". Middelhoff sei eine "hochkarätige Führungskraft" und stehe für langfristiges Wachstum. Sein hoher "Bekanntheitsgrad in der US-Wirtschaft" sei hilfreich bei der Weiterentwicklung des "VoiceStream-Engagements". Beflügelt von den Gerüchten stieg das Telekom-Papier bis 15.30 Uhr um 3,61 Prozent auf 12,33 Euro.

Andere Analysten glauben eher an einen Wechsel des abberufenen Bertelsmann-Chefs zum Medienkonzern AOL Time Warner. "Nach Branchengerüchten soll Middelhoff dort für die erfolgreiche Verbreitung von Inhalten über unterschiedliche mediale Plattformen zuständig sein - ein Spezialthema von ihm", sagte ein Frankfurter Analyst. Middelhoff ist außerdem laut eigenem Bekunden ein enger Freund von Steve Case, der sich nach der Fusion von AOL und Time Warner als Chairman aus der operativen Führung des Medienriesen zurückgezogen hatte. Auch die "Bild"-Zeitung berichtet in ihrer Montagsausgabe über ein Angebot von AOL Time Warner an Middelhoff und schloss gleichzeitig einen Einstieg bei der Telekom aus.

Der ehemaligen Bundesfinanzminister und Bertelsmann-Vorstand Manfred Lahnstein hält keine der beiden möglichen Posten für ratsam. "Ich würde mir beide Alternativen sehr gut überlegen." Bei AOL Time Warner sei schon die Fusion zwischen Time und Warner nicht vollständig verdaut. Hinzu kämen die Schwierigkeiten, die ein deutscher Unternehmenschef in den USA hätte. Die Telekom wiederum bezeichnete er als "riesige Herausforderung". Zwar sei der Sprung inhaltlich gar nicht so groß, doch angesichts der hohen Schulden hält Lahnstein die Risiken eines Scheiterns für sehr hoch. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie dieser Laden jemals wieder in die Gewinnzone kommen soll."



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