Berufsunfähigkeit Glücklich, wer versichert ist

Die Berufsunfähigkeitsversicherung gilt als Muss. Doch eine abzuschließen ist schwierig: Ellenlang sind die Fragebögen zur Gesundheit, Zipperlein können zur Ablehnung führen, lügen ist ein Risiko. Hier erfahren Sie, worauf Sie achten müssen.

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Berufsunfähigkeit: Der Weg zur Versicherung kann lang und anstrengend sein
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Berufsunfähigkeit: Der Weg zur Versicherung kann lang und anstrengend sein


Johanna, die die Tochter meines besten Freundes Thomas, will eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Doch der Versicherungsvermittler, den sie aufsucht, drängt die junge Frau, die gerade ihre Ausbildung macht, den Vertrag mit einer Rentenversicherung zu koppeln. "Ist das sinnvoll?", will mein Freund Thomas wissen. Ja, aber nur für den Vermittler.

Natürlich ist es wichtig, sich für den Fall einer Berufsunfähigkeit zu schützen. Die gekoppelte Rentenversicherung aber macht den Vertrag teuer und unflexibel. Es profitiert nur der Verkäufer, weil Rentenversicherungen hohe Provisionen einbringen.

Dabei ist die Entscheidung junger Menschen für eine Berufsunfähigkeitsversicherung eigentlich goldrichtig. Seit die rot-grüne Koalition im Jahr 2000 beschloss, dass Arbeitnehmer ab Jahrgang 1961 das Risiko einer Berufsunfähigkeit nur privat versichern können, gilt der Ratschlag an junge Leute: So früh wie möglich eine solche Versicherung abschließen, am besten schon in der Ausbildung.

Versicherer sind ausgesprochen wählerisch

Denn später scheitert der Versuch oft, sich privat zu versichern. Versicherer bieten zwar viele gute Verträge an, sind aber ausgesprochen wählerisch bei den Kunden, denen sie ihren Schutz verkaufen. Sie wollen nicht zu viele Kunden, die dann tatsächlich berufsunfähig werden. Solchen Kunden müssten die Unternehmen nämlich über Jahre und Jahrzehnte bis zur Rente jeden Monat 1000 Euro oder gar 2000 Euro zahlen, jeder dieser Versicherungsfälle ist für den Versicherer teuer. Und aus der Statistik der deutschen Rentenversicherung wissen sie, dass etwa ein Viertel aller Beschäftigten aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zum normalen Renteneintritt im erlernten Beruf arbeiten kann - alles potenzielle Versicherungsschäden.

Deshalb zahlen die Versicherer in der Regel für nichts, was sich aus einem Heuschnupfen oder einer anderen Allergie entwickeln kann. Oder noch schlimmer: Sie lehnen junge Menschen ab, weil diese nach der Trennung von Freundin oder Freund therapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben. Wer in den vergangenen Jahren nur eine einzige derartige Sitzung hatte, gilt den Versicherern bereits als labil, als potenzielles Großrisiko. Und deshalb werden den Interessenten für eine Police vorab umfangreiche Fragen zur Gesundheit gestellt.

Tatsächlich können heute ein Drittel aller Arbeitnehmer, die aus gesundheitlichen Gründen aus dem Beruf ausschieden, aus psychischen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Oft genug, weil sie in schwierigen Lebensphasen keine Hilfe gesucht haben. Mit dem Frust nach der Trennung aber hat spätere Berufsunfähigkeit nichts zu tun.

Lügen zählt nicht

Verbraucherschützer und spezialisierte Makler empfehlen Kunden deshalb oft, erst fünf Jahre nach den Therapiesitzungen einen Antrag auf Versicherungsschutz zu stellen. Dann darf man den damaligen Arztbesuch dem Versicherungsunternehmen nämlich verschweigen.

Aber eben nur dann. Lügen zählt nicht. Wer Behandlungen verschweigt, riskiert seinen späteren Versicherungsschutz, auch wenn er jahrelang pünktlich Beiträge gezahlt hat. Und die Fragebögen der Versicherer sind lang: Sie wollen unter anderem wissen, wegen welcher Krankheiten Sie in den vergangenen fünf Jahren beim Arzt und in den vergangenen zehn Jahren stationär im Krankenhaus waren. So sortieren die Versicherer Kunden mit höherem Risiko aus.

Die meisten Kunden fühlen sich von diesen Fragebögen überfordert. Mancher Außendienstmitarbeiter einer Versicherung bietet sich im Kundengespräch an, das Ausfüllen der Gesundheitsfragen zu übernehmen. Doch hier lauern weitere Gefahren. Viele Außendienstler interpretieren den Bogen auf ihre Art: Da wird schon mal gesagt, dass die eine oder andere Krankheit gar nicht so wichtig sei: "Ist doch ausgeheilt, die kann man verschweigen." Schließlich wünscht sich der Vertreter einen Abschluss. Die Kunden sollten sich nicht einwickeln lassen, sondern die Fragen in Ruhe zu Hause beantworten und dabei ihre Ärzte zu Rate ziehen.

Wege zum notwendigen Versicherungsschutz

Wer jetzt denkt, das sei ja zum Verrücktwerden, hat recht. Der Weg zum notwendigen Versicherungsschutz ist bei dieser Police so steinig wie kaum irgendwo sonst. So kommen die meisten Kunden dennoch zum Ziel:

  • Wenn Sie jung und kerngesund sind, suchen Sie sich gleich zu Beginn ihrer Berufstätigkeit einen preiswerten guten Vertrag.
  • Sind sie schon etwas älter (über 30) oder haben ein lästiges Zipperlein, nutzen Sie das vorhandene Infomaterial und gehen Sie damit zu einem spezialisierten Makler. Er kann Ihnen helfen, mehrere Unternehmen gleichzeitig abzufragen und dann den besten Vertrag auszuwählen.
  • Lehnen mehrere Versicherer Sie als Kunden für einen Berufsunfähigkeitsversicherung ab, gibt es vor allem zwei preiswertere Alternativen - allerdings mit niedrigerem Schutzniveau. Entweder lassen Sie sich nur für den Fall versichern, dass sie bestimmte schwere Krankheiten wie Krebs oder einen Schlaganfall bekommen. Oder Sie beschränken den Versicherungsschutz auf den Fall, dass sie überhaupt nicht mehr arbeiten können, auch nicht als Pförtner.

Thomas' Tochter möchte ich diese schlechtere Auswahl ersparen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
johnnypistolero 11.04.2015
1. berufsunfähigkeitsvers.???
die sind so unnötig wie ein kropf, habe mich schon mit manchen versicherungsmaklern unterhalten, die mir unter vorgehaltener hand gesagt haben, das die fast nie leisten, denn sie manövrieren sich immer heraus, denn der betroffene könne ja noch zig andere jobs ausüben, ich frage mich gerade nur, von wem dieser artikel hier bezahlt und in auftrag gegeben wurde...
_gimli_ 11.04.2015
2.
Die Realität sieht doch so aus, dass Berufe bzw. Personen bereits ab mittlerer Eintrittswahlscheinlichkeit des Schadensfalles ausgeschlossen werden. Dieser Umstand führt die gesamte Sinnhaftigkeit dieser Versicherung ad absurdum. Wer einen vertretbaren Beitragssatz angeboten bekommt, brauch ihn nicht, wer ihn bräuchte, bekommt ihn nicht. Diese Versicherung kann man also in der Praxis vergessen, auch wenn sie in der Theorie sehr sinnvoll wäre.
Ernst August, der Dritte 11.04.2015
3. Und im Schadensfall zahlen sie nix
Da heisst es erst mal jahrelang prozessieren. Bist du schon älter und entspr. angeschlagen spekulieren sie darauf dass du die lange Klagerei nicht überlebst und vorzeitig abkratzt. Alles schon bei Bekannten erlebt, je besser die abgeschlossene Versicherung also je mehr Geld die Versicherung abdrücken muss um so mehr sträuben sie sich im Schadensfall. Gewinner ist die Versicherung und der Anwalt den du brauchst.
auchsenfdazugeben 11.04.2015
4. Welche Versicherung...
... hat denn diesen Beitrag herbeigewünscht. Die Versicherer spielen mit der "Angst" der Leute. Eine BU ist tückisch, es gibt zu viele Hintertürchen. Wer unbedingt meint eine BU zu brauchen, Achtung bei der Höhe der BU-Rente! Das ist immer das Brutto! Es gehen noch die KV und RV (die Verträge laufen m. W. nur bis zum Renteneintrittsalter) ab.
bernd.stromberg 11.04.2015
5.
"Die Berufsunfähigkeitsversicherung gilt als Muss." Äh nein, das ist von vielen Parametern abhängig. Das so pauschal zu behaupten ist jedenfalls quatsch, viele Experten raten davon - je nach Situation - ab. Einige Parameter lauten z.B. habe ich eine Familie die damit abgesichert werdern muss? Bin ich Unternehmer, Selbstständiger Handwerker oder Angestellter? Bin ich Dachdecker oder Sachbearbeiter im Büro? Habe ich Sachwerte oder sonstige Rücklagen die im Fall einer Berufsunfähigkeit greifen?
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