Berufsvisionär Rifkin Die Bestseller-Maschine

Von Steffan Heuer

2. Teil: Teil zwei: Wie eine intellektuelle Domina züchtigt er die Machtelite von der Wall Street bis Davos


Mit seinem Spagat zwischen dem Sozialaktivismus eines Alt-68ers, der Militarismus, genmanipulierte Nahrungsmittel und die Arroganz der Schulmedizin anprangert, und dem hochbezahlten Jetset-Berater, der von den für ebendiese Entwicklungen verantwortlichen Politikern und Unternehmern um Rat gefragt wird, besetzt Rifkin eine lukrative Nische. Wie eine intellektuelle Domina züchtigt er die Machtelite von der Wall Street bis nach Davos, die sich den Kritiker trotzdem gern einlädt.

In seiner Jugend war Rifkin aktives Mitglied der Friedensbewegung, organisierte 1969 einen berühmten Protestmarsch auf das Pentagon und gründete die Citizens Commission, die US-Kriegsverbrechen in Vietnam anprangerte. Rifkin liebte provokante Gesten. 1976 half er bei der Gründung einer People’s Bicentennial Commission. Die Aktivisten verteilten Kopien der Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776 an Passanten und mussten sich dafür als "Revoluzzer" beschimpfen lassen.

Es wird mit zunehmendem Alter nicht leichter, ein Subversiver zu sein und von der Basis wie dem Establishment gleichermaßen ernst genommen zu werden. Der US-Konzern Monsanto beschreibt den Publizisten auf einer Webseite als "Technophoben" mit "verrückten Ideen". Der freihändlerisch ausgerichtete "Economist" nennt ihn "theorielastig, prätentiös und langatmig", während ihm der linke "Guardian" eine regelmäßige Kolumne einräumt.

Wissenschaftlicher Autodidakt

Wenn es um wissenschaftliche Fragen geht, ist Rifkin ein Autodidakt. Er studierte internationale Politik und Wirtschaftswissenschaften und wandte sich erst Ende der siebziger Jahre den potentiellen Gefahren der Biotechnologie zu. An großartigen Visionen herrscht in seiner Welt kein Mangel. Sein Buch zur H2-Revolution malt eine heranbrechende Ära aus, in der Wasserstoff die nie versiegende Energiequelle "für alle Ewigkeit" ist.

Ein globales H2-Energie-Web (HEW), analog zum Internet, wäre laut Rifkin die nächste große technische, wirtschaftliche und soziale Revolution. Und der Weg zu einer Energiewirtschaft, die auf der dezentralen Erzeugung von Wasserstoff und somit Strom aus erneuerbaren Quellen beruht, ist bereits in Sicht: "Eine neue Infrastruktur aufzubauen, die eine voll entwickelte H2-Wirtschaft trägt, wäre in weniger als einem Jahrzehnt möglich, wenn der Enthusiasmus und kommerzielle Eifer vorhanden sind."

An solchen Punkten legen Kenner der Materie Einspruch ein. "Rifkin ist ein Generalist, der über die komplizierten, aber kritischen Details elegant hinweggeht: Wie kommt man von den heutigen Energieproblemen zur H2-Wirtschaft? Weil er so viel weglässt, kann man ihm keine faktischen Fehler nachweisen", bemängelt der Energiejournalist Paul Roberts. "Den harten Fragen geht er einfach aus dem Weg, damit am Ende ein Spannungsbogen und romantische Utopien herauskommen - wie bei einem Fernsehdrama über Wasserstoff."

Satzungetüme aus Technik und Philosophie

Ähnlich selektiv verfährt Rifkin bei seinem Lob des europäischen Traums, das genau in die seit dem Irak-Krieg entflammte Supermacht-Debatte passt. "Amerika hat seine Orientierung verloren - Angst und Furcht haben den optimistischen Traum überschattet, dass alles machbar ist. Europäern hingegen muss man Mut machen: Sie haben etwas Außergewöhnliches erreicht - das erste System, das auf globalem Bewusstsein basiert." Aber so ausführlich Rifkin die Vorzüge des europäischen Systems lobt, so kurz handelt er schleppendes Wirtschaftswachstum und die mangelnde Kommerzialisierung innovativer Ideen ab - Gründe dafür, dass Grundlagenforschung oft in Europa angestoßen wird und dann in die USA abwandert.

Was ist der nächste Trend, auf den Rifkin aufspringen will? Er hält inne, blickt auf den Schreibtisch, auf dem das Buch "The God Gene. How Faith is Hardwired into our Genes" von Dean Hamer liegt, und weicht aus: "Keine Ahnung, die Ideen kommen mir unversehens. Meine Frau sagt immer, ich leide am jüdischen Selbstzweifel-Syndrom. Eigentlich müsste ich mir mehr Zeit zum Leben nehmen. Vielleicht sollte ich wieder regelmäßig schwimmen gehen." Die Balance zwischen Arbeit und Freizeit fehlt den Amerikanern eben. Das kann man bei Jeremy Rifkin nachlesen.

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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