Bestechliche Medizin Korruptionsbekämpfer prangern gefälschte Medizin-Studien an

Bis zu 24 Milliarden Euro pro Jahr gehen dem deutschen Gesundheitswesen verloren - durch Misswirtschaft, Betrug, Bestechung. Das zumindest haben die Korruptionsbekämpfer von Transparency International so berechnet. Sie verlangen mehr Aufklärung - und neue Gesetze.

Von Christopher Stolzenberg


Berlin - Manchmal können die Abrechnungen von medizinischen Dienstleistungen äußerst aufschlussreich sein. Nach einer Augenoperation bekam eine Verwaltungsbeamtin beispielsweise eine erstaunlich hohe Rechnung von über 2400 Euro.

Auf den Hinweis ihrer Krankenkasse hin fand sie heraus, dass ihr zusätzlich zu dem chirurgischen Eingriff eine Vergrößerung der männlichen Harnröhre und eine Beratung über ihren angeblich lebensbedrohlichen Zustand in Rechnung gestellt worden war. Die Beamtin machte den skurillen Fall bekannt - nun findet er sich im "Jahrbuch Korruption 2006", den Transparency International (TI) heute in Berlin vorstellte.

Tablettenproduktion: Manipulierte Studien preisen Scheininnovationen an

Tablettenproduktion: Manipulierte Studien preisen Scheininnovationen an

"Es muss in Deutschland eine Kultur entstehen, die Korruption im Medizinbereich ächtet,", forderte Anke Martiny - sie ist Vorstandsmitglied der Gruppe, die sich weltweit gegen Betrug in Staat und Gesellschaft engagiert. In dem Bericht ist nachzulesen, wie sich Verschwendung und Vorteilsannahme im deutschen Gesundheitswesen regelrecht "eingefressen" haben.

Das Jahrbuch erscheint passend zu den Verhandlungen über die Gesundheitsreform, die die Große Koalition derzeit führt. Mit neuen Gesetzen, Reformen und größeren Ermittlungsanstrengungen allein sei dem Korruptionsproblem aber nicht beizukommen, so das Fazit von Transparency International. Vielmehr müsse sich die innere Haltung der Beteiligten ändern: "Es ist unmoralisch und unanständig, sich an einem System zu bereichern, das Menschen mit geringem Einkommen immer mehr belastet", sagte Martiny.

Grundstoff für Ecstasy bestellt - ohne Strafe

In vielen Fällen seien nicht die behandelnden Ärzte korrupt, sondern die Funktionäre im Gesundheitswesen auf Landesebene. Die Dunkelziffer sei hoch, weil nur privat Versicherte ihre Rechnungen selbst überprüfen könnten. Die anonyme Abrechnung bei den gesetzlichen Krankenkassen biete viele Möglichkeiten der Vorteilsnahme.

Oft werde Betrug von den zuständigen Instanzen nicht geahndet - oder die staatliche Aufsicht versage. So bestellte ein hessischer Apotheker jüngst in Großbritannien in großen Mengen eine Arznei, die nicht nur als Nierenmedikament, sondern auch als Grundstoff für Ecstasy genutzt werden kann. Nicht die zuständige Landesapothekerkammer, sondern der Zoll wurde auf die strafbare Bestellung aufmerksam. Der Apotheker gab an, aus Unwissen gehandelt zu haben.

"Was EryPo ist, lernt man schon im dritten Semester seines Studiums", sagt dazu die Ex-Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Gabriele Bojunga. Dennoch wurde die Tat milde bestraft: Der Apotheker zahlte ein Bußgeld, bekam eine Rüge und arbeitet weiter. Er genieße seit Jahrzehnten das Vertrauen der lokalen Politiker, beklagte Transparency. Ein anderer Apotheker sei dagegen für den Verkauf von Zimtsohlen bestraft worden. "Hier wird eindeutig mit zweierlei Maß gemessen", sagt Bojunga.

Vierzig Prozent der Studien durch Sponsoring manipuliert

Die TI-Experten der Arbeitsgruppe Gesundheit prangern überdies an, dass insbesondere Pharma-Unternehmen direkten Einfluss auf wissenschaftliche Studien und Experten nehmen. Vierzig Prozent der medizinischen Studien aus dem vergangenen Jahr seien nachweislich gefälscht oder durch Sponsoring manipuliert, sagte Peter Schönhöfer, Arbeitsgruppenmitglied und Pharmakologe. Deutschland sei in der Überwachung des Gesundheitswesen noch "Entwicklungsland".

"Der medizinische Erkenntnisprozess wird erheblich beeinflusst, den entstehenden Schaden zahlen die Versicherten." Die Praxis des verdeckten Sponsorings sei auf den übersättigten Gesundheitsmarkt zurückzuführen, der zahlungskräftige Hersteller dazu verleite, "Scheininnovationen" anzubieten. "Seit 1990 sind über 400 neue Substanzen eingeführt worden, davon sind nur sieben wirklich neu", sagte Schönhöfer.

Missstände sieht Transparency International aber auch beim Re-Import von Medikamenten. Arzneien würden von Pharmaunternehmen gespendet, im Ausland umverpackt und für den zehnfachen Preis wieder in Deutschland eingeführt.

"Der Ehrliche darf nicht der Dumme sein"

Damit die medizinische Versorgung nicht weiter leide, müsse jede Art von Betrug als Straftat geahndet werden, fordert Transparency. Schwarze Listen sollten Auskunft über Experten und Firmen geben, die bereits wissenschaftliche Studien gefälscht haben.

Notwendig sei eine zudem wirksame Strafverfolgung, meint Martiny, damit Beitragszahler und Ärzte geschützt würden. "Es darf künftig nicht gelten, dass der Ehrliche auch der Dumme ist."



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