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Beteiligung an Großbanken: Bankenkrise zwingt USA zu Finanz-Revolution

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Was für ein Kursschwenk: Die Regierung Bush betreibt die Teilverstaatlichung aller Top-Banken. Ausgerechnet Ex-Wall-Street-Star und Finanzminister Henry Paulson, der sich lange dagegen gewehrt hat, muss nun den Job erledigen. Der Plan bedeutet eine Zeitenwende für die US-Geldwirtschaft.

Hamburg/Washington - Henry Paulson war der Unmut deutlich anzusehen. Als der US-Finanzminister an diesem Dienstag im ehrwürdigen Cash Room des Washingtoner Schatzamts vor die Presse trat, musste er der Weltöffentlichkeit einen Notfallplan präsentieren, der seinem Naturell zutiefst widersprach.

US-Finanzminister Paulson: Plötzlich auf die europäische Art
DPA

US-Finanzminister Paulson: Plötzlich auf die europäische Art

Die Regierung Bush steigt mit 250 Milliarden Dollar in die Bankenbranche ein, um sie per Beteiligung abzusichern und wieder liquide zu machen. Neun Institute sind betroffen - die gesamte Beletage der mittlerweile entzauberten amerikanischen Geldindustrie.

An Citigroup, der Bank of America und J.P. Morgan Chase wird sich der Steuerzahler laut Presseberichten demnächst beteiligen. Außerdem an Goldman Sachs, Morgan Stanley, der Bank of New York Mellon, State Street, Wells Fargo und der Investmentbank Merrill Lynch, die von der Bank of America übernommen wird.

Finanzieren will Paulson den Kauf der stimmrechtslosen Vorzugsaktien mit der gesamten ersten Tranche des 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplans, den der US-Kongress beschlossen hatte. Später sollen die Banken die Staatsanteile wieder zurückkaufen können. Auf jeden Fall will die US-Regierung die Rolle als Bankaktionär nur vorübergehend spielen, bis die Finanzkrise ausgestanden ist.

Der Schritt sei notwendig, "um das Vertrauen in unser Finanzsystem wieder herzustellen", sagte Paulson. Und machte dann klar, wie wenig er von seiner eigenen Rettungstat hält. Sie entspreche nicht den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der Regierung. Die US-Bürger und auch er selbst stünden Staatsbeteiligungen an Privatfirmen skeptisch gegenüber. "Aber wir hatten die Alternative, Geschäftsleute und Konsumenten ohne Zugang zu Krediten zu lassen - was völlig inakzeptabel ist." Sprich: Die Staatsbeteiligung schien jetzt auch ihm als letzte Chance, um den Märkten das Vertrauen in das Finanz- und Kreditsystem zurückzugeben und eine tiefe Krise abzuwenden.

Der vormalige Goldman-Sachs-Investmentbanker Paulson als Leiter einer der größten Verstaatlichungsaktionen in der Geschichte der US-Banken - genauso gut könnte man einen Veganer Pfälzer Schlachtplatte zum Mittagessen servieren.

In den vergangenen Wochen hatte sich Paulson immer wieder gegen eine direkte Beteiligung gewehrt - und damit die Krise möglicherweise sogar noch verschärft. "Es gab bei Paulsons Krisenmanagement eine ideologische Komponente, die den Heilungsprozess erschwert hat", sagt Markus Brunnermeier, Ökonom an der Princeton University.

Der Minister wollte lieber die faulen Immobilienpapiere aus den Bilanzen der Banken herauskaufen. Darauf fokussierte er auch das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket, dessen Verabschiedung im Kongress zur Hängepartie geriet. Paulson zielte darauf ab, die Zahlenwerke der Finanzkonzerne zu säubern und so neues Vertrauen in sie zu schaffen. Dafür war die erste 250-Milliarden-Dollar-Tranche der Hilfsgelder eigentlich gedacht. Doch der Plan wurde rasch und scharf kritisiert. Die faulen Immobilienpapiere "sind sehr schwer zu bewerten. Das Verfahren ist zu kompliziert, um angemessen auf die Beschleunigung der Krise zu reagieren", sagt Princeton-Ökonom Brunnermeier. Der Finanzminister verlor damit wertvolle Zeit.

Und doch schreckte Paulson vor dem finalen Schritt zurück - der Verstaatlichung von Banken im großen Stil. In seinem ursprünglichen Drei-Seiten-Konzept für das Rettungspaket war diese Möglichkeit nicht mal vorgesehen.

Zwar übernahm die US-Regierung die angeschlagenen Immobilienfinanzierer Fanny Mae und Freddie Mac, und auch die taumelnde Versicherung AIG brachte sie unter ihre Kontrolle. Als es aber darum ging, Lehman Brothers zu retten, überließ Paulson das Feld den Kräften des Marktes. Das Resultat war die Pleite der Wall-Street-Ikone- ein katastrophales Signal für die Geldbranche: Die Krise weitete sich aus zum globalen Bankenbeben. "Der Zusammenbruch von Lehman Brothers hat an den Finanzmärkten wie ein Brandbeschleuniger gewirkt", sagt Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim.

Dass Paulson nun doch verstaatlichen muss, liegt auch daran, dass die Europäer in Sachen Krisenmanagement inzwischen den Takt vorgeben. Die Interventionspläne des britischen Regierungschefs Gordon Brown, die Anfang dieser Woche auch von der Bundesregierung übernommen wurden, setzten den US-Finanzminister unter Zugzwang.

Erstens feierten die Börsen die Strategie des tiefen Staatseingriffs am Montag mit einer Rekord-Kursrallye.

Zweitens wäre für die USA das Risiko groß gewesen, dass staatlich gestärkte Banken aus Europa in naher Zukunft im geschwächten Finanzmarkt jenseits des Atlantiks auf Einkaufstour gegangen wären.

Drittens reichte Paulsons Instrumentarium wohl auch nicht mehr aus, um die neuen Dimensionen der Turbulenzen zu bewältigen. "Wir treten in die zweite Phase der Finanzkrise ein. Es geht nicht mehr um fehlende Liquidität. Was jetzt zählt, ist die Stärkung der aufgrund der Verluste bei Wertpapieren und Krediten gesunkenen Eigenkapitalbasis der Banken", sagt Martin Faust, Bankenökonom an der Frankfurt School of Finance and Management. Mit dem Aufkauf von faulen Kreditpapieren hätte die Kapitallücke wohl nicht schnell genug geschlossen werden können. Jetzt wird schnelles Geld wichtig, und dafür gibt es laut Faust nur eine Lösung: "Frisches Kapital kann derzeit nur von den Regierungen kommen. Ohne Staat geht es nicht." Möglicherweise reichen die jüngsten Kapitalspritzen nicht mal aus, um die Löcher zu stopfen. "Vielleicht müssen die Regierungen nachlegen oder ihr Engagement verlängern."

So folgt nun die US-Regierung den Europäern und nicht umgekehrt - Zeichen einer Zeitenwende.

Paulsons Rettungsaktion könnte einen Umbruch des US-Bankensystems bedeuten. Die Finanzkrise hatte schon die reinen Investmentbanken ausgelöscht - entweder sind sie verschwunden wie Lehman, oder sie wurden verkauft, oder sie haben sich wie Goldman Sachs in schnöde Geschäftsbanken umgewandelt.

Doch jetzt geht die Revolution einen Schritt weiter - der Staat greift nach mehr Kontrolle. Paulson machte an diesem Dienstag schon klar, dass die Zeiten hoher Boni und üppiger Abfindungen bei den teilverstaatlichten Banken passé sind.

Weitere Schritte könnten folgen - vor allem, wenn der neue Präsident nach der Wahl Barack Obama heißt. Durch einen Regierungswechsel könnte sich der Druck auf die Banken erhöhen, eine Gegenleistung für die Rettungstat zu erbringen. Weniger riskante Engagements in Übersee, mehr Geschäft im heimischen Markt - diesen Tribut müssten die Finanzkonzerne dann wohl zahlen.

Durch die direkte Beteiligung jedenfalls erhöhen sich für den Staat die Chancen, den Kurs der US-Banken zu beeinflussen - wenn sie davon Gebrauch macht, stünde die frühere Superfinanzmacht USA vor einem tiefgreifenden Richtungswechsel.

Für Ex-Investmentbanker Paulson wäre das sicher der Alptraum schlechthin. Gut möglich aber, dass er die ungeliebte Aufgabe gar nicht mehr erfüllen muss - es ist unsicher, ob ein neuer Präsident ihn nach den Wahlen im Amt halten würde.

mit Material von dpa-AFX

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